Meinung zur Fußball-WM

Was Messi uns über das Altern in Würde lehrt

05:11 Minuten
Der argentinische Fußball-Superstar Lionel Messi mit dem Ball bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Spiel Argentinien gegen die Schweiz am 11. Juli 2026.
Mit 39 noch im Spitzenfußball: Der argentinische Fußball-Superstar Lionel Messi versucht, die verbliebenen Möglichkeiten geschickter zu nutzen. © picture alliance / Anadolu / Ercin Erturk
Von Björn Vedder |
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Die beiden größten Stars der Fußball-WM, Messi und Ronaldo, vollbringen eindrucksvolle Rekorde – trotz ihres Alters. Dabei führen sie unterschiedliche Weisen vor, mit dem eigenen Altern umzugehen. Von Messi können wir als Gesellschaft lernen.
Das Alter scheint immer mehr zu einer Randnotiz von Profi-Fußballern zu werden. Eindrucksvoll zeigen das die beiden größten Stars dieser WM, Messi und Ronaldo mit ihren Rekorden. Beide spielen ihre sechste WM. Der eine hat so viele WM-Tore geschossen wie noch niemand zuvor. Der andere hat als einziger Spieler bei allen sechs Turnieren getroffen.
Vor allem führen sie jedoch zwei unterschiedliche Weisen vor, mit dem eigenen Altern umzugehen. Und davon können wir auch jenseits des Platzes etwas lernen.
Ronaldo spielt immer noch, als wäre er ein junger Gott: Er rennt und kämpft und ackert und beweist, dass er auch in der Mitte des Lebens noch die überragende Fitness besitzt, für die er als Fußballer berühmt geworden ist.
Dass ein Mensch mit 41 Jahren noch an der Weltspitze spielen kann, ist ein sportmedizinisches Wunder.
Messi hingegen rennt nicht mehr. Er geht im Strafraum spazieren und kämpft nicht um jeden Ball. Wenn er aber einen bekommt, geschehen kleine Wunder. Acht Tore in fünf Spielen. Ein Lehrstück der Effizienz. Und eine kluge Art und Weise mit dem Altern umzugehen.

Marcel Proust und das Altern: Immer weniger Leben vor uns

Denn alt zu werden, bedeutet nicht nur Kraft zu verlieren, sondern vor allem Möglichkeiten. Wenn wir jung sind und das ganze Leben noch vor uns haben, liegt uns die Welt zu Füßen. Wenn wir älter werden, kehrt sich das Verhältnis jedoch um. Wir haben immer mehr Leben hinter uns und immer weniger vor uns.
Die gelebte Zeit, das zeigt Marcel Proust in der "Recherche", ist ja eigentlich ein Raum, den wir in uns aufnehmen und in Erinnerungen verwandeln. Dabei wird der Brunnen unserer Erinnerungen immer tiefer, die Welt vor uns jedoch wird immer enger.
Ronaldo und Messi stehen für zwei verschiedene Weisen, mit dieser Beschränkung umzugehen. Ronaldo steht für den Versuch, das Leben zu verlängern und den Horizont ein bisschen weiter hinauszuschieben. Wenn wir nur stark genug bleiben, sind wir noch nicht alt und können noch ein bisschen mitspielen.
Messi geht einen anderen Weg. Er versucht nicht, der Verknappung mit größerer Anstrengung zu begegnen, sondern die verbleibenden Möglichkeiten geschickter zu nutzen. Verdichten anstatt zu erweitern. Und das kann er gerade, weil er alt geworden ist. Sein Brunnen der Erinnerungen ist tief, die Erfahrung ist groß. Das heißt aus der Not eine Tugend machen.

Messi vs. Ronaldo: Die Rolle des Alters in der Gesellschaft

Mit Messi und Ronaldo sind nicht nur individuelle Haltungen zum Altern verbunden. Ihre Position in der Mannschaft zeigt auch verschiedene Rollen des Alten in der Gemeinschaft.
Ronaldo setzt sich als Spielertyp weiterhin der harten Konkurrenz im Team aus. Als älterer Spieler will und muss er genauso schnell laufen wie die Jungen. Und wenn ihm das nicht gelingt, wird ihm das angelastet.
Das Team, schrieb die Zeitung Público nach Ronaldos schwachem Auftritt in der Partie gegen Kongo, sei „seinem Vertrauen in Ronaldo ausgeliefert“ gewesen. Manuel Neuer ging es ähnlich. Sein Comeback, urteilte die Sportschau nach der Niederlage gegen Paraguay, sei „ein großes Missverständnis“ gewesen.

Generativität im Fußball: Etwas an die Jüngeren zurückgeben

Bei den Argentiniern ist das anders. Die Spieler nehmen Rücksicht auf Messi und organisieren ihr Spiel um Messis reduzierte Reichweite herum, weil sie wissen, dass sie von seiner Erfahrung immer noch profitieren können.
Im Gegenzug drängt sich der Alte nicht vor, sondern gibt auch anderen den Raum, zu glänzen um etwa nach seinen Ecken Tore zu schießen. So kann Messi in Würde altern und gleichzeitig etwas an die Jüngeren zurückgeben.
„Generativität“ nennt das der Entwicklungspsychologe Erik Erikson: Die im mittleren Alter entwickelte Fähigkeit und Bereitschaft, nicht immer nur selbst glänzen zu müssen, sondern auch den jüngeren Raum zu lassen und das eigene Wissen und die Erfahrung an sie weiterzugeben.
Auf dem Rasen ist das alles natürlich nur ein Spiel. Beim Zusehen können wir uns aber fragen, wie wir selbst altern wollen, individuell und als Gesellschaft.

Björn Vedder ist Philosoph und Publizist. Zuletzt erschien sein Essay „Rosa sehen statt untergehen“, ein Streifzug durch die Kulturgeschichte einer oft verkannten Farbe. Zuvor publizierte er Bücher wie "Das Befinden auf dem Lande. Verortung einer Lebensart" oder "Solidarische Körper. Die Aufweichung des Hardbodys in der flüssigen Moderne".

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