Zum Tod von Lawrence Weiner

    Freundlicher Mann mit radikalem Ansatz

    03:41 Minuten
    Ein Mann mit sehr langem Bart stützt seinen Kopf auf seine Faust. Hinter im sind schemenhaft große, rote Buchstaben an der Wand. Es ist Lawrence Weiner.
    © imago/SKATA
    02.12.2021
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    Lawrence Weiner war einer der Väter und Mütter der Konzeptkunst. Er schrieb Wörter oder Sätze in gestalteten Buchstaben auf Wände oder sonst wohin. Dabei zählte für ihn vor allem die Idee. Damit hat Weiner die Kunstwelt revolutioniert.
    Lawrence Weiner hat den westlichen Kunstbegriff verändert. Der 1942 in der New Yorker Bronx als Sohn eines Süßwarenladen-Besitzers geborene Künstler wurde Ende der 1960er-Jahre international mit einer führenden Gruppe von Konzeptkünstlern bekannt.
    Zu ihnen gehörten Joseph Kosuth, Sol LeWitt oder Robert Barry, und sie alle einte eine Idee, nämlich: Dass Kunst eigentlich aus nichts anderem besteht als aus Ideen. Damit könnte man Weiner heute eigentlich mit Fug und Recht als großen Idealisten bezeichnen.

    Kunst entsteht im Kopf

    Er vertraute nämlich darauf, dass diejenigen, die ein Kunstwerk betrachten, dieses Kunstwerk schon mit ihren Gedanken, ihren Wahrnehmungen selbst erzeugen. Kunst entsteht bei ihm nicht im Auge des Betrachters, sondern in dessen Kopf.

    Das führte Weiner zu seinem radikalen Ansatz. Statt ein Kunstwerk aus üblichen Materialien herzustellen, etwa ein Gemälde auf Leinwand, eine Skulptur in Stein oder Holz oder eine Installation aus verschiedenen Dingen, schrieb er einfach Wörter oder Sätze in großen, gestalteten Lettern auf Wände.
    Durchaus auch in Museen, aber auch an anderen Orten, wo man eher keine Kunst vermutete. Er tat dies aber nicht wie Graffiti - meist schnell und spontan -, sondern in sehr sorgfältiger, speziell gestalteter Schrift, die so dem Gedanken eine manifeste Stärke verlieh.

    Nur der Gedanke zählt

    Der mögliche Sinn des Satzes erzeugte für die Betrachtenden eine Vorstellung, eventuell eine Fantasie, eine Szene oder ein Gefühl. Was auch immer zwischen Schriftbild und Betrachtenden entstand: Für Weiner war genau das der Kern der Kunst. Nicht das Material des Kunstwerkes, nicht ein bestimmter Stil oder eine bestimmte Form von Schönheit, sondern allein das Immaterielle, der Gedanke.
    Damit bewegte sich Weiner in einer großen Tradition, die vor allem in Europa begründet wurde und deren Anfänge manche nicht von ungefähr in der Philosophie Hegels oder in der deutschen Romantik sahen. Darüber lässt sich streiten.

    "Mein Haus ist dein Haus. Dein Haus ist mein Haus. Wenn Du auf den Boden scheißt, geht‘s auch auf deine Füße."

    Lawrence Weiner

    Fest steht aber: Lawrence Weiner hat der Kunst ein riesiges Spielfeld buchstäblich vor Augen geführt: das der Virtualität, einer Virtualität, die ganz ohne Computer auskommt, sondern immer schon da ist, im Verständnis der Welt als Zeichen und Gedanke. Die Zahl der Künstler und Künstlerinnen, die er damit bis heute beeinflusst hat, ist kaum zu zählen. Als ich ihn in den Neunzigerjahren in Berlin zum ersten Mal traf, begegnete mir ein freundlicher, bescheidener, humorvoller Mann in Jeansjacke und mit langem Trapperbart, der so gar nichts von seinem künstlerischen Ruhm wissen wollte.

    Kunst kann überall sein

    Als Person verkörperte er am allerbesten das Prinzip von Kunst, das er in seinen Arbeiten umsetzen wollte: Einer Kunst, die überall sein konnte und sich nicht absetzt. "Mein Haus ist dein Haus. Dein Haus ist mein Haus. Wenn Du auf den Boden scheißt, geht‘s auch auf deine Füße." Dieses sehr aktuelle Wort-Werk prangte einst am traditionsreichen Gebäude der Wiener Secession.
    2022 sollte Lawrence Weiner den Oskar-Kokoschka-Preis erhalten. Leider kann er ihn nun nicht mehr persönlich entgegennehmen.

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