Tiere als Einwanderer

Wenn der Waschbären-Urin durch die Decke tropft

09:45 Minuten
Drei junge Waschbären sitzen auf dem Dach eines Hauses.
Was unbewohnt aussieht, zieht sie an: Waschbären, hier auf einem Dach in Kassel. © dpa / picture alliance / Franz-Peter Tschauner
Mareike Milde im Gespräch mit Andrea Gerk · 15.07.2020
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Asiatische Tigermücke, Sikawild, Waschbären: Viele Tiere, die bei uns leben, stammen eigentlich von weit her. Ihre Einwanderung hat oft problematische Folgen für das heimische Ökosystem und manchmal auch für den Menschen.
Sie kommen auf Schiffen, in Koffern oder auf Plastikflößen zu uns: Tiere wie die Asiatische Tigermücke, die 2007 zum ersten Mal in Deutschland entdeckt wurde und die mit alten Autoreifen aus Asien eingereist war.
Erst vor Kurzem haben Wissenschaftler in einer Studie, die in der Zeitschrift Biological Reviews veröffentlicht wurde, vor gebietsfremden, invasiven Arten gewarnt. Denn sie sind oft schädlich für das heimische Ökosystem. Mareike Milde, Kommunikationsberaterin und Schauspielerin, hat sich auf die Suche nach diesen Einwanderern gemacht – und ihnen das Buch "Heimische Exoten" gewidmet.
Auf das Thema gestoßen sei sie im Düsseldorfer Stadtzentrum, sagt Milde. Beim Blick aus ihrem Büro habe sie Platanen vor Augen gehabt. "Ich war immer irritiert und gleichzeitig fasziniert über den großen Lärm, der aus diesen Platanen kam, und diese sehr bunten Farbtupfer." Es waren Halsbandsittiche, die dort lebten und durch die Bäume hüpften. Diese bekannteste Papageienart kommt ursprünglich aus Afrika und Asien.

18.000 invasive Tier- und Pflanzenarten

Zu den invasiven Arten, schreibt Milde in ihrem Buch, zählten alle Tiere, die nach 1492 in einem Gebiet ansässig geworden seien, das eigentlich nicht ihre Heimat war. Das Jahr 1492 sei festgelegt worden, weil mit der Entdeckung von Amerika durch Columbus "die erste zarte Globalisierung" begonnen habe.
Die damit verbundene Schifffahrt habe dazu geführt, dass Samen, Sporen und erste Tiere vom einen zum anderen Kontinent gelangen konnten. "Alles, was vorher zu uns kam, gilt als gebietsheimisch und alles, was danach kam, ist dann gebietsfremd."
Laut der oben erwähnten Studie leben inzwischen weltweit 18.000 Tier- und Pflanzenarten in Gebieten, in denen sie natürlicherweise nicht vorkommen. Die Dunkelziffer sei vielfach höher, gerade im Bereich der Einzeller und Insekten, meint Mareike Milde. "Das kann man gar nicht mehr wirklich nachvollziehen, was woher kommt und wohin ursprünglich gehört."
Vor allem in den vergangenen rund 150 Jahren habe das Phänomen der invasiven Arten stark zugenommen. Gründe seien die Industrialisierung, der Flugverkehr, die Frachtschifffahrt. "Wir reisen ja grenzenlos überall hin." Und die Tiere nähmen wir dabei mit - absichtlich oder unabsichtlich.

Waschbären verwüsten gern ihren Wohnort

22 Tiere hat Milde für ihr Buch aufgesucht und besucht. Zum Beispiel Waschbären in Kassel, den Gelben Drachenwels in Niederbayern, den Pendelflamingo im Münsterland und Sikawild in Schaffhausen.
Wenn Tiere neu in ein Ökosystem kommen, habe das auch problematische Folgen, sagt sie. Milde erläutert das am Beispiel des Waschbären, der ursprünglich aus Amerika stammt und in Kassel inzwischen zu einem großen Problem geworden ist.
Waschbären richteten sich gern an Orten ein, die unbewohnt wirkten, etwa in alten Dachgiebeln, verlassenen Schrebergartenhütten oder auch in Kellergewölben. Die Waschbären verwüsten diese Orte dann. Mit Dämmmaterial zum Beispiel bauen sich die Tiere Schlafgelegenheiten. Der Mensch merke das oft erst, wenn sie Junge bekämen, weil es dann sehr laut werde – "oder wenn der Urin durch die Decke tropft".
(abr)
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