Hanna Engelmeier: "Trost. Vier Übungen"

    Wie Texte Trost spenden

    13:17 Minuten
    Hanna Engelmeier sitzt vor einer Bücherwand. Sie trägt ein hellrotes Oberteil und eine schwarze Jacke und schaut in die Kamera. Das Haar trägt sie kurz mit Seitenscheitel.
    Hanna Engelmeier hat Hunderte Male David Foster Wallaces Rede "This is Water" gehört. In der Summe habe das einen beruhigenden Effekt. © Christian Werner
    Hanna Engelmeier im Gespräch mit Frank Meyer · 16.08.2021
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    Viele Menschen suchen beim Lesen Trost. Die Kulturwissenschaftlerin Hanna Engelmeier sieht darin sogar eine "Grundfunktion der Lektüre und der Literatur". Allerdings sei dies bislang kaum untersucht worden.
    Die Kulturwissenschaftlerin Hanna Engelmeier hat ein Buch zum großen Thema Trost veröffentlicht. Dabei hat sie verschiedene Zugänge originell nebeneinandergestellt, Adorno kommt ebenso vor wie Aristocats-Hörspiele und David Foster Wallace.
    Die Hoffnung dabei sei gewesen, "dass man durch den Kontrast an den Texten was sehen kann, was man ohne diesen Kontrast nicht sehen könnte", sagt Engelmeier.

    Trostbedürfigkeit der anderen

    Die Rede "This is Water" von David Foster Wallace, die in dem Buch eine wichtige Rolle spielt, habe sie selbst hunderte Male gehört, vor allem auf ihrem Handy, berichtet Engelmeier.
    Wallace hat die Rede als Beitrag zur Abschlussfeier von einem Liberal Arts College in den USA, dem Kenyon College, gehalten. Eine Schlüsselpassage darin ist, dass zwei junge Fische einem alten begegnen und der sie fragt, wie das Wasser sei. Dann fragt ein junger Fisch den anderen: "Was zum Teufel ist Wasser?"
    "Ich habe dann in meinem Text diesen seltsamen Effekt beobachtet, was es bedeutet, ein Video abzuhören, immer wieder, und dabei den Text auswendig zu lernen und gleichzeitig irgendwie ein seltsames Verhältnis zu dem Bildmaterial zu entwickeln."
    Wallace Rede nehme eben auch die Trostbedürfigkeit der anderen Menschen in den Blick. Sie zeige, dass es in verzweifelten Momenten "hilfreich ist, den Blick nicht nur nach innen zu richten und zu schauen, was dort bei einem selbst los ist – obwohl er auch empfiehlt, dafür aufmerksam zu sein – sondern sich vor allem daran zu orientieren, was bei anderen los ist: Sozusagen eine Skalierung vorzunehmen der Größenverhältnisse von eigenem Schmerz und Kummer und eben dem, was bei anderen Leuten los ist."

    Trost in der Lektüre

    Der Anlass, das Buch zu schreiben, sei aber gewesen, "dass mir aufgefallen ist, dass ich selbst und auch viele andere Leute in Lektüre durchaus Trost suchen – und zwar nicht nur in Texten wie diese Rede von Wallace, in der er ganz stark über seelische Notsituationen und wie man damit umgeht spricht, sondern dass man sich auch an Texte wenden kann, die vielleicht vorderhand was ganz anderes machen, als einem Trost zu spenden."
    Dann habe sie bemerkt, dass "diese Grundfunktionen von Lektüre oder Literatur" bislang nicht systematisch untersucht worden sei. In diese Lücke habe sie reingewollt, sagt Engelmeier. Es habe sie gereizt, dass es ein Spannungsverhältnis dazwischen gibt, dass dies ein ganz verbreitetes Phänomen sei, dass es aber in der Wissenschaft eine seltsame Berührungsangst gebe, sich mit etwas zu beschäftigen, das so subjektiv und partikular zu sein scheint.
    Außerdem stehe "immer dieser sehr große Kitschverdacht" im Raum. "Wenn mich Leute gefragt haben, was ich da mache oder was für eine Art von Buch ich schreibe, haben sie dann manchmal scherzhaft gesagt: 'Das ist so wie `Darm mit Charme´ für Literaturwissenschaften' – einfach nur, um den Peinlichkeitseffekt aufzufangen."
    (mfu)

    Hanna Engelmeier: "Trost. Vier Übungen"
    Matthes & Seitz, Berlin 2021
    200 Seiten, 20 Euro

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