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Lesart / Archiv | Beitrag vom 29.06.2015

Hörbuch-Edition zu Thomas MannDer Klassiker als Performer

Von Elke Schlingsog

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Der Schriftsteller Thomas Mann mit seiner Ehefrau Katia am Lübecker Hauptbahnhof 1955. Anlass des Besuchs seiner Geburtsstadt war die Verleihung der Ehrenbürgerwürde.  (picture alliance / dpa / Hans Kripgans)
Der Schriftsteller Thomas Mann mit seiner Ehefrau Katia am Lübecker Hauptbahnhof 1955. Anlass des Besuchs seiner Geburtsstadt war die Verleihung der Ehrenbürgerwürde. (picture alliance / dpa / Hans Kripgans)

Wenn Thomas Mann vor Publikum aus seinem Roman "Felix Krull" las, glich das Ganze einer Performance. Viele seiner Lesungen und Radioansprachen, Schallplatten- und Tonbandaufnahmen sind jetzt in einer Hör-Edition versammelt: ein großer Spaß für den Zuhörer.

„Ja, daran knüpfen sich für mich ganz frühe Jugenderinnerungen, die ein ganzen Leben lang nachgewirkt haben. Ich erinnere mich, wie ich als Junge, als Schüler das erste Mal im Lübecker Stadttheater den „Lohengrin“ hörte und das werde ich je vergessen.“

Jünger, schwärmender hört man den alten Thomas Mann wohl nie als in dieser ergreifenden Aufnahme von 1953. Für den Süddeutschen Rundfunk hatte der fast 80jährige sein Wunschkonzert zusammengestellt; elektrisiert spricht er über Wagner, spielt Beethoven oder Debussy zu, plaudert, hüstelt und schwärmt weiter.

„Dieses Verhältnis war in der Tat immer ein Liebesverhältnis...“

Großartig und schon der erste Höhepunkt der großen Edition, die der Hörverlag von Thomas Manns Schallplatten, Rundfunklesungen und Radioansprachen zusammengestellt hat. Mit dabei auch die Lesungen seines „Felix Krull“:

„Sohn eines Schaumweinfabrikanten. Der Junge ist eine Art Künstlernatur.“

Imitation eines preußischen Militärarztes

Dieser herrliche Hochstapler aus der guten alten wilhelminischen Vorkriegszeit, der kam in den 50er Jahren an. Wo immer Thomas Mann aus seinen Schelmenroman las, in Theatern, Universitäten oder Radiostationen, nie gleicht eine Performance der anderen. Und die Lacher sind auch heute garantiert, wenn der junggebliebene, komödiantenhafte Dichter in der berühmten Musterungsszene - mit knarrender Stimme den preußischen Militärarzt imitiert:

"Das ist ein Einjähriger!" hörte ich von Tisch her. (...) Treten Sie näher heran. (...) Ich bin vollkommen diensttauglich!“

Wunderbar beflissen linkisch lässt Mann seinen Krull hier auftreten - wie er sich vom Militärdienst frei simuliert und raffiniert seine körperlichen Ausfälle erklärt.

„Ja mir ist oft sonderbar, sagte ich grüblerisch... eine Art von Kribbeln und Prickeln ist darin, sogar Farbenspiele, die sogar recht hübsch sind...“

Köstlich auch die Parodie des Gesprächs mit dem Zugschaffner auf der Reise nach Paris.

„Nach Paris fragte er? Ja Herr Inspektor, dahin geht es mit mir. Was wollen Sie denn da? Ja denken Sie, aufgrund von Empfehlungen soll ich Viel Glück auch Ihnen, und bitte grüßen Sie Frau und Kinder.“

Die "schlimme Zeit" in Deutschland

Ein Geschenk, all das jetzt in einer großen Sammlung wieder hören zu können, mit all dem Lachen und Klatschen aus dem Publikum. Auf andere Weise bewegend, die Aufnahme von seinem letzten Besuch 1955 in seiner Heimatstadt Lübeck. Hier wird "Professor Mann" halb aufdringlich, halb devot nach der „schlimmen Zeit“ in Deutschland befragt, und wie er es jetzt finde?

„Ein Volk bleibt immer das gleiche. Trotz seiner Zerstörungen im Geistigen, Wesentlichen unverändert...“

In der Hör-Edition gibt es aber auch den lauten, politischen Thomas Mann, der seine Stimme an die "Deutsche Hörer!" ab März 1941 in seinen BBC-Reden erhebt.

„Es ist die Stimme eines Freundes (...) Euch zu warnen, ist der einzige Dienst, den ein deutscher wie ich Euch erweisen kann...“

Das Schöne: All die zerstreuten und teils vergriffenen Aufnahmen sind nun zu einem siebzehnstündigen Hörerlebnis zusammengefasst. Und manch einer hat Thomas Mann so nicht gekannt: den hier fast achtzig Jährigen, der erstaunlich jugendlich und nahezu locker geblieben ist. Und was für ein wunderbarer Schauspieler er doch sein konnte!

„Wenn ich noch einmal auf das Prickeln zurückkommen dürfte...“

Thomas Mann: Die große Originalton-Edition
Der Hörverlag, München 2015.
17 CDs, Gesamtlaufzeit 17:10 Stunden, 49,99 Euro

 

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