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Lesart | Beitrag vom 18.03.2020

Ken Liu (Hrsg.): "Zerbrochene Sterne"Von Restaurants im All und Computer-Gehirn-Schnittstellen

Von Marten Hahn

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Buchcover zur Kurzgeschichtensammlung "Zerbrochene Sterne" (Heyne Verlag)
Chinesische Science-Fiction-Geschichten, ausgesucht von Ken Liu: Keine Best of-Sammlung, sondern eine ganz nach dem Geschmack des Kurators. (Heyne Verlag)

Keinen biologischen Virus, aber viele andere Alpträume bietet die Geschichtensammlung "Zerbrochene Sterne". In den chinesischen Science-Fiction geht es um unter Wasser lebende Wanderarbeiter, Schadsoftware und die Klimakatastrophe.

Um das gleich vorab zu klären: Bei aller Vorliebe des Science-Fiction-Genres für dystopische Zukunftsentwürfe findet sich in "Zerbrochene Sterne" keine einzige, echte Virus-Geschichte. Dafür hat die neue Sammlung chinesischer Science-Fiction-Geschichten andere Alpträume im Angebot: von der Einsamkeit des modernen Menschen bis zur bevorstehenden Klimakatastrophe.

Zusammengestellt hat das Buch der US-Autor Ken Liu. Es ist nicht das erste Mal, das Liu eine literarische Brücke zwischen China und dem Westen baut. Liu hat nicht nur Chinas Scifi-Star Liu Cixin ins Englische übersetzt und damit dessen Roman "Die Drei Sonnen" zum Welterfolg verholfen. Er hat auch mit "Inivisible Planets" 2016 schon einmal eine Sammlung chinesischer Science-Fiction herausgebracht, die damals jedoch nur auf Englisch erschien.

Leitgedanke einer Weltgemeinschaft

In "Zerbrochene Sterne" hat Ken Liu einige bekannte Namen versammelt. Bestseller-Autor Liu Cixin hat eine bisher unveröffentlichte Geschichte beigesteuert. "Mondnacht" ist eine gelungene Parabel über unser Unvermögen, mit der akutellen Klimakrise umzugehen.

Ein Mann erhält Anrufe aus der Zukunft, um die Katastrophe aufzuhalten – doch der Erfolg bleibt aus. Die Geschichte greift einmal mehr Liu Cixins Leitgedanken einer Weltgemeinschaft auf: "Wer einmal verstanden hat, wie bedeutungslos der Einzelne angesichts der endlosen Ausdehnung von Raum und Zeit ist, den kann nichts mehr erschüttern."

"Mondnacht" gehört zu den eingängigsten und geschliffensten Geschichten im Buch. Nicht alle der 17 Erzählungen sind Meisterwerke. Doch schon in der Einführung macht Liu klar: Ein Best-Of sei nicht das Ziel gewesen.

Der Kurator hat sich hier ausschließlich vom eigenen Geschmack leiten lassen: "Perfekte Geschichten interessieren mich nicht; ich glaube, dass eine Geschichte, die eine einzige Sache richtig macht, besser ist als eine, die nichts 'falsch' macht."

Das klingt zunächst befremdlich. Wer will schon halbgute Literatur lesen? Aber Lius Konzept geht auf. Geschichten wie "Großes steht bevor" von Baoshu haben Schwächen, widmen sich aber auf originelle Weise großen Fragen: Was ist Fortschritt? Gibt es eine Garantie dafür, dass es immer vorwärts geht? Und was heißt eigentlich vorwärts? Aus der Vergangenheit wird hier die Zukunft, wie in einem Trickfilm, der ein zusammengebautes Autos wieder in seine Einzelteile zerlegt.

Pandemie im Cyberpunk-Zeitalter

Und Erzählungen wie "Uboote" von Han Song über submarin lebende Wanderarbeiter und Anna Wus "Das Restaurant am Ende des Universums" sind so bildstark wie fantasiereich. Dass Netflix zunehmend Inhalte in China einkauft wundert nicht.

Die letzte Geschichte im Buch bietet dann doch noch einen viralen Moment. In "Eine kurze Geschichte zukünftiger Krankheiten" beschreibt der Autor Qiufan Chen eine "Pandemie des Cyberpunk-Zeitalters".

Hacker haben begonnen, allgegenwärtige Gehirn-Computer-Schnittstellen anzugreifen. Das Computervirus hat einen weltweiten Notstand ausgelöst. "Um die Ausbreitung der Malware zu stoppen, wurden die sozialen Netzwerke in isolierte Quarantänezonen aufgeteilt." Vor dem nächsten Tweet also bitte die Hände waschen.

Ken Liu (Hrsg.): Zerbrochene Sterne
Heyne Verlag, München 2020
672 Seiten, 16,99 Euro

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