Gedenken an den Holocaust
Das Gedächtnis an den Holocaust wird erhalten, aber es bröckelt. Deshalb müssen neue Wege der Erinnerung gefunden werden. © picture alliance / Caro / Geilert
Das Erinnern an die NS-Verbrechen bewahren

Immer weniger Holocaust-Überlebende können von ihren Erlebnissen während des Nationalsozialismus berichten. Wie kann auch ohne Zeitzeugen die Erinnerung lebendig gehalten werden? Möglicherweise könnte KI dabei helfen. Doch Fachleute warnen.
Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee die Überlebenden des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz im besetzten Polen. Seit 1996 wird dieses Datum in Deutschland als Holocaust-Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Doch gibt es immer weniger Zeitzeugen, deren Stimmen eine wichtige Grundlage für Aufarbeitung und Erinnerung sind.
Wie viele Holocaust-Überlebende gibt es noch?
Anfang 2026 lebten weltweit noch rund 196.000 Holocaust-Überlebende, ergab eine Erhebung der Jewish Claims Conference. Die meisten überlebenden Jüdinnen und Juden wohnen inzwischen in Israel oder den USA.
In Deutschland lebten Anfang 2026 demnach rund 10.700 Holocaust-Überlebende. Nahezu alle heute noch lebenden Holocaust-Überlebenden (97 Prozent) sind sogenannte „Kinder-Überlebende“, die 1928 oder später geboren wurden. Die Jüngsten sind heute 79 Jahre alt, die Ältesten über 100 Jahre.
Viele Zeitzeugen haben ihre Geschichte immer wieder erzählt. Sie haben so die Erinnerung an Verfolgung und Leid lebendig gehalten. Das gilt für die öffentliche Debatte und besonders für Schulen: Gespräche und Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden sind fester Bestandteil der schulischen und außerschulischen Behandlung der NS-Geschichte.
In nicht allzu langer Zeit werden jedoch keine Überlebenden mehr da sein, um von den Verbrechen der Nationalsozialisten zu berichten. Die Memo-Studie zur Entwicklung der Erinnerungskultur in Deutschland zeigt auf, dass bereits jetzt jüngere Befragte immer weniger Kontakt zu Menschen haben, die die NS-Zeit selbst erlebt haben.
Was bedeutet das Schwinden der Holocaust-Überlebenden für die Erinnerungskultur?
Die Arbeit von Gedenkstätten, Forschungseinrichtungen und Historikern muss auf dieses Verstummen der Zeitzeugen reagieren. Inwiefern sich ihre Arbeit dadurch verändern wird, dazu gibt es jedoch unterschiedliche Ansätze und Meinungen.
Immer weniger Zeitzeugen – das bedeute "so gut wir gar nichts" für die Gesellschaft, für die Gedenkstätten, für das Wachhalten der Erinnerung, meint der Historiker Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora: „Die Frage nach der Rolle der Zeitzeugen wird sehr häufig gestellt. Was die Praxis in den Gedenkstätten anbelangt, da wird sich nicht viel ändern; da spielen Zeitzeugen schon seit 20 Jahren nicht die herausgehobene Rolle. 99,9 Prozent aller Gedenkstätten-Besucher begegnen keinem Überlebenden.“
Zeitzeugen als lebendige Quelle einer mündlichen Geschichtstradierung waren im Westen Deutschlands erst ab den 1970er-, 1980er-Jahren gefragt, 40 Jahre nach Kriegsende, als viele KZ-Überlebende schon tot waren, hebt der Historiker Volkhard Knigge hervor, der 1994 bis 2020 die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora leitete:
"Als man sie noch hätte fragen können, ist man ihnen häufig genug ausgewichen. Zeitzeugen haben den Alltag der gedenkstättenpädagogischen Arbeit in der Bundesrepublik in Wirklichkeit auch kaum mehr prägen können. Dazu kamen diese Gedenkstätten zu spät."
Holocaust-Gedenken und KI – Gefahren und Chancen
Als Reaktion auf das Verstummen der Zeitzeugen wird auch vermehrt über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Erinnerungskultur an den Holocaust nachgedacht. Zum Teil wird sie bereits genutzt, etwa im Ausstellungsprojekt „Frag nach“ des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek.
Besucher können dort in einen virtuellen Dialog mit den Holocaust-Überlebenden Inge Auerbacher und Kurt Salomon Maier treten und den digitalen Abbildern der beiden Zeitzeugen interaktiv persönlich Fragen stellen. Eine KI ordnet den Fragen passende Antworten aus mehrstündigem Videomaterial zu, das vorab in mehrtägigen Interviews mit den Zeitzeugen aufgezeichnet wurde.
Zum Einsatz kommt dabei keine generative KI, bei der die Gefahr bestünde, dass sie Antworten generiert, die nicht aus den Interviews stammen. Die KI fungiert lediglich als intelligentes Suchwerkzeug, das das am besten passenden Antwortvideo auswählt. Die Videoinhalte bleiben immer unverändert.
Trotz dieser technischen Absicherungen bleibt der Einsatz von KI in der Fachwelt umstritten. Der Historiker Jens Christian Wagner von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora weist darauf hin, dass auch die KI von „Frag nach“ Antworten auswählt, die die Zeitzeugen ursprünglich auf eine ganz andere Frage gegeben haben.
Hierin sieht Wagner bereits eine "potenzielle Verfälschung", die die Glaubwürdigkeit der Erinnerungskultur in Frage stellen könnte. „In Zeiten der Holocaust-Leugnung müssen wir unbedingt alle Standards der Quellenkritik einhalten“, betont der Historiker. "Und hier handelt es sich um sowas wie simulierte Authentizität, die tatsächlich die Glaubwürdigkeit unserer Arbeit untergräbt."
Eine noch weit größere Gefahr für das Holocaust-Gedenken sehen Wagner und andere Fachleute in der zunehmenden Verbreitung von KI-generierten Fake-Fotos von vermeintlich authentischen Szenen aus Konzentrationslagern auf Social Media.
Solche KI-Fakes würden zum Teil auch aus guter Absicht erstellt, um Aufmerksamkeit für das Thema zu generieren. Doch sie geben Authentizität vor. „Und diskreditieren damit die gesamte historisch-politische Bildung, in dem sie ihre Glaubwürdigkeit untergraben.“
Was hinterlassen Zeitzeugen und wie wird damit umgegangen?
Die Erforschung des Holocaust und das Erinnern daran wird sich künftig mehr auf Orte, Bilder, Archivaufnahmen oder Filme stützen. Dokumente und Hinterlassenschaften der Zeitzeugen spielten daher eine zunehmend wichtige Rolle, sagt der Historiker Norbert Frei, Spezialist für die Geschichte des Nationalsozialismus:
„Wir haben nicht mehr die konkreten Überlebenden, die durch ihr Engagement viele junge Menschen beeindruckt haben. Aber wir haben natürlich all ihre Dokumente, all ihre Hinterlassenschaften, wir haben die Videos, wir haben ihre Bücher, wir haben jede Menge Material, das eben auch sinnvoll eingesetzt werden kann. Insofern ist mir eigentlich vor dieser Zeit nach der Zeitgenossenschaft nicht wirklich bange.“
Überlebenden ist es auch aus diesem Grund enorm wichtig, dass ihre Erinnerungen und Zeugnisse bewahrt werden. Sie oder ihre Nachfahren übergeben oft persönliche Erinnerungsstücke an KZ-Gedenkstätten, also Briefe, Fotos oder im Lager Selbstgebasteltes.
Beispiel "Arolsen Archives"
Zeitdokumente bewahren und gleichzeitig einen aktiven Umgang mit Geschichte und Erinnerung anbieten – diese beiden Ziele haben sich die „Arolsen Archives“ gesetzt, das Internationale Zentrum zur Erforschung der NS-Verfolgung. Freiwillige helfen dabei, die weltweit größte Sammlung historischer Dokumente zur NS-Verfolgung zu digitalisieren. Sie übertragen beispielsweise Daten von Häftlingskarten oder Deportationslisten in Laptop oder Smartphone. Mehr als 40 Millionen Dokumente sind inzwischen im Online-Archiv verfügbar.
Dabei gehe es um eine zeitgemäße Form der historischen Erinnerung, so Direktorin Floriane Azoulay. Denn die meisten Jugendlichen könnten mit der traditionellen Erinnerungskultur wenig anfangen. Durch die Mitarbeit am Projekt seien sie aber bereit, sich aktiv mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.
„Uns geht es darum, jüngere Generationen anzusprechen und sie dafür zu motivieren, an diesem digitalen Denkmal mitzumachen, indem sie mit ihrem Beitrag, mit ihrem eigenen Namen ein Zeichen setzen und die Namen von Opfern und deren Familien aufnehmen.“
leg, cs, ww

































