Vier Superkräfte

Was Kinder besser können als Erwachsene

Ein kleines Kind steht mit dem Rücken zum Betrachter am Ufer eines Gewässers und hält mit beiden Händen einen großen Stock hoch
Große Kraft haben Kinder noch nicht, dafür aber Superkräfte - zum Beispiel Fantasie und einen großen Bewegungsdrang © imago / Rolf Poss
Onlinetext: Beate Thomsen |
Kinder haben Fähigkeiten, die Erwachsene längst verlernt haben. Welche Stärken das sind – und warum schon eine allein glücklicher und klüger macht: ein Kinderarzt, eine Autorin, eine Lehrerin und eine Psychologin geben Antworten.
Kinder gelten häufig als Herausforderung: für Eltern, Schule und Politik. Dann ist die Rede von fehlenden Kitaplätzen, psychischen Belastungen, Lernrückständen oder der schwierigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ständig müssen Probleme gelöst werden.
Dabei geht in den Debatten manchmal etwas Entscheidendes unter: Kinder sind nicht nur Menschen, die etwas noch nicht können – sie sind Menschen, die manches sogar besonders gut können.
Was sich Erwachsene von ihnen (wieder) abschauen könnten, dazu die Sicht des Kinderarztes Nibras Naami, der Autorin Karen Köhler, der Bildungsaktivistin Gloria Boateng und der pädagogischen Psychologin Franziska Eckerskorn.

Nibras Naami über Bewegungsfreude: Bewegung und Lernen hängen zusammen

Kinder haben einen natürlichen Drang, sich zu bewegen. Diese Energie liegt ihnen in den Genen, erklärt der Kinderarzt Nibras Naami: Für unsere Vorfahren, die inmitten von Naturgewalten lebten, war Bewegung überlebenswichtig. Bis heute profitiert davon vor allem das Gehirn.
Wenn Kinder rennen, toben und raufen, werden Naami zufolge Hirnareale miteinander verknüpft. Gleichzeitig schüttet der Körper positive Hormone wie Dopamin und Serotonin aus. Bewegung macht also nicht nur fit, sondern auch froh: „Die Biologie hat das ganz gut gemacht, dass die Kinder einfach auch Freude daran haben, sich so viel zu bewegen“, sagt Naami.
Spielen und Toben erfüllen zudem eine wichtige soziale Funktion, so der Kinderarzt und Podcaster („Hand, Fuß, Mund“). Kinder lernen, die Perspektive zu wechseln und flexibel auf andere zu reagieren – etwa beim Fangen. Auch die Emotions- und Stressregulation profitiert. Bewegen sich Kinder zu wenig, leidet oft die Laune.
In einer überwiegend sitzenden Gesellschaft täte es vielen gut, sich etwas vom kindlichen Bewegungsdrang zu bewahren, unterstreicht Naami. Er verweist auf Studien, wonach positive Hormone und entsprechende Rezeptoren im Gehirn mit dem Alter zwar abnehmen. Wer sich viel bewegt, kann diesen Abbau jedoch verlangsamen – und damit „präventiv auch etwas für seine eigene Stimmung“ tun, so Naami.
Nicht zuletzt profitieren auch das Denken und das Gedächtnis. Bewegung erhält laut dem Arzt die „Plastizität“ des Gehirns und bremst den Abbau kognitiver Fähigkeiten.

Karen Köhler über Fantasie: Kinder halten vieles für möglich

Kinder reagieren oft mit Fantasie und Offenheit auf Dinge, die sie nicht kennen oder verstehen. In der Kindheit sei der "Raum der Fantasie noch wahnsinnig groß“, sagt die Schriftstellerin Karen Köhler, „und wir halten ganz viele Dinge für möglich.“
Wenn wir dann allerdings durch die „Normstanze der Gesellschaft gepresst“ werden, wie sie es nennt – also durch Kindergarten, Schule, Beruf – schrumpfe dieser Raum. Dabei liegt nach Köhlers Auffassung „unsere eigentliche Lebensbestimmung“ darin, „dass wir uns entfalten können in der Art, wie unsere Tentakel, welche auch immer wir da ausbilden, sich in die Welt bewegen mögen“.
Als Erwachsene, so die Autorin, beginnen wir jedoch, stärker in Kategorien von Grenzen und Zukunftssicherung zu denken und Vergangenes zu verarbeiten: „Aber wir erlauben es uns nicht mehr, im Augenblick zu sein und das Leben in seiner absoluten Schönheit und Intensität zu erfahren.”
Fantasie hat nicht immer mit Spaß zu tun, wie Köhler betont. Sie helfe auch, mit dem Leben und den eigenen Gefühlen klarzukommen. Auch mit Sterben und Tod.
Während Erwachsene nach Köhlers Erfahrung dem Thema oft mit Abwehr begegnen, sind Kinder neugierig: Was kommt danach? In diesen unbekannten „Raum“ gelangen sie nur mit Fantasie.
Das zeigt Köhler auch in ihrem Buch „Himmelwärts“, das 2025 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Darin trauert ein zehnjähriges Mädchen um seine verstorbene Mutter. Gemeinsam mit seiner besten Freundin versucht es, die Mutter im Jenseits zu erreichen – mit einem selbstgebauten Radio.
Im Umgang mit dem Tod kann sich aus Sicht der Autorin eine weitere kindliche Superkraft zeigen, von der sich Erwachsene etwas abschauen könnten: Gefühle durch sich hindurchfließen zu lassen, wie in einem „Flussbett“. Was sie damit meint? Ein Kind kann in einem Moment über einen verstorbenen Menschen sprechen – und im nächsten sagt es: „Jetzt spielen wir Fußball.“

Gloria Boateng über Offenheit: Zuerst den Menschen sehen, nicht die Kategorie

Kinder kommen nicht mit Vorurteilen auf die Welt – sie erlernen sie, sagt die Lehrerin und Bildungsaktivistin Gloria Boateng. Für Kinder sei Vielfalt zunächst völlig normal: „Sie interessieren sich für Unterschiede, aber sie empfinden sie nicht als bedrohlich.“
Statt in Kategorien des „Andersseins“ denken Kinder in Beziehungen, so Boateng. Zum Beispiel fragen sie, ob jemand ihr Freund sein will. „Kinder sehen immer zuerst den Menschen, und wir Erwachsenen sehen oft erst die Kategorie und bewerten sie entsprechend.“
Da Kinder schnell lernen und sich einordnen – in der Familie, in der Kita – übernehmen sie dieses Denken jedoch bald, bedauert Boateng. Sie selbst kam im Alter von zehn Jahren aus Ghana nach Deutschland und wuchs in einer Pflegefamilie auf. In der Schule erfuhr sie viel Rassismus.
Boateng wirbt dafür, Kindern beizubringen, einen fremden Menschen nicht pauschal als Gefahr einzuordnen. „Sie sollen lernen zu sagen, was sie wollen und was nicht. Aber sie sollen nicht unsere Ängste lernen.“

Franziska Eckerskorn über Selbstwirksamkeit: "Ich kann das (lernen)!"

Kinder lernen anfangs aus natürlicher Neugier, sagt die pädagogische Psychologin Franziska Eckerskorn. Sie seien beim Lernen „beinahe enthemmt“ und neugierig darauf, alles auszuprobieren: „Kinder bleiben so lange dran, bis sie es können.“
Anders als viele Erwachsene begreifen Kinder Fehler oder Rückschläge eher als „Helfer“ denn als Misserfolge, so Eckerskorn. „Wenn wir uns das abschauen würden, würden wir, glaube ich, viel gewinnen“, sagt sie.
Mit zunehmender Reife – etwa ab dem Alter von sechs Jahren – beginnen Kinder sich zu vergleichen. „Das ist ganz normal“, betont die Wissenschaftlerin. Problematisch werde es jedoch, wenn sie daraus „statische Selbstbilder“ ableiten. Etwa die Annahme, schlecht in Mathematik zu sein und daran nichts ändern zu können.
Eckerskorn sieht hier viele Handlungsfelder. Zwei Beispiele: Zum einen können Erwachsene Rollenvorbilder sein. Hier gehe die Botschaft klar an uns: Wie gehen wir mit uns selber um? „Leben wir den Kindern vor, ob wir selbst achtsam mit uns sind, milde mit uns sind?“
Zum anderen sei eine gute Feedbackkultur entscheidend. Statt ein Kind für eine eher unterdurchschnittliche Leistung zu loben, gehe es darum zu betonen, dass es sich durch Unterstützung, Anstrengung und Übung deutlich verbessern könne. So signalisiere man dem Kind: „Ich traue dir etwas zu.“ Das sei der „Dreh- und Angelpunkt“, so Eckerskorn.
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