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Lesart / Archiv | Beitrag vom 01.10.2015

Gesa Ufer liest Musik"Die Wiese vorm Reichstag" von Sido

Von Gesa Ufer

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Der Rapper Sido steht auf einer Bühne. (picture alliance / dpa ZB / Britta Pedersen)
Der Rapper Sido bei einem Auftritt in Berlin im Oktober 2014 (picture alliance / dpa ZB / Britta Pedersen)

Sido? War das nicht der böse Berliner Bube, der nur mit silberner Maske durch sein Getto im Märkischen Viertel zog? Nun hat er für die ARD-Themenwoche "Heimat" einen Song mit den Zeilen geschrieben: "Ich lieg immer, wenn ich Zeit hab / Auf der Wiese vor dem Reichstag".

Er ist der Sohn einer Sintiza und eines Deutschen, der sich gern als Outlaw by nature stilisierte und eine klare Mission hatte: endlich den harten amerikanischen Gangsta-Rap in die vormals so brave deutsche Hip-Hop-Szene zu holen.

Inzwischen hat der junge Familienvater Maske und Gangster-Image an den Nagel gehängt, trägt Kai-Diekmann-Hipsterbart und hängt am liebsten hier ab:

"Ich lieg immer, wenn ich Zeit hab
Auf der Wiese vor dem Reichstag
Denn ich bin einfach begeistert
Von meiner kleinen Heimat"

Erst vor wenigen Wochen hatten Polit-Aktivisten vom "Zentrum für politische Schönheit" aus Protest gegen die europäische Flüchtlingspolitik die Wiese vor dem Reichstag, diesen "Vorgarten der Republik", genutzt, um hier hunderten von auf der Flucht Ertrunkenen ein symbolisches Grab zu schaufeln. Kein Wort davon bei Sido. Was genau macht er eigentlich dort auf dem frisch restaurierten und adrett ondulierten Golfrasen vorm Reichstag? Fußballspielen ist neuerdings verboten, und Erdpfeife raucht Sido sicher auch schon länger nicht mehr.

In seiner Auftragsarbeit zum Thema Heimat macht sich Sido nun als erstes daran den Korridor genau abzustecken:

"Dein Berlin, dein Baden-Baden
Schleswig-Holstein und dein Sachsen
Diese Preußen und dein Bayern und dein Pott, mein Gott
Deine Felder und die Wiesen, deine Wälder und die Berge, krass
Du bist ein wunderschönes Land, doch du bist mehr als das"

Im Vergleich zur verbotenen ersten Strophe der Nationalhymne haben sich nicht nur die geographischen Eckdaten verändert, auch in der Bewertung spart sich Sido später im Text den Superlativ und singt nur noch über "eins der schönsten Länder".

"Du bist auch 'Zieh 'ne Nummer auf'm Arbeitsamt'
Und du bist 'Achte auf die Schilder, alle naselang'
Du bist der Grund, dass ich gut schlafen kann
Und ein paar Hobby-Demonstranten
Auf den Straßen, nenn dich Abendland"

Noch vor zehn Jahren hatte MIA für Entrüstungsstürme gesorgt

Na, wenn's weiter nichts ist. Passt schon.

Bemerkenswert ist nicht nur die wunderliche Wandlung Sidos vom harten Rapper zum Konsens-Barden. Der Song ist gleichzeitig ein Lehrstück über die veränderte Rezeption von Heimat und Nation in der deutschen Popmusik.

Noch vor gut zehn Jahren hatte die Berliner Band MIA mit ihrer Adaption des Erich Fried Gedichts "Was es ist" für Stürme der Entrüstung gesorgt. Im Song wird metaphorisch mit den Farben der Nationalflagge gespielt und für frische Spuren im Strand der Geschichte geworben.

"Und die schwarze Nacht hüllt uns ein,
Mein roter Mund will bei Dir,
in diesem Augenblick. Es klickt, leuchtet uns ein neuer Tag
Es ist, was es ist, sagt die Liebe - was es ist, fragt der Verstand
Wohin es geht, das woll'n wir wissen – und betreten neues deutsches Land"

Bei Auftritten gern mal in Deutschlandfahne gehüllt, wollte Sängerin Mieze für ein unbefangeneres Selbstbewusstsein der Deutschen werben. Der Versuch ging mächtig in die Hose. Auf Konzerten regnete es Eier und vergammeltes Obst. Der Spiegel vermutete, die Band singe "für eine Art Vereinigung von Eros und Vaterland", die "taz" diagnostizierte "strategische Dummheit" und die "Jungle World" unterstellte der Band sogar eine "forsche Nationalstolz-Kampagne". Die extreme Rechte reagierte prompt auf ihre Weise, vereinnahmte den Song und ließ ihn auf Demos aus den Lautsprecherwagen schallen.

Solcherlei Aufregung hat sich mittlerweile weitgehend gelegt. Dafür hat längst nicht nur die Fußball-Weltmeisterschaft mit ihrer hemmungslosen Fahnenschwenkerei gesorgt. Oder, um es mit Sido zu sagen:

"Wenn mir mal
Wieder nicht gefällt, was ich hier sehe
Ruf' ich Poldi an und er zeigt mir die Weltmeister-Trophäe, yeah"

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