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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.11.2015

Gesa Ufer liest Musik"Un autre monde" von der französischen Band Téléphone

Von Gesa Ufer

Der französische Sänger Jean-Louis Aubert (picture alliance / dpa / Foto: Maxppp)
Der ehemalige Frontmann der Band Téléphone Jean-Louis Aubert 2011 im französischen Valence. (picture alliance / dpa / Foto: Maxppp)

Nach den Anschlägen von Paris gibt es kein Lied, das den Schock und die Trauer der Menschen auch nur annähernd fassen könnte. Der Song "Un autre monde" von der französischen Kultband Téléphone aus dem Jahr 1984 spendet vielleicht dennoch etwas Trost.

Als dieser Song 1984 in Frankreich herauskam, waren die Probleme dieser Welt ganz und gar andere – Reagan und Thatcher dominierten die politische Bühne. In den Schlagzeilen: das Waldsterben, le Waldsterben, für das es bei unseren französischen Nachbarn noch nicht einmal eine Übersetzung gab, weil es ihnen ohnehin als Erfindung der hysterischen Deutschen galt. Und im Hintergrund: alte Eliten, ungehemmter Kapitalismus und bröckelnder Wohlfahrtsstaat, hohe Arbeitslosigkeit und gerade bei vielen jungen Leuten: tief sitzende Resignation, die sich musikalisch im Punk und im unterkühlten New Wave jener Jahre widerspiegelte. Was fehlte, war eine Utopie. Genau dieses Gefühl besangen 1984 Téléphone, mit einem Text der halb Dada halb Gaga Raum für vielerlei Interpretationen ließ:

"Je rêvais d'un autre monde
Où la terre serait ronde
Où la lune serait blonde
Et la vie serait féconde"


"Ich träumte von einer anderen Welt, wo die Welt rund wäre, der Mond blond, wo das Leben fruchtbar  wäre." Das sind Worte aus einer bleiernen Zeit, in der Frontmann Jean-Louis Aubert den Kopf in den Sand steckt und sich nur noch wünscht, wie ein Ratz zu schlafen. Zwei Jahre später löste sich die Band auf, daran änderten auch einige Revival-Konzerte nichts, auch das nicht von 1994, im nun zu trauriger Berühmtheit gelangten Pariser Konzertsaal Bataclan, in dem am vergangenen Freitag 89 Menschen starben.

Musik kann Kraft geben

Nach dem vergangenen Wochenende ist das bleierne Gefühl wieder da. Es ist mit dem Terror gekommen, der jetzt in unsere Bars, in unseren Konzerten, in unseren Fußballstadien Einzug gehalten hat.

Dass Musik Kraft geben kann, zeigt jüngst die Französische Nationalversammlung. Nach den Anschlägen singt sie zum ersten Mal nach 1918 spontan gemeinsam die Marseilleise. Am Dienstagabend sind es 70.000 Menschen, die im Wembley-Stadion beim Freundschaftsspiel Frankreich-England die französische Nationalhymne anstimmen.

Trost spendete auch ein unbekannter Pianist, der am Tag nach dem Morden John Lennons Hymne "Imagine" auf dem Bürgersteig vor dem Bataclan in Paris singt.

Die französische Kulturministerin Fleur Pellerin will nach den Attentaten einen Hilfsfonds für Musikschaffende ins Leben rufen. Das Geld soll den Produzenten von Musikveranstaltungen und Betreibern von Konzertsälen helfen, die Mehrkosten für zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen zu bezahlen oder den möglichen Gewinnausfall durch rückläufige Besucherzahlen auszugleichen. Die Kultur sei angesichts der Barbarei Frankreichs wichtigster Schutzschild, die Künstler seien die beste Waffe. 

Auch wenn manche Musiker in Zeiten wie diesen vielleicht nicht trösten können, sondern einfach nur in Musik übersetzen, wozu Worte nicht ausreichen. Und "heute Abend", singen Téléphone, "tanzen die Schatten der Welt".

"Oui je rêvais de notre monde
Et la terre est bien ronde
Et la lune est si blonde
Ce soir dansent les ombres du monde"

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