Gegen Artensterben und Klimaerwärmung

Eigene Rechte für die Natur

29:42 Minuten
Durch eine Traumlandschaft windet sich der Whanganui Fluß, in dem sich die Wolken spiegeln.
Durch eine Traumlandschaft windet sich der Whanganui Fluß, der vom Whanganui Nationalpark im Inneren der Nordinsel zur Westküste verläuft. © picture alliance / Jürgen Schwenkenbecher
Moderation: Susanne Führer · 20.11.2021
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Eigene Rechte für einen Fluss – in Neuseeland und Kolumbien gibt es das bereits. Auch wir sollten die Natur als Partnerin sehen, meint der Soziologe Frank Adloff. Denn die Natur habe einen eigenen Wert, unabhängig von ihrem Nutzen für den Menschen.
2017 wurde der Whanganui-Fluss in Neuseeland zu einer Person erklärt und mit eigenen Rechten ausgestattet. Das war die Lösung in einem lang andauernden Konflikt zwischen den einheimischen Maori und der britischen Krone um die Nutzung des Flusses. Normalerweise sei das eine Frage des Eigentums, sagt der Soziologe Frank Adloff. Aber hier hätten sich die Maori durchgesetzt. „Es ist nicht so, dass nun die Maori die Eigentümer sind oder der Staat, sondern der Fluss gehört sich selbst.“

Eine Idee reist um die Welt

Adloff räumt ein, dass der Gedanke, der Natur eigene Rechte einzuräumen, ihm auch zunächst fremd war. „Aber bei näherem Hinsehen fand ich die Idee äußerst faszinierend und geradezu wegweisend.“ Inzwischen zirkuliere die Idee um die Welt.
Kinder springen in den Fluss Atrato.
Kolumbiens oberste Gerichte haben dem Fluss Atrato die Rechtspersönlichkeit zuerkannt. © AFP / Raul Arboleda
In Ecuador steht der Schutz der Natur in der Verfassung, in Kolumbien hat ein Gericht ebenfalls einem Fluss eigene Rechte eingeräumt. Und in Bayern gibt es eine Initiative für ein Volksbegehren, das der Isar eigene Rechte geben soll. Immer mehr Menschen wollten eine Alternative zum bisherigen Rechtssystem schaffen, meint der Soziologe.

„Die Grundidee ist, dass die natürlichen Dinge, das Leben, als zu achtende Partner und Partnerinnen auftauchen. Das ist die Grundidee, dass hier die Natur auf eine andere Stufe gestellt wird und nicht mehr als etwas erscheint, was im westlichen Denken seit 500 Jahren tief verankert ist, nämlich als Objekt, über das man verfügen kann.“

Soziologe Frank Adloff

Vom Objekt zum (Rechts-)Subjekt

Bisher gelten Umweltgüter nur als Schutz-Objekte, sagt Adloff, und das Grundrecht auf Eigentum werde im Zweifel immer stärker gewichtet als der Schutz der Natur. Das wäre anders, wenn die Natur eigene Rechte bekäme, das „Recht der Natur an sich selbst“.
Wer dann für die Belange beispielsweise eines Flusses eintreten könne, sei auszuhandeln. Ob jeder und jede im Namen des Flusses vor Gericht ziehen könne oder – wie in Neuseeland – eine Institution dessen Belange vertritt, müsse man im Einzelfall schauen.

Die Würde des Menschen bleibt unverhandelbar

Hätten ein Fluss und ein Mensch dann dieselben Rechte? „Nein, natürlich nicht“, sagt Frank Adloff. Auch ein Zusatz im Grundgesetz wie beispielsweise „die Rechte der Natur sind zu achten und zu schützen“ würde nichts daran ändern, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, wie in Artikel 1 Grundgesetz festgelegt.
Artensterben und Klimaerwärmung aber zeigten, dass wir Menschen selbst etwas von einem Miteinander von Mensch und Natur hätten. „Das ist das große langfristige Ziel, aus dieser Welt der Ausbeutung der Natur auszusteigen und um der Natur und unser selbst willen zu einem ganz anderen Verhältnis zu den natürlichen Entitäten zu finden.“
(sf)

Frank Adloff lehrt als Professor für Soziologie an der Universität Hamburg und ist dort Co-Direktor der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe „Zukünfte der Nachhaltigkeit“. 2018 erschien von ihm „Politik der Gabe“ (Edition Nautilus). Er ist Mitherausgeber und einer der Autoren des gerade erschienenen Sammelbandes „Welche Rechte braucht die Natur?“ (Campus Verlag).

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