Unternehmer Jule und Lukas Bosch

Keine Plage, sondern ein Leckerbissen

34:10 Minuten
Eine junge Frau und ein junger Mann sitzen mit dem Rücken zur Kamera auf einer Bank nahe des Wassers. Sie drehen sich um und schauen dabei freundlich in die Kamera.
Jule und Lukas Bosch © Abbi Wensyel
Moderation: Susanne Führer · 31.12.2021
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Invasive Tierart oder Delikatesse? Die Gründer Jule und Lukas Bosch wollen Umweltschutz mit Genuss verbinden und testen eingewanderte Arten auf ihre kulinarischen Qualitäten. Nun wird ihr erstes Produkt in der Feinkostabteilung des KaDeWe verkauft.
Ob Roter Amerikanischer Sumpfkrebs, Nilgans oder japanischer Staudenknöterich – sie alle eint eines: sie müssen hierzulande keine natürlichen Feinde fürchten. Eingeschleppt aus fernen Weltgegenden, haben es sich hier allerlei invasive Arten gemütlich gemacht und vermehren sich rasant. Doch „warum kann der Mensch nicht der Fressfeind sein?“, fragten sich vor einiger Zeit Jule und Lukas Bosch.

Plage oder Delikatesse?

„Wir kommen beide weder aus dem Naturschutz, noch aus der Kulinarik“, sagt Lukas Bosch, der wie seine Ehefrau Jule Bosch Unternehmen bei der nachhaltigen Weiterentwicklung von Produkten und Prozessen berät. Von dem Roten Amerikanischen Sumpfkrebs, der in den letzten Jahren in Massen in Berliner Gewässern auftauchte, hätten sie aus der Zeitung erfahren. Da die beiden schon länger mit der Idee liebäugelten, selbst ein Unternehmen zu gründen, in dem sich Themen wie Nachhaltigkeit, Umweltschutz und ökonomische Ziele verbinden ließen, recherchierten sie weiter – und wurden fündig.
Denn das Krustentier, das an manchen Tagen zu Tausenden durch den Berliner Tiergarten krabbelte, genießt in den USA, insbesondere in Louisiana, wo der Rote Amerikanische Sumpfkrebs ursprünglich beheimatet ist, Kultstatus. Plage oder Delikatesse, es ist eine Frage des Blickwinkels.

Eine Hauptstadt voller Fressfeinde

Jule Bosch, die wie ihr Ehemann Kulturwissenschaften studiert und eine Zusatzausbildung im „Design Thinking“ gemacht hat, geht es in ihrer Arbeit darum, sich zu fragen, wie man „aus einem Problem vielleicht ein Potenzial“ machen könne – etwa aus einem Störenfried im Ökosystem einen attraktiven Leckerbissen.
Und so testeten die beiden gemeinsam mit einem befreundeten Koch verschiedenste eingewanderte Arten auf ihre kulinarischen Qualitäten – von der Chinesischen Wollhandkrabbe bis hin zum Waschbären. Sie gründeten ihr Unternehmen „HolyCrab“ und verkauften von einem Foodtruck aus in der Hauptstadt Gerichte wie die „Berlin Crab Roll“ und „Pasta Frutti di Plage“. „Wir wollten die Berliner zu Fressfeinden machen“, sagt Jule Bosch. Ihr Resümee: „Es gibt sehr experimentierfreudige Menschen.“

Vom Foodtruck in die Feinkostabteilung

Den Foodtruck mussten die beiden Unternehmer mit Beginn der Coronapandemie aufgeben. Dafür steht ihre Essenz aus Chinesischer Wollhandkrabbe, die mit Gewürzen und Gemüse über viele Stunden eingekocht als Grundlage für Soßen gedacht ist, seit Kurzem auch in der Feinkostabteilung des KaDeWe. „Ein tolles Hummer-Krustentier-Aroma“ habe die Essenz und sie sei zudem „regional und im höchsten Maße nachhaltig“.
Doch Experimentierfreude hin oder her – Deutschland gilt nicht gerade als Mekka der Krustentierliebhaber. Jule und Lukas Bosch haben sich deshalb auf die Suche nach einem neuen kulinarischen Produkt begeben, „das etwas breitenwirksamer ist im deutschen Kontext“. Denkbar wären etwa Fischstäbchen, Fischbuletten oder Fischbällchen, die nächstes Jahr auf den Markt kommen könnten. Der fünfjährige Sohn des Paars zumindest hat die Versuche schon vorgekostet „und für gut befunden“.

Wenn die Idee funktioniert, geht das Start-up pleite

 „Letzten Endes müssten wir uns wahrscheinlich langfristig viel stärker in Ökosystemen konstruktiv und produktiv mit einbringen, in diesem Fall eben als Fressfeind, an anderer Stelle auf ganz andere Art“, sagt Lukas Bosch. Das Ziel sei es, Ökologie und Ökonomie zu verbinden.
Aber entziehen sich die beiden, wenn ihr Modell erfolgreich ist und die Ökosysteme wieder ins Lot kommen, nicht selbst die Geschäftsgrundlage? „Das wäre super“, sagt der 32-Jährige. „Wenn das Ziel erreichbar wäre, würde uns das sehr freuen.“
Ihre Geschäftsbeziehung würde aber auch dann neben der romantischen Beziehung fortbestehen, denn die Haupteinnahmequelle der beiden ist weiterhin die Unternehmensberatung. Zwar sei es „auf jeden Fall manchmal zu viel“, sagt Jule Bosch über diese spezielle Form des Familienunternehmertums, „aber meistens nicht“.
„Gerade diese Verbindung von Leben und Arbeiten hat uns von vornherein ausgemacht in unserer Beziehung“, sagt Jule Bosch.
(era)

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