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Lakonisch Elegant | Beitrag vom 29.11.2018

Lakonisch Elegant#8 Gönn Dir - Was fehlt, wenn der Rausch fehlt?

Von Christine Watty und Julius Stucke

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Bunt leuchtende Lichterstangen (imageBROKER)
"Man muss diese Rauschsituationen provozieren", sagt der Autor Simon Strauß. (imageBROKER)

Immer mal wieder schreiben Kulturleute über die Sehnsucht nach dem wilden, ungeplanten Leben. Zu viel Arbeit, zu viel Kontrolle, zu wenig Rausch. Hat unsere Gesellschaft den Rausch verlernt? Und wenn ja, was fehlt dann eigentlich genau?

In dieser Episode von "Lakonisch Elegant. Der Kulturpodcast" geht es um Rausch - und zwar nicht nur in Form von Rauschmitteln wie Alkohol. Wofür brauchen wir eigentlich Rausch? Und erleben wir in Zeiten von Internet und Binge-Watching noch genügend berauschende Situationen?

Die Autorin Bianca Jankovska, Jahrgang 1991, schreibt in ihrem "Millenial-Manifest": "Aber nicht trinken – und früh nach Hause gehen – , nur weil wir am nächsten Morgen arbeiten müssen? Was ist mit uns passiert? Wo sind die Nächte hin, in denen wir ewig auf waren, um betrunken und bekifft zusammen Nick Cave zu hören? In denen wir selbstverständlich mitgingen in die nächste Bar, ohne vorher den bestmöglichen Heimweg zu googeln?"

Bianca Jankovska sitzt an einem Schreibtisch und lächelt. (Melanie Ziggel)Die Autorin Bianca Jankovska kritisiert die Umstände der heutigen Arbeitsgesellschaft. (Melanie Ziggel)

Ihr Essay sei mehr oder weniger eine Gesellschaftskritik an den Umständen der heutigen Arbeitsgesellschaft, die uns dazu zwingt, früh nach Hause zu gehen, sagt Jankovska. "Diese ganzen After-Work-Aktivitäten zählen offiziell nicht zur Arbeitszeit, sind es aber dann doch. Ich glaube, dass viele sehr beansprucht sind von ihren Jobs, sowohl physisch, psychisch als dann auch noch sozial, zwischenmenschlich."  

Lust auf Sehnsucht fehlt

Der Journalist und Autor Simon Strauß, Jahrgang 1988, suchte in seinem Buch "Sieben Nächte" das intensive Leben. "Wir sind eine wahnsinnig planende und in der Planung sich sicher fühlende Generation. Und deswegen glaube ich, dass man diese Rauschsituationen, die einem ja auch enorm viel Energie geben, auch provozieren muss." Und was fehlt, wenn der Rausch fehlt? "Es fehlt die Lust auf Sehnsucht. Nach dem Sehnen sehnen. Dieses Paradoxon müssen wir wieder lernen."

Erhöhter Karrieredruck auch in der Kreativbranche

Der Literaturwissenschaftler Jochen Venus nennt mögliche Gründe dafür, warum auch in der Kreativbranche der Rausch fehlen könnte: "Es gibt einen erhöhten Karriere- und Konkurrenzdruck – auch in der kreativen Klasse. Und das könnte dazu führen, dass man stärker das Gefühl hat, sich kontrollieren zu müssen. Auf Fitness, auf Gesundheit zu achten, Deadlines einzuhalten."

Christine Watty und Julius Stucke waren außerdem was trinken mit Volker Hauptvogel, der als Ex-Gastronom in Berlin lebt, Bücher schreibt und liebend gern Rausch-Diskussionen führt.


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