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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.11.2013

Heimatfestspiele für Alexander Kluge

Halberstadt ehrt seinen großen Sohn

Von Christoph Richter

Alexander Kluge (picture alliance / dpa / Ursula Düren)
Alexander Kluge (picture alliance / dpa / Ursula Düren)

Der Filmemacher und Autor Alexander Kluge wurde 1932 in Halberstadt geboren. Seine Heimatstadt widmet ihm nun einen Themenabend am Theater und eine große Ausstellung zum Leben und Werk.

Theaterproben:
"Deutung des Namens meiner Vaterstadt ist umstritten. Die Ableitung von 'Albherestette', Ansiedlungsstätte eines Mannes namens Albhereoder Halver, hat 1910 eine Mehrheit unter den Heimatforschern. Sie lehnen die Herleitung von Albernheit - 'die Stadt der albernen Leute' - ab."

Ein Kluge-Text aus einer Probe der Uraufführung Alexander Kluge - Hoffnung und Widerstand unter der Regie von Katrin Plötner. Sie macht etwas, was Alexander Kluge so liebt, und spielt mit Realität und Fiktion.

"Dass man das Gefühl hat, man folgt einem Thema und hat irgendwie den Faden gegriffen. Doch plötzlich springen die Figuren auf einen ganz anderen Punkt und schauen sich das gleiche Thema noch mal von einem ganz anderen Aspekt an. Also nicht, dass man eine Handlung aus verschiedenen Perspektiven erzählt bekommt, sondern ein Thema wird aus verschiedenen Standpunkten immer wieder beleuchtet. Von vorne, von hinten, von oben, von unten. Man landet an Stellen, wo man am Anfang dachte, dass man da eigentlich nicht hinkommt.""

Halberstadt ist in der Inszenierung Alexander Kluge - Hoffnung und Widerstand die Protagonistin. Bis heute fühlt sich Alexander Kluge durch seinen Vater - den Theaterarzt Ernst Kluge - Halberstadt emotional zutiefst verbunden. Hier wurde Kluges Opernleidenschaft geboren, weil ihn sein Vater immer mit ins Theater nahm. Mit vier sah er bereits "Tosca", sein erstes prägendes Opernerlebnis. Einer der Gründe, warum Halberstadt für Kluge nicht nur ein profaner Geburtsort, sondern immer auch ein Erfahrungs- und Denkraum ist.

Theaterproben:
"- "Eine Gesellschaft ehrt sich selbst, wenn in der Kleinstadt Oper stattfindet."
- "Sie bitten Bürger um Vergnügen, sie setzen sich gemeinsam der Erschütterung aus."
- "Unter den Bedingungen der Musik könnten sie sich auf viel Ernsteres einlassen ...""

Elefantenhocker und Spielzeugeisenbahn

Die Bühne am Halberstädter Theater besteht aus Elefantenhockern, einer Fotostudioleinwand und einem roten Vorhang. Im Kreis fährt eine Holzspielzeugeisenbahn. Alles fast wie im Zirkus. Dazu montiert Regisseurin Katrin Plötner eine dichte Essenz aus diversen Texten Kluges. Zum Vorschein kommt ein Kaleidoskop der Gefühle; Wirklichkeiten und Behauptungen, die ineinander changieren.

"Ich finde es gut, wenn der Zuschauer keine Zeit hat zu fragen, wo ist denn der rote Faden, oder: Warum finde ich den gerade nicht? Oder: Warum habe ich gerade den Zugang verloren? Ich glaube, wenn man es schafft, wenn der Zuschauer gebannt ist von den Vorgängen, die auf der Bühne passieren, dann kann man sehr viel machen mit ihm."

Was bereits nach den ersten Proben zu erkennen ist: Es gibt keine Handreichung, wie man Kluge zu verstehen habe. Plötner will sich jeder Deutungshoheit verwehren, aber auch keinen Stehsatz mit Altbekanntem produzieren. Stattdessen verwirrt sie, überlässt den Zuschauer seinen eigenen Assoziationen. Legt Narben, Brüche und Wunden frei.

Gleimhaus Halberstadt (Gleimhaus Halberstadt)Gleimhaus Halberstadt (Gleimhaus Halberstadt)Genau das macht auch Ute Pott, Kuratorin der benachbarten Ausstellung Alexander Kluge, Halberstadt. Zu sehen sind unter anderem Familienbilder, das Kriegstagebuch des Vaters, bisher unveröffentlichtes Filmmaterial mit Hannelore Hoger und Helge Schneider.

"Wir zeigen die Ausstellung an einem besonderen Ort. Zum einen nämlich am Gleimhaus, einem der ältesten deutschen Literaturmuseen mit der größten Porträt-Gemäldesammlung des 18. Jahrhunderts. Und zum Zweiten am John-Cage-Orgel-Kunstprojekt. Also nicht das 18. Jahrhundert, nicht weiter in die Vergangenheit, sondern in die Gegenwart und die Zukunft. Und für die Orte hier hat Alexander Kluge auch Neues produziert."

Filme - wie "Regen auf Wasser im Harz" oder "Gras im Wind bei Halberstadt" - die sich mit John Cage auseinandersetzen, die aber auch gleichzeitig einen Bezug zur Heimatstadt Kluges herstellen.

Kritischer Aufklärer

Verbunden wird die Kluge-Schau mit dem Dichter der Aufklärung, Johann Wilhelm Ludwig Gleim, einem Netzwerker seiner Zeit. Kuratorin Ute Pott versucht, eine Verbindung zwischen der Aufklärung des 19. Jahrhunderts und dem vielstimmigen Werk Kluges zu schlagen. Beide – so die Behauptung – haben den Anspruch, Vertreter einer kritischen Öffentlichkeit zu sein. Im Kopf des Betrachters sollen Geschichten, Verweise, Irritationen entstehen.

"Das ist das besonders Herausfordernde. Und daher wird sich die Ausstellung auch im Laufe der Zeit – so ist es mit Alexander Kluge besprochen – auch noch mal verändern. Das heißt, es werden neue Stücke hinzukommen."

Alles in allem stellt diese Multimedia-Ausstellung dem Besucher Fragen, lässt ihn zweifeln, den Kopf schütteln, auch weil eingespielte und verstaubte Deutungsmuster ad absurdum geführt werden.

Obwohl Alexander Kluge aus Halberstadt kommt und bis zum Tode seines Vaters regelmäßig in der DDR zu Besuch war, obwohl er immer ein kritischer Beobachter der alten Bundesrepublik war, konnte die offizielle DDR-Kulturpolitik mit ihm zeitlebens nie etwas anfangen, hat ihn totgeschwiegen.

"Dies kritisch zu räsonieren, um mit Habermas zu sprechen, das war in der DDR nicht möglich. Es gab allerdings eine Chance, sich mit dem Autor Kluge auseinanderzusetzen in einer kleinen Ausgabe, die 1981 erschienen ist, und in der der Luftangriffstext auf Halberstadt eine große Rolle spielt. Allerdings ist die Rezeption in Halberstadt immer eine andere gewesen als andernorts."

Damit ist das Halberstädter Kluge-Projekt für diejenigen, denen Alexander Kluges Werk noch nicht so vertraut ist, eine hervorragende Heranführung. Ohne dabei jedoch in dörflichen Kunstgewerbekitsch abzudriften. Ohne zu profanisieren, ohne schulmeisterlich zu vereinfachen.

Mehr noch: In Halberstadt wird in einer Art Leistungsschau gezeigt, was Kultur – die man in Sachsen-Anhalt gerade mächtig zusammenstutzen will – auch in der Provinz vermag: Aufklärung und Ermunterung zum kritischen Denken.


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