Joseph Vogl: „Kapital und Ressentiment"

    Sezierung kapitalistischer Strukturen

    06:34 Minuten
    Buchcover: "Kapital und Ressentiment. Eine kurze Theorie der Gegenwart"von Joseph Vogl
    Allein der Untertitel des Buches "Eine kurze Theorie der Gegenwart" weist darauf hin, dass es hier nicht nur um einen gesellschaftlichen Ausschnitt geht. © C.H. Beck Verlag / Deutschlandradio
    Von Bettina Baltschev · 20.03.2021
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    Der Medienwissenschaftler Joseph Vogl analysiert messerscharf, wie Tech-Konzerne im digitalen Zeitalter ihre Marktmacht nutzen und Schritt für Schritt einen undemokratischen „Online-Staat“ schaffen.
    Die Erkenntnis, dass wir in einer Art digitaler Schizophrenie leben, ist nicht neu. Da ist einerseits ein latentes Unbehagen über die Schattenseiten der großen Datenfresser Google, Facebook, Amazon und Co. Und da ist andererseits die Bequemlichkeit und das Bedürfnis dabei zu sein, die uns doch wieder bei ihnen posten und liken, kaufen und verkaufen, runter- und hochladen lassen.
    Wie sehr wir jedoch nicht nur als Nutzerinnen, sondern auch als Staatsbürgerinnen längst in einem bedrohlichen System gefangen sind, das erklärt Joseph Vogl sehr detailliert und eindrücklich in seinem Buch "Kapital und Ressentiment". Allein der Untertitel "Eine kurze Theorie der Gegenwart" weist darauf hin, dass es hier nicht nur um einen gesellschaftlichen Ausschnitt geht, dem man sich womöglich durch das Abschalten des Computers noch entziehen könnte.


    Dieses Stadium haben wir längst hinter uns gelassen. Die Wirkmacht des Informationskapitalismus, wie Vogl es nennt, sei bereits allumfassend und ein digitalkapitalistischer Geist rüttele kräftig an unseren demokratischen Grundfesten, so seine These. Eine Ursache dafür sieht der Kulturwissenschaftler an der bereits seit Jahrzehnten anhaltenden Verquickung des Finanzsektors mit der Politik.
    "Als Märkte aller Märkte sind gerade Finanzmärkte Schauplätze eines Geschehens, in dem sich die flagrante Freisetzung finanzökonomischer Kräfte mit dem konsequenten Aufbau strikter Abhängigkeitsverhältnisse kombiniert. Die sogenannte Marktdisziplin ist zu einem grundlegenden Kriterium der Politik geworden und hat das Interventionsvermögen des Finanzregimes gestärkt."

    Ein quasi-demokratisches Netzwerk

    Ein Finanzregime, das sich durch eine hohe Affinität zu Informationstechnologien auszeichnet, um möglichst schnell auf das Marktgeschehen reagieren zu können. Das war schon im 19. Jahrhundert so, als amerikanische Bankiers Telegrafenleitungen finanzierten. Doch hat sich mit dem Eintritt ins digitale Zeitalter etwas verschoben.

    Das Internet, das einmal als öffentliches und quasi-demokratisches Netzwerk gedacht war, ist seit der Verabschiedung des amerikanischen Telecommunications Act im Jahr 1996 in privater Hand. Dadurch wurde der digitale Raum einer Regulierung weitestgehend entzogen und agieren die vom Finanzkapital kräftig unterstützten Akteure der digitalen Welt in einer Art rechtsfreiem Raum.
    "Wie schon andere Marktschauplätze in der Geschichte des Kapitalismus wurde auch der Digital- und Internetmarkt mit großen politischen Energien vorbereitet, geformt und durchgesetzt, und die Geschichte der Entstehung digitaler Netzwerke muss darum leicht korrigiert und als eine Variation auf jenen Plot erzählt werden, der von sozialisierten Investitionsrisiken zu privatisierten Renditen hinüberführt."

    Internetgiganten und Datenkontrolle

    Joseph Vogl beschreibt, wie innerhalb dieses komfortablen Systems Unternehmen entstanden sind, die längst nicht mehr nur auf Märkten handeln, sondern selbst zu Märkten geworden sind, eben jene Internetgiganten, deren Dienste wir täglich nutzen und deren Besitzer zu den reichsten Menschen der Welt gehören. Ihre Macht basiert auf einer Datenkontrolle, die sich selbst wiederum kaum kontrollieren lässt. Das hält allerdings auch öffentliche Einrichtungen nicht davon ab, mit Google, Facebook oder Amazon zu kooperieren.
    "Die Verflechtungen von Geheimdiensten, Ministerien, Militär oder Gesundheitsbehörden mit Plattformunternehmen – wie Suchmaschinen, sozialen Medien, Versandhändlern – reichen von der Gründung gemeinsamer Startups über bezahlte Suchaufträge, direktes Sponsoring, Datenanalyse und Datenaustausch bis hin zu Verträgen über die Nutzung privater Cloud-Dienste und werden durch informelle Absprachen und Arrangements ergänzt."

    Die Macht der Online-Staaten

    Dabei agieren private Unternehmen im Zweifel immer schneller und effizienter als staatliche Behörden, weil sie keine Rücksichten auf langwierige demokratische Prozesse nehmen müssen. Und sie nutzen ihre Chance. Joseph Vogl erkennt bereits eine "Staatswerdung von Informationsmaschinen", die sich beispielsweise in der Entwicklung eigener Währungen zeigt, die nicht mehr als öffentliches Allgemeingut, sondern als Geldwesen in Privatbesitz konzipiert sind. Alle Zeichen scheinen darauf zu stehen, dass sich, so Vogl…
    "… eine effiziente Ablösung des Netzbürgers vom Staatsbürger vollzieht und in einen mehr oder weniger freiwilligen Beitritt ganzer Bevölkerungen zu einem privaten "Online-Staat" mündet."
    Zur Macht dieses Online-Staates tragen nicht zuletzt die sogenannten sozialen Medien bei, die auf einer populistischen, sich stetig selbst verstärkenden, sich stetig vom Anderen und Fremden abgrenzenden Pseudoteilhabe basieren. Weil die ebenfalls reinen Marktgesetzen unterworfen ist, ist eine demokratische Auseinandersetzung mit dem, was die Welt tatsächlich bewegt, weder vorgesehen noch überhaupt möglich.
    Stattdessen wird eine Entsolidarisierung, eine Feindlichkeit aller gegen aller befördert, deren Auswirkungen wir bereits täglich besichtigen können. Es ist ein kaltes, nüchternes Szenario, das Joseph Vogl von unserer Gegenwart zeichnet. Mögliche positive Effekte der Digitalisierung haben bei ihm keinen Raum, auch Lösungen, wie man der Übermacht der Plattformen entkommen könnte, zeigt er nicht auf.
    Dennoch ist sein Buch sehr lesenswert, weil er mit scharfer Klinge die kapitalistischen Strukturen seziert, in die wir alle verstrickt sind und die wir zugleich – das muss man sich nach der Lektüre eingestehen – durch jeden Klick mit verursachen. "Kapital und Ressentiment" ist die weitsichtige Gesellschaftskritik, die unser digitales Zeitalter dringend braucht.

    Joseph Vogl: "Kapital und Ressentiment. Eine kurze Theorie der Gegenwart"
    C.H. Beck Verlag, 2021
    224 Seiten, 18 Euro

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