Gisèle Pelicot: „Eine Hymne an das Leben“
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Schritt für Schritt zurück ins Leben
05:57 Minuten

Gisèle Pelicot, Judith Perrignon
Übersetzt von Patricia Klobusiczky
Eine Hymne an das Leben – Die Scham muss die Seiten wechselnPiper Verlag, München 2026224 Seiten
25,00 Euro
Gisèle Pelicot wurde von ihrem Mann fremden Männern zum Missbrauch überlassen. In ihrer Autobiografie schreibt sie über den Prozess und den Riss in ihrer Familie. Und wie sie sich als gezeichnete Frau allmählich die Lebensfreude zurückholt.
Der 2. November 2020 markiert eine Zäsur in der französischen Kriminalgeschichte. Was als Vorfall in einem kleinen Supermarkt beginnt – ein älterer Mann wird dabei erwischt, wie er Frauen unter die Röcke filmt – deckt ein Verbrechen von erschütternden Ausmaßen auf. Es folgen weltweite Debatten über misogyne Gewalt.
Mazan ist eine beschauliche Gemeinde im Süden Frankreichs, bis ein Strafprozess den Ort international in die Schlagzeilen katapultiert: Der gelernte Elektriker und erfolglose Unternehmer Dominique Pelicot hat seine Frau Gisèle Pelicot jahrelang nachts betäubt und im Internet zur Vergewaltigung angeboten. Dutzende von Männern folgten der Einladung.
Erstaunliche innere Ruhe
Mit „Eine Hymne an das Leben“ legt Gisèle Pelicot ein Buch vor, das aus einer extremen Ausnahmesituation herausgeschrieben ist und dennoch eine erstaunliche innere Ruhe ausstrahlt. Sie erzählt chronologisch von dem Moment an, als die Polizei sie über das Verbrechen informiert, über die Zerreißproben in der Familie bis zum Prozess und der Zeit danach.
Um neue Sachverhalte und Enthüllungen geht es Gisèle Pelicot in ihrem Buch nicht, sondern sie lädt – vorsichtig, tastend, aber auch offen und klar – dazu ein, ihrer inneren Entwicklung zu folgen.
Dazu schneidet sie die dramatische Zeit der Ermittlungen und des Prozesses mit Erinnerungen gegen, für die sie weit in ihre Kindheit zurückgeht. Sie erzählt davon, wie sie als kleines Mädchen ihre Mutter an eine Krebserkrankung verliert, und welchen Halt ihr der Vater in seiner Mischung aus militärischer Beherrschtheit und emotionaler Wärme gab.
Sie lässt die Anfänge ihrer Beziehung zu einem schüchtern-ungelenken Dominique Pelicot Revue passieren und ihre Freude über ein finanziell bescheidenes, aber von viel Wärme und Lachen erfülltes Familienleben.
Pelicot will die Taten ihres Mannes ergründen
Nach und nach legen ihre Erinnerungen auch komplexe Familiendynamiken frei, was zu den interessantesten Passagen im Buch gehört. Kaum hat die Polizei die Familie informiert, lösen die Kinder Gisèle Pelicots Haushalt auf, verbrennen gegen ihren ausdrücklichen Wunsch sämtliche Familienfotos, holen Gisèle mit einem kleinen Koffer voller Habseligkeiten mal hierhin, mal dorthin. So viel Bevormunden, so viel „normale“ Übergriffigkeit unter dem Siegel familiärer Zuwendung.
Die Kinder bedrängen sie, ihren Ex-Ehemann ausschließlich als Monster zu definieren, doch sie möchte die gemeinsame Lebensgeschichte nicht vollständig auslöschen und seine Taten psychologisch ergründen – das ist für Gisèle Pelicot kein Freisprechen, sondern ein Akt der Selbstrettung.
Insbesondere mit ihrer Tochter Caroline, die im vergangenen Jahr ein eigenes Buch vorgelegt hat, gerät sie immer wieder aneinander und beschönigt das auch nicht. Doch schmutzige Wäsche waschen, ist ihre Art nicht. Gisèle Pelicots Ton bleibt respektvoll.
Auch kämpferisch-feministische Passagen finden sich im Buch erst allmählich. Zunächst ist es die vom Vater ererbte Mischung aus Standhaftigkeit und sensiblem Gerechtigkeitssinn, die Gisèle Pelicot einen öffentlichen Prozess verlangen und durchstehen lässt.
Erst im Laufe des Verfahrens, als Frauen in großer Zahl vor dem Gerichtssaal applaudieren und singen, was sie als ungemein stärkend erlebt, drängen sich der Autorin die grundsätzlichen gesellschaftlichen Fragen auf – nach Macht in Beziehungen, dem Wegsehen im Umfeld und patriarchalen Strukturen, die solche Gewalt ermöglichen.
Reflektierend und beharrlich
„Eine Hymne an das Leben“ – was für ein Titel. Giséle Pelicots Hymne ist nicht triumphal, sondern reflektierend und beharrlich. Sie sei, so erzählt sie, schon immer eine glücksbegabte Frau gewesen. Darum will sie sich auch nach dem Verbrechen die Freude über Spaziergänge in der Natur, die neue Liebe zu einem Mann, das Zusammensein mit ihren Enkelkindern nicht nehmen lassen.
Schritt für Schritt holt sie sich, wenn auch gezeichnet, Autonomie und Lebensfreude zurück. Gisèle Pelicot verklärt das Leben nicht – sie verteidigt und behauptet es. Darin liegt die große Kraft ihres Buches.





















