Trend Longevity

Auch das ewige Leben hat einen Preis

Auf einer Wand steht "Life is short": Das Leben ist kurz.
Das Leben, ist es zu kurz? Viele Menschen empfinden das so. © IMAGO / imagebroker / Krasimira Nevenova
So lange leben wie irgend möglich: Der Longevity-Trend ist nicht mehr nur ein Silicon Valley-Phänomen. Der Hype sorgt weltweit für Milliarden-Investitionen in Biotech-Firmen – und wirft zugleich viele ethische und philosophische Fragen auf.
Ein langes und gesundes Leben – wer wünscht sich das nicht? Schon in der griechischen Mythologie gab es den Jungbrunnen, der einen verjüngenden Effekt haben sollte - und wer in den goldenen Apfel der Hesperiden biss, wurde gar unsterblich.
Der Wunsch nach ewiger Jugend ist so alt wie die Menschheit – und momentan wieder sehr aktuell. Kliniken werben mit Programmen zur Verlängerung des Lebens. Tech-Millionäre investieren viel Geld, um ihren Körper zu verjüngen. Longevity, also Langlebigkeit, heißt der Trend – ein Überblick.

Das Silicon Valley und der Traum vom ewigen Leben

Alter und Tod besiegen: Der Hype darum stammt vor allem aus den USA, wo der Tech-Millionär Bryan Johnson via Social Media allen zeigen will, was heutzutage schon möglich ist. Johnson setzt sein Vermögen für den Traum vom ewigen Leben ein.
48 Jahre alt ist er auf dem Papier, biologisch aber nach eigenen Angaben schon etliche Jahre jünger. Bis auf 18 Jahre will er seine Körperuhr zurückdrehen. Inzwischen hat sogar Netflix seine Anti-Aging-Bemühungen dokumentiert: Johnson schluckt Massen von Pillen, lässt seinen Körper und dessen Funktionen rund um die Uhr überwachen und ist auch experimentellen Behandlungen nicht abgeneigt.
Für Tech-Milliardär Peter Thiel ist Longevity ebenfalls ein großes Thema: Er hat viel Geld in Biotech-Unternehmen investiert, die nach Wegen suchen, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Auch Amazon-Gründer Jeff Bezos und Meta-Chef Mark Zuckerberg stecken Geld in die Forschung. Thiel hat angekündigt, sich später einmal einfrieren zu lassen – damit er möglicherweise irgendwann in der Zukunft wiederbelebt werden kann.

Lebensbedingungen und ihre Auswirkungen auf das Altern

Die Suche nach dem goldenen Apfel der Hesperiden wirft viele ethische, philosophische und auch ökonomische Fragen auf – hier könnte der Hype um das lange oder sogar ewige Leben auch ein Motor für gesellschaftliche Debatten sein. Was macht man mit (viel) mehr Zeit? Was bedeutet eine deutlich steigende Lebenserwartung für unsere Sozialsysteme? Und dürfen wir alle länger leben, oder nur jene, die es sich leisten können?
Wie alt wir derzeit werden, hängt nicht nur vom individuellen Lebenswandel ab. Auch die Lebensbedingungen spielen eine Rolle, die Belastungen bei der Arbeit, die Umweltqualität oder Bildungsunterschiede. Schon heute blieben die Menschen mit den höchsten Einkommen ungefähr bis zum 75. Lebensjahr gesund, sagt der Medizinethiker Hansjörg Eni - 20 Jahre länger als diejenigen mit dem geringsten Einkommen. Bei ihnen beginnen die ernsthaften Gesundheitsprobleme oft schon ab Mitte 50. In Zukunft könnte diese Schere noch weiter auseinandergehen, meint Eni. Nämlich dann, wenn medizinische Möglichkeiten dazukommen, die kostspielig sind und dadurch nicht allen offenstehen.

US-Biotech: Die Privatisierung der Grundlagenforschung

Vor einer solchen Welt warnt auch die Alterungsforscherin Corina Madreiter-Sokolowski von der Universität Graz. Der Longevity-Hype im Silicon Valley vereine Investoren, Tech-Unternehmer und führende Wissenschaftlerinnen von renommierten Universitäten. Das Ergebnis: hochwertige Forschung. Aber auch die Privatisierung der Grundlagenforschung.
Erkenntnisse kämen deswegen womöglich nur einem elitären Kreis und nicht der Allgemeinheit zugute, kritisiert Madreiter-Sokolowski: „In unserer alternden Gesellschaft halte ich es deshalb für wirklich zentral, dass die staatliche Förderung der Alterungsforschung weiter forciert wird, damit Wissen offen zugänglich bleibt“ - und nicht durch „Überhypes“ oder reines Profitinteresse bestimmt werde.

Durchschnittliche Lebenserwartung und Tipps für ein längeres Leben

Sicher ist: Wer lange leben möchte, sollte gesund leben. Die Tipps dafür sind überall ähnlich: Nährstoffreich essen, Kalorien reduzieren, regelmäßig körperlich aktiv sein, nicht rauchen, möglichst wenig Alkohol trinken, ausreichend schlafen, soziale Kontakte pflegen, Stress vermeiden. Wer so lebt, hat zwar keine Garantie, alt zu werden – denn auch die Gene spielen eine entscheidende Rolle. Aber zumindest kann man auf diese Weise die Wahrscheinlichkeit deutlich steigern, lange gesund zu bleiben, und damit länger zu leben.
Den Deutschen gelingt das mit Blick auf Statistiken nur bedingt: 2023 lag die durchschnittliche Lebenserwartung hierzulande bei Geburt bei 81,2 Jahren, die Frauen leben dabei im Schnitt länger als die Männer. In Spanien waren es im Schnitt über die Geschlechter hinweg schon 84 Jahre, die Schweiz und Liechtenstein liegen sogar noch darüber, ebenso Japan und Südkorea. Es führen weltweit: San Marino und Monaco (86,4).
In den nächsten Jahrzehnten wird die Lebenserwartung vermutlich weiter steigen, dem technologischen und medizinischen Fortschritt sei Dank. Das Ärzteblatt hat in einem Medizinreport alle Substanzen zusammengetragen, an denen derzeit geforscht wird und die irgendwann einmal eine Rolle für die Verjüngungs-Pille spielen könnten. Wer jetzt schon etwas jenseits von Sport und gesunder Ernährung tun will, kann sich inzwischen in auf Longevity spezialisierten Praxen einer Sauerstofftherapie unterziehen oder Infusionen geben lassen.
Wissenschaftler warnen allerdings davor, dass nicht alle Behandlungsmethoden ausreichend klinisch getestet sind. Über hochdosierte Vitamininfusionen wisse man weder, ob sie wirksam gegen den Alterungsprozess, noch ob sie überhaupt sicher in der Anwendung seien, sagt die Molekularbiologin Madreiter-Sokolowski.

Ewiges Leben versus Gesundheitsspanne

Der Trend zur Langlebigkeit wird durchaus unterschiedlich verstanden. Während es Szenegrößen wie Bryan Johnson darum geht, den Tod zu besiegen oder ihn zumindest so lange wie möglich hinauszuzögern, denken andere vor allem über mehr Lebensqualität im Alter nach. Ihr Ziel sei nicht die ewige Jugend, „sondern dass Menschen auch mit 85 noch fit sind, gesund leben und vielleicht sogar mit ihren Freunden auf einen Berg hinaufsteigen können“, so Madreiter-Sokolowski. „Wir wollen also die gesunde Lebensspanne, die sogenannte Gesundheitsspanne verlängern.“
„Meine Idee von Longevity ist die eines sinnvollen und eines guten Lebens“, sagt auch Ursula Wagner. Sie leitet das Coaching Center Berlin und bildet unter anderem Menschen aus, die andere beim Streben nach Langlebigkeit begleiten und beraten. Nur lange leben ist für die Psychologin nicht die Antwort. Eine „Schattenseite der Longevity-Bewegung“ sei auch der „Optimierungszwang“, den manche empfänden, sagt Wagner. Oder auch die Interpretation von Krankheiten als Scheitern. Das habe etwas „Unbarmherziges“.

Das ewige Leben gibt es schon längst

Was beim Nachdenken über den Longevity-Hype oft übersehen wird, ist der Umstand, dass es das ewige Leben schon längst gibt. Wonach Bryan Johnson und Peter Thiel dürsten, haben die christlichen Kirchen bereits seit langer Zeit im Angebot. Doch das ewige Leben gebe es, sagt der Theologe Rasmus Nagel, eben nur zu einem Preis: dem Tod.
Nagel beschäftigt sich an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg mit dem Verhältnis von Theologie und Naturwissenschaft. Das ewige Leben sei nicht einfach nur eine Fortsetzung des Lebens auf der Erde, sondern eben auch ein „qualitativer Begriff“, betont er.
Nagel sieht in den Bestrebungen nach Langlebigkeit ein „interessantes Dilemma. Auf der einen Seite wollen wir weiterleben und nicht sterben. Und andererseits erschreckt uns aber auch die Vorstellung einer unendlichen Fortdauer des Lebens“, sagt er. Schließlich gehöre die Endlichkeit zu den Bedingungen, die den Menschen zum Menschen machten. Das Leben selbst ist ohne Vergänglichkeit nicht zu denken. Was wäre das für ein Mensch, der ewig lebt?

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