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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 03.01.2020

Kritik an BabyboomernGenerationenkonflikt um Konsum und Wachstum

Ein Standpunkt von Martin Tschechne

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Auf einem Protestschild steht "Flugzeug, Schnitzel, SUV?! Danken sie dir später nie!". (Unsplash / Markus Spiske)
Globaler Klimastreik im September 2019: Ein Protestschild thematisiert den Konflikt der Generationen. (Unsplash / Markus Spiske)

Jahrelang fuhr der Journalist Martin Tschechne seine Kinder bis vors Schultor, finanzierte ihnen Fernreisen und eine Jugend im Überfluss. Dass sie jetzt ankommen und ihn als Klimasünder an den Pranger stellen, will er nicht auf sich sitzenlassen.

Der Generationenkonflikt ist am Frühstückstisch angekommen. Und amüsant eigentlich, wie ähnlich die Anwürfe doch sind, die in diesem Dramolett hin und her fliegen.

Ihr habt nie im Leben für irgendetwas Verantwortung übernommen, legt also der Vertreter der anderen Generation, der jüngeren, vor. Ihr musstet nie verzichten. Alles wurde euch hingelegt, fix und fertig, immer nur zu eurem Besten. Und was macht ihr daraus? Ihr vertrödelt eure Zeit mit sinnfreiem Konsum.

Mit Wohlstandsattrappen, deren Verfallsdatum schon bei der Auslieferung programmiert ist. Und mit selten dämlichem Spielzeug: Kreuzfahrtschiffen, Geländewagen, solche Sachen. Und hinterlasst – politisch, moralisch und ganz konkret – nichts als einen Riesenhaufen Müll.

Bloß nicht erwachsen werden

Was kann einer erwidern, der das Glück oder Pech hat, irgendwann zwischen Mitte der 50er- und Ende der 60er-Jahre geboren zu sein? Gar so locker mag man sich die Butter auch nicht vom Brötchen nehmen lassen.

Also: Euer Spielzeug ist um nichts weniger dämlich. Eure Dauerpräsenz im Netz frisst Strom, und ihr nehmt es nicht mal zur Kenntnis. Sie verengt euren geistigen Spielraum, und ihr liefert dazu noch die Daten.

Ihr lebt wohlstandsverwöhnt und anstrengungsfrei, stolpert ahnungslos durch die Weltgeschichte, Abi-Fete in Benidorm, zum Chillen nach Neuseeland, und studiert dann 35 Semester lang irgendein "international" Tralala. Bloß nicht erwachsen werden! Wo, bitte, ist da die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen? Übernehmt sie doch erst mal für euch selbst!

Meinetwegen sind wir also die Boomer. Wir haben uns das nicht ausgesucht. Wir wurden hineingeboren in eine Zeit, in der es immerzu bergauf ging. Zumindest glaubten unsere Eltern daran. Später, als es um Ausbildungs- und Studienplätze ging, um Jobs, da wurde klar, dass niemand auf uns gewartet hatte. Wir waren einfach sehr viele! Und freut euch schon mal: Demnächst gehen wir in Rente!

Die Generation der Kronprinzessinnen

Bis dahin ihr seid ihr die Generation der Kronprinzen und -prinzessinnen. Ihr wurdet schon in der Planung vor 18, 20 oder 25 Jahren konzipiert als Juwelen der elterlichen Biografie. Da durfte natürlich an nichts gespart werden: im kindgerecht ausgestatteten Kleinbus zur multi-lingualen Krabbelgruppe, Waldorfschule, Bio-Fruchtzwerge – alles pädagogisch wertvoll, ökologisch überprüft, mit Gütesiegel der Experten. Warum sollen da ausgerechnet wir uns als Generation der ewigen Nutznießer beschimpfen lassen?

Weil wir was tun, sagt da der junge Mensch am Frühstückstisch. Wir haben erkannt, wie nah euer konsumfixiertes Dasein, eure Wachstumsideologie und die gedankenlose Vielfliegerei den Planeten an die Kante zur Katastrophe gebracht haben. Und wir gehen auf die Straße, jeden Freitag. Weil wir kapiert haben, dass wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen müssen. Als wollte er sagen: Wenn ihr es schon nicht tut.

Moment mal! Wir waren es doch, die für den Weltfrieden demonstriert haben. Für Abrüstung. 83 in Bonn. Die größte Demo, die es je gegeben hatte. Die Weltgeschichte ging dann andere Wege – aber immerhin haben wir damals gelernt, dass wir zuständig sind.

Wir verteidigen eine Lebensform

Kürzlich wurden in Hamburg die Klimaschutzbewegung Fridays for Future und der frühere Ratspräsident der EU, Donald Tusk am selben Tag für ihr Engagement geehrt. Tusk, Jahrgang '57, also auch ein Boomer, war seinerzeit aufgebrochen, um ein totalitäres Regime in seiner Heimat Polen zu überwinden. Er hatte für seine Überzeugung im Gefängnis gesessen.

Gut, dass wir darüber hinaus sind, sagte er zu den jungen Leuten neben ihm auf der Bühne. Heute müssen wir eine Idee verteidigen, die Europa heißt, aber eigentlich eine Lebensform bezeichnet. Man könne sie Freiheit nennen. Und dann auch er: Wir sind da zuständig.

Und genau das ist es, was wir euch weitergeben wollten.

Martin Tschechne (privat)Martin Tschechne (privat)Martin Tschechne hat zwei tolle Söhne. Es hätten ruhig mehr Kinder sein dürfen – aber dazu hätte er früher und mutiger mit der Familienplanung beginnen müssen. Der Journalist und Autor lebt mit seiner Familie in Hamburg. Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie DGPs zeichnete ihn 2012 mit ihrem Preis für Wissenschaftspublizistik aus. Zuvor erschien seine Biografie des Begabungsforschers William Stern.

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