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Lesart | Beitrag vom 06.04.2020

Germanist Peter Walther über Berlin um 1930Fieberträume einer Stadt am Abgrund

Peter Walther im Gespräch mit Britta Bürger

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Die Berliner Friedrichstraße um 1930 mit Blic auf den U-Bahnhof Stadtmitte.  (picture-alliance / akg-images)
Stadt mit Schatten: Die Berliner Friedrichstraße um 1930 (picture-alliance / akg-images)

Die Avantgarde tanzt, die Elenden hungern - und der jüdische Hellseher Hanussen lädt die SA-Führung auf seine Yacht ein. Wie zerrissen Berlin war, bevor Hitler an die Macht kam, zeigt der Germanist Peter Walther in eindringlichen Porträts.

Britta Bürger: "Fieber. Universum Berlin 1930–33", so ist das neue Buch des Germanisten Peter Walther überschrieben, und es zieht uns einmal mehr in diese Krisenjahre, die zuletzt mit "Babylon Berlin" einem breiten Publikum nahegebracht worden sind. Bekannt geworden ist Peter Walther 2017 mit einer vielbeachteten Biografie über den Schriftsteller Hans Fallada. Er hat das Onlineportal "Literaturport" mitbegründet und ist einer der Leiter des Brandenburgischen Literaturbüros in Potsdam.

Bevor wir auf einzelne Protagonisten Ihres Buches eingehen – das sind ja neun Porträts, die Sie uns da vorstellen –, lassen Sie uns über die Temperatur dieses Buchs sprechen: "Fieber" überschrieben. Was gehört für Sie zum Fieber dieser Berliner Jahre 1930 bis 33, dieser Zeit, die Hitler an die Macht gebracht hat?

Peter Walther: Berlin ist sicher in diesen Jahren die spannendste Metropole Europas gewesen. Sie haben eben das Nebeneinander von Luxus und Armut, von kultureller Avantgarde und Theater, Literatur, bildender Kunst, zugleich aber Hunger und Massenarbeitslosigkeit, Bürgerkrieg auf den Straßen. Auf dem Kudamm etwa wurde Mittagessen auf Teilzahlung angeboten.

Und dieser ganze Zustand, etwa gerade im Jahr 1932, als es ein Staccato an politischen Wahlkämpfen gab und Tote an jedem Wochenende auf den Straßen, wurde auch von den Zeitgenossen schon als eine Art Fieber begriffen und beschrieben. Das findet man etwa in den Tagebüchern von Harry Graf Kessler, aber auch bei Goebbels und bei anderen. Das ist eben ein Zustand, der uns dazu verleitet hat, diesen – zugegeben, heute in Zeiten von Corona vielleicht nicht gerade verkaufsträchtigen - Titel "Fieber" zu wählen.

In die Köpfe der Handelnden hineinschauen

Bürger: Sie zeichnen neun biografische Porträts von Protagonistinnen und Protagonisten dieser Jahre 1930 bis 1933. Die meisten sind Politiker, darunter die drei letzten Reichskanzler vor Adolf Hitler, also Heinrich Brüning, Kurt von Schleicher, Franz von Papen, aber auch der Kommunist Ernst Thälmann, der Berliner SA-Führer Graf von Helldorff und so eine bizarre Figur wie der jüdische Hellseher Erik Jan Hanussen. Was waren Ihre Überlegungen bei der Auswahl dieser Personen, die Sie ja in diesem Buch miteinander in Beziehung setzen?

Walther: Die Idee war, ein Bild dieser Zeit zu zeichnen über die Biografien der Handelnden, also schon in die Köpfe hineinzuschauen: Woher kommen die, von welchen Werten wurden die geprägt, wie haben die sich entwickelt? Der Grundgedanke, der dahintersteht, ist der, dass, wenn die Verhältnisse einigermaßen stabil sind und die Institutionen funktionieren, die einzelne Person eigentlich relativ wenig ausrichten kann.

Sobald die Verhältnisse aber ins Fließen geraten, ist es auf einmal wichtig zu gucken, wer steht dort an der Spitze, weil auch die Handlungsmöglichkeiten der einzelnen Personen viel größer sind, also nach diesen Lebensmustern zu schauen. Da ging es mir darum, ein überschaubares Personentableau zu finden, das zum einen die Protagonisten des politischen Geschehens – Sie haben sie schon erwähnt, also Brüning, Papen, Schleicher, auch der preußische Ministerpräsident Otto Braun oder der KPD-Führer Thälmann –, zum anderen aber auch prominente Nebenfiguren berücksichtigt.

Den roten Faden bildet ganz sicher Erik Jan Hanussen, ein Hellseher, der aus einer Wiener jüdischen Schaustellerfamilie stammte und eigentlich Hermann Steinschneider hieß und der allabendlich, in zwei Vorstellungen, am Nachmittag und am Abend, je zwei- bis dreitausend Leute in Berlin in der Scala und in anderen Veranstaltungsräumen in den Bann zog. Er hat Hunde hypnotisiert und Fische.

Er war so eine Art früher Popstar mit einer eigenen Luxusyacht "Ursel IV". Er fuhr zwei Bugattis und mischte auch im politischen Geschäft mit: Mit einer eigenen Zeitschrift, "Bunte Woche" nannte sich das, mit einer Riesenauflage, und dabei hat er sich auch die Finger verbrannt.

Höhenflug eines Hellsehers

Bürger: Ja, das ist ganz interessant, wirklich diese Figur sich genauer anzugucken. Einerseits sehen wir, wie sich die Politiker radikalisieren in die eine oder andere Richtung, und er, der Hochstapler und der Hellseher, der zeigt ja im Grunde auf einer anderen Ebene, wie manipulierbar die Gesellschaft in diesen Jahren war, wie leichtgläubig.

Walther: Ich glaube, das ist das Stichwort: die Leichtgläubigkeit, die natürlich herrührte aus der unglaublichen Not, die damals geherrscht hat, aus der Arbeitslosigkeit, die ja ganz andere Folgen hatte, als sie heute hat. Da ging es dann wirklich um die nackte Existenz, das heißt, ums Hungern am Ende des Monats, weil die Hilfe nicht ausreichte.

Hanussen hat das alles ausgenutzt. Er hat agiert mit Lügen, mit Täuschen, mit Verachtung für Schwäche, und er hat die Massen auch geringgeschätzt. Er hat im Grunde nach der Logik des Raubtiers gehandelt. Im Buch ist er so etwas wie ein Platzhalter für Hitler.

Was man vielleicht lernen kann im Hinblick auf diese Zeit, ist, dass viele Leute, von denen man denkt, na ja, sie hätten vielleicht das Ruder herumreißen können, wie etwa der SPD-Ministerpräsident von Preußen, Otto Braun, oder wie der katholische Zentrumspolitiker Heinrich Brüning, dass die geblendet waren durch eine Überschätzung von Rationalität in der Politik.

Moderne Frauen, freie Liebe

Bürger: Bislang haben wir nur über die Männer gesprochen, dabei habe ich die Kapitel über die beiden Frauen eigentlich auch besonders gern gelesen, über die englische Frauenrechtlerin Maud von Ossietzky, die mit  Carl von Ossietzky verheiratet war, und über die amerikanische Journalistin Dorothy Thompson, die acht Jahre darauf hingearbeitet hat, ein Interview mit Hitler zu machen. Warum gerade diese beiden Frauen, Herr Walther?

Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt Dorothy Thompson neben Sinclair Lewis. (imago images / United Archives International / Topfoto )Lernten sich in Berlin kennen: Dorothy Thompson neben ihrem zweiten Ehemann, dem Literaturnobelpreisträger Sinclair Lewis. (imago images / United Archives International / Topfoto )

Walther: Also für mich sind die Frauen die eigentlichen Helden in dem Buch. Dorothy Thompson ist eine unglaublich moderne Frau, amerikanische Journalistin in Berlin, sie lernt hier den späteren Literaturnobelpreisträger Sinclair Lewis kennen und durchlebt mit ihm eine unglückliche Ehe, und während Lewis sozusagen im Alkohol versinkt, verliebt sie sich in einen anderen Mann und führt zugleich eine Liebesbeziehung mit der Schriftstellerin Christa Winsloe.

Also, man merkt, was das für moderne Lebensentwürfe auch sind und wie viel Tragik dahintersteckt. Sie erlebt den Aufstieg der Nazis in Berlin und führt ein Interview mit Hitler, und von ihr stammt übrigens der, finde ich, geistreichste Satz, der je über den Nationalsozialismus gesagt wurde, sie schreibt: Nationalsozialismus ist die Herrschaft Kranker, die auf ihre Gesundheit schwören.

Werbebotschaften per Radio und Flugzeug

Also, sie ist eigentlich für mich, für das Erzählen, das geeignete Medium gewesen, um die Modernität dieser Zeit auch zu spiegeln, die zum Beispiel darin auch besteht, dass das Verhältnis der Geschlechter zueinander eine ganz andere Drehung bekommt, dass etwa auch männliche und weibliche Homosexualität thematisiert werden.

Das ist aber nicht nur diese Seite sozusagen der Modernität, sie gibt es sozusagen auch, wenn es darum geht, dass es so etwas wie einen Umbruch in den technischen Lebenswelten gibt. Also, Sie haben auf einmal ab November 1923 das Radio. Der Hanussen, der diktiert seine Vision in ein Diktiergerät, in den sogenannten "Parlographen". Autorennen spielen eine große Rolle. Hanussen weissagt etwa den Unfalltod des Fürsten Lobkowitz, der mit einem Bugatti T54 unterwegs ist, dem sogenannten "Widowmaker".

Oder bei den Wahlkämpfen werden etwa – die Nationalsozialisten machen das – Schallplatten in großer Auflage geprägt und unter die Leute gebracht, und zur gleichen Zeit fliegen über Berlin sogenannte Lautsprecherflugzeuge, das heißt, die Stadt wird beschallt von oben mit Wahlwerbung – also eine Form von Modernität, wofür das Bewusstsein, glaube ich, und auch die materielle Basis in der Zeit nach '45 erstmal wieder verschwunden war.

Nach der Entlassung spielt der Kanzler Halma

Bürger: Dieses Buch ist durchgängig eine sehr sinnliche Geschichtserzählung. Sie springen immer wieder direkt rein in eine Szene, versetzen uns mitten in eine Situation, so ein bisschen überfallmäßig. Das ist beinah eine filmische Dramaturgie.

Zugleich ist das aber ein wirklich detailliert recherchiertes Geschichtsbuch. Es hat 40 Seiten Quellenanhang, ist aber erzählt wie ein Roman. Wie hoch ist der Anteil an Fiktion, Herr Walther?

Walther: Also ich habe versucht, so dicht wie möglich an die Personen heranzukommen, also auch den Blick auf das Private zu richten, Beziehungen, Lebensumstände, Vorlieben und Gebrechen. Es ist aber an keiner Stelle irgendetwas behauptet, was nicht belegbar wäre.

Das heißt, all diese Kleinigkeiten, etwa dass der Reichskanzler Heinrich Brüning an dem Tag seiner Entlassung am Abend Freunde besucht: Es ist verbürgt, dass er mit den Patentöchtern "Mensch, ärgere dich nicht" und Halma gespielt hat. Alles das finden Sie in den Lebenserinnerungen oder in anderen Quellen.

Deswegen kann ich sagen, der Anteil der Fiktion ist eigentlich sehr, sehr gering. Eigentlich gibt es den gar nicht, wobei man sagen muss, dass der Historiker Reinhart Koselleck sehr schön gesagt hat, Geschichtsschreibung ist immer die Fiktion des Faktischen.

Das heißt, Sie haben in allem, was Sie beschreiben, immer auch einen Anteil Fiktion, der bezieht sich aber nicht auf die falsche Wiedergabe von Fakten oder die Erfindung von Geschehnissen und Ereignissen. Das ist alles authentisch und verbürgt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Peter Walther: Fieber. Universum Berlin 1930-1933
Aufbau Verlag, Berlin 2020
364 Seiten, 22 Euro

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