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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.08.2013

"Künstler an der Sprache"

Die Autorin Esther Kinsky über das Übersetzen

Moderation: Susanne Burg

Esther Kinsky ist seit fast dreißig Jahren mit dem Übersetzen beschäftigt. (picture alliance / dpa / Tom Schulze)
Esther Kinsky ist seit fast dreißig Jahren mit dem Übersetzen beschäftigt. (picture alliance / dpa / Tom Schulze)

Die Sprache sei das Material, das sie als Übersetzerin gestalten kann, erklärt Esther Kinsky. Das Übersetzen sei dabei ein ganz anderes Feld als das eigene Schreiben: Jedes Gedicht ein "Universum". So sei es beim Übersetzen von Lyrik wichtig, sich in den Text als Klangkörper zu vertiefen.

Susanne Burg: 2009 erhielt sie den renommierten Paul-Celan-Preis für herausragende Übersetzerleistungen und war im gleichen Jahr auch für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Seit fast 30 Jahren übersetzt Esther Kinsky Literatur aus dem Russischen, Polnischen und Englischen. Und sie ist auch selbst Schriftstellerin, hat Lyrik veröffentlicht und erntete gleich mit ihrem Debütroman "Sommerfrische" begeisterte Kritiken.

Wir wollen jetzt aber hier mit ihr über das Übersetzen sprechen, darüber hat sie sich viele Gedanken gemacht, und die hat sie unter anderem im Frühling in einem Essay niedergeschrieben, er trägt den Titel "Fremdsprechen". Und ich freue mich, dass Esther Kinsky zu uns ins Studio gekommen ist. Guten Tag!

Esther Kinsky: Guten Tag!

Burg: Ja, Frau Kinsky, in Ihrem Essay zum Fremdsprechen, da schreiben Sie, ich zitiere mal:

"Ich halte nicht viel von der Betonung von der Rolle des Übersetzers als Brückenbauer und Kulturvermittler. Der Übersetzer ist kein Fremdenführer, auch wenn die Fremde sein Gegenstand ist."

Soweit also das Zitat. Wie sehen Sie denn Ihre Rolle als Übersetzerin?

Kinsky: Mit dieser Frage setzt man vielleicht schon für mich nicht an der richtigen Stelle an. Ich sehe Übersetzer von Literatur als Künstler an der Sprache. Es ist eine schwierige Gratwanderung natürlich, zu sagen, wo ist Kunst, wo ist Handwerk dabei, damit habe ich mich ja auch länger auseinandergesetzt, aber ich glaube nicht, dass es für mein Verständnis dieser Tätigkeit - und ich möchte da auch wirklich ganz speziell nur von mir sprechen, zuträglich ist so einer Rollenzuweisung.

Ich habe die Übersetzung gewählt als Tätigkeit, und aus einer Leidenschaft für Sprache. Ich sehe Sprache als Material, das ich gestalten kann, und da bietet das Übersetzen noch ein ganz anderes Feld als das eigene Schreiben.

Burg: Sie haben eben gesagt, Künstlerin an der Sprache, das finde ich eine interessante Bezeichnung. Der Laie, der denkt ja jetzt erst mal, also Übersetzung heißt: Für ein Wort in einer Sprache finde ich ein Wort in einer anderen Sprache, jetzt mal ganz banal gesagt. Das ist ja schon an sich schwierig genug, weil es für manche Wörter ja nicht unbedingt eine Übersetzung gibt, wenn man zum Beispiel an das deutsche Wort Gemütlichkeit denkt oder so. Welche weiteren Herausforderungen gibt es aber noch? Wie steht es zum Beispiel um die unterschiedliche Grammatik in den Sprachen?

Kinsky: Wenn ich mit Leuten näher spreche über diese Frage der Übersetzung, dann ist für mich immer ein wichtiger Punkt der Illustrierung, der Schwierigkeiten, das unterschiedliche Verhältnis zur Zeit zum Beispiel, das gehört ja im weiteren Sinne auch zur Grammatik.

Jede Sprache oder jede Sprachgruppe, mal gröber gesagt, hat ein ganz anderes Verhältnis zur Zeit. Das sehen wir ja schon in den grammatischen Zeiten, die schon zwischen so allgemein verständlichen Sprachen wie dem Englischen zum Beispiel daran sehr stark abweichend von unserer Sichtweise, wo setzen wir Perfekt und Imperfekt ein, und wie wird die Vergangenheit beispielsweise im Englischen behandelt.

Ich würde sagen, wenn es um die Prosa geht, haben wir immer ein hier und jetzt, von dem aus wir als Standpunkt übersetzen, schreiben, die Sprache behandeln, die zeitlichen Strukturen organisieren, und dieses Jetzt ist immer in den Bezügen anders definiert in jeder Sprache.

Burg: Dann gibt es ja auch noch alleine den Umstand, dass viel zwischen den Zeilen erzählt wird, also zum Beispiel in einem Wort schwingt ja in einer Sprache ganz viel mit. Wenn ich da im Deutschen an das Wort Führer denke zum Beispiel, ein ganzer historischer, gesellschaftlicher Kontext.

Sie geben in Ihrem Text "Fremdsprechen" das Beispiel der Kakerlake im Polnischen. Das müssen Sie einem Polen nicht weiter erklären, uns schon, denn uns fehlt hier der Kontext: Können Sie uns das erklären, und wie füllen Sie dann in der Übersetzung aber diese Lücke aus?

Kinsky: Ja, also das ist so, dass die Kakerlaken seltsamerweise - das ist ja nicht nur im Polnischen, also da bin ich damit konfrontiert - oft die Namen des Feindes tragen. Für die Polen sind die Kakerlaken halt Preußen, und diese Dinge sind natürlich unglaublich schwer rüber zu kriegen.

Ich kann ja jetzt nicht die Kakerlake als Preuße übersetzen, wenn ich ins Deutsche gehe, ich kann aber auch nicht nur Kakerlake nehmen - eigentlich ist das noch sehr, sehr oberflächlich als Problem, aber das ist so was, was sich natürlich permanent stellt, also die historischen Hintergründe, drunter liegenden Schichten eines Wortes.

Beim Übersetzen muss man, glaube ich, sehr stark unterscheiden zwischen den ans Wort gebundenen Schwierigkeiten und den syntaktischen Schwierigkeiten. Und die liegen auf sehr unterschiedlichen Ebenen, und diese semantischen Fragen, die sind natürlich vielleicht auch mehr zugänglich jetzt für den Leser oder Zuhörer, wenn es um übersetzerische Problem geht.

Burg: Die Autorin und Übersetzerin Esther Kinsky ist zu Gast hier im "Radiofeuilleton", heute geht es im Rahmen unseres Lyriksommers im Deutschlandradio Kultur um das Übersetzen.

Frau Kinsky, ein weitverbreitetes Urteil lautet ja auch, Lyrik - über die haben wir ja noch gar nicht so richtig konkret gesprochen - lässt sich nicht übersetzen, beziehungsweise Lyrik lässt sich eigentlich nicht übersetzen. Nun wird Lyrik ja seit 2.500 Jahren ununterbrochen übersetzt. Sind Gedichte dennoch noch mal besonders schwierig zu übersetzen?

"Laut Lesen immer wieder wichtig"

Kinsky: Ja, Gedichte sind einfach ein ganz anderes Feld, würde ich sagen. Sie stellen auch eine ganz andere Herausforderung dar, wobei ich mal mit sehr vielen Einschränkungen sagen möchte, es ist da auch gar nicht so wichtig, diesen ganzen Ballast auch mal neutral gesagt an Konnotationen unbedingt so historisch-landeskundlich zu verstehen, wie das bei der Prosa der Fall ist.

Zeugnis davon legen ja auch viele sehr erfolgreiche Werkstätten ab, in denen Lyriker andere Lyriker übersetzen, ohne jetzt unbedingt den direkten Zugang zum Original zu haben. Ich glaube, der große Unterschied, der zwischen Lyrik und Prosa, ist der, dass die Lyrik mal ganz allgemein gesagt, selbst schon eine Übersetzung der Wirklichkeit darstellt in eine ganz eigene Sprache.

Jedes Gedicht ist sein eigenes Universum eigentlich, das Hier und Jetzt, von dem ich eben gesprochen habe, an dem man sich orientieren kann in der Übersetzung, ist in der Lyrik einfach anders zu definieren. Das ist nicht da, das ist vollkommen relativiert.

Burg: Ein Gedicht ist ja, Tatsache, wirklich noch viel, viel mehr Inhalt als in der Prosa, da geht es um die Form und den Klang. Wie gehen Sie an eine Übersetzung heran, wie versuchen Sie, dem Originaltext in der Übersetzung dann möglichst gerecht zu werden?

Kinsky: Bei der Lyrik spielt natürlich der Klang, der Rhythmus, die Bezüge der Worte zueinander in diesem Miniuniversum des Gedichtes, eine ganz, ganz große Rolle. Also ich glaube, beim Übersetzen von Lyrik ist es noch viel wichtiger, einfach sich in diesen Text als Klangkörper zu vertiefen als bei der Prosa.

Bei anspruchsvoller Prosa ist auch das laut Lesen immer wieder wichtig, sowohl des Originals für sich selbst als auch der eigenen Übersetzung. Aber bei der Lyrik ist es noch von viel größerer Bedeutung, dass man versteht, welchen Klangzusammenhang die Wörter auch haben. Man muss dann natürlich auch bei jedem Gedicht entscheiden, was die Priorität ist. Will ich diesen Klangkörper nachgestalten oder sind die inhaltlichen Bezüge so wichtig, dass ich den Klang an zweite Stelle setze?

Burg: Sie haben einmal ein Prosa-Langgedicht über London verfasst, wo sie lange gelebt haben. Sie haben es auf Englisch geschrieben und dieses dann selbst ins Deutsche übersetzt. Die beiden Gedichte wurden nebeneinander abgedruckt. Sie schreiben in Ihrem Essay "Fremdsprechen": "Ich möchte diese Erfahrungen nicht noch einmal machen." Warum nicht?

Kinsky: Deshalb, weil ich glaube, man wird zu stark konfrontiert mit der Unvereinbarkeit der Welten, die die Sprachen im eigenen Kopf darstellen. Man ist als Autor ja auch gleichzeitig der Urheber dieser ursprünglichen - ich nenne das immer mal gerne Vision, ohne irgendeinen spirituellen Beiklang, sondern man hat ja eine ganz bestimmte Vorstellung.

Und diese Vorstellung wird im eigenen Kopf quasi angegriffen durch die Übersetzungstätigkeit. Wenn ich an dem fertigen Werk arbeite, ohne der Inhaber dieser Vision zu sein, also nur als Übersetzer von Lyrik, dann habe ich eine ganz andere Aufgabe, aber wenn ich beides im Kopf habe, die Emotionen, die Vorstellungen, die sich mit den einzelnen Wörtern in der Originalsprache verbinden, die geraten dann zwangsläufig in den Konflikt mit den ganz anderen Konnotationen in der Übersetzungssprache. Und das lässt einen dann schließlich unzufrieden werden. Ich fand da meinen eigenen Text, den habe ich als viel für mich unübersetzbarer empfunden als andere Texte, die ich übersetzt habe.

Burg: Die Schriftstellerin und Übersetzerin Esther Kinsky. Vielen Dank für Ihren Besuch, Frau Kinsky!

Kinsky: Ich danke Ihnen für die Einladung!

Burg: Ihr Essay "Fremdsprechen" ist im März bei Matthes und Seitz erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 17,90 Euro.

Mit unserem Lyriksommer geht es noch bis Ende August weiter hier im Programm von Deutschlandradio Kultur. Heute Abend um 19:30 Uhr feiert die Literatur ein außerordentliches Bauwerk über dem East River, das Manhattan und Brooklyn verbindet, nämlich die Brooklyn Bridge, mit dem Poem des US-Lyrikers Hart Crane.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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