Wir brauchen mehr Fettgeschichten!

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Die Autorin Lena Schätte beim Schreiben in einem Cafe. Vor ihr ein Laptop mit zahlreichen Aufklebern.
Buchautorin Lena Schätte gehört zu den Pionierinnen: Sie machte eine fettleibige Frau zur Heldin ihres Textes "Was wir tragen". Dafür gewann sie den Bachmann-Preis 2026. © IMAGO / Funke Foto Services / via imago-images.de
Ein Einwurf von Rabea Weihser |
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Viele Verlage legen Wert auf Diversität und wollen den Unterrepräsentierten und Marginalisierten eine Stimme geben. Doch es gibt dabei eine merkwürdige Leerstelle, findet die Autorin und Kolumnistin Rabea Weihser.
Laut Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation ist mehr als die Hälfte der Deutschen übergewichtig. Die durchschnittliche Kleidergröße von Frauen in diesem Land ist 42/44. Dass solche Frauenkörper in den Medien viel zu selten auftreten dürfen, wird oft beklagt.
In der Literatur sieht es da doch sicherlich besser aus. Schließlich adressieren gute Romane eher Empathie und Vorstellungskraft als Voyeurismus und Objektifizierung.
Die Schriftstellerin Lena Schätte hat mit einem solchen literarischen Text im Sommer den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Und Daniela Dröschers Bestseller-Roman „Lügen über meine Mutter“ erzählt von unablässiger Körperschikane und Herabwürdigung durch den Vater. Gerade ist er verfilmt ins Kino gekommen.
Das wären also zwei gute Fettgeschichten. Doch wer im deutschsprachigen Raum nach weiteren dicken Romanheldinnen sucht, muss erstaunt feststellen: Es gibt sie nicht. Schätte und Dröscher sind offenbar Pionierinnen dieses Genres.

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Auf anderen Themenfeldern ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur da schon weiter. Viele Romane verhandeln Klassismus, Sexismus oder Rassismus an Protagonistinnen, die sich aus struktureller Benachteiligung befreien.

Fettsein wird zum persönlichen Problem heruntergespielt

Aber: Wie sich Frauen über die Fettfeindlichkeit ihrer Umgebung erheben oder wie sie sogar ein Leben führen, in dem ihr Körper nicht ihren gesellschaftlichen Wert und ihr Handeln definiert – dafür finden kaum Autorinnen die richtigen Worte. Die mehrgewichtige Frau – ein so omnipräsentes Thema – passt kaum zwischen zwei Buchdeckel.
Es ist die Scham, die dieser Art der Ermächtigungsliteratur im Weg steht. Denn im Gegensatz zu anderen Formen der Diskriminierung wird Fettfeindlichkeit selten auf strukturelle, psychologische, politische und wirtschaftliche Faktoren zurückgeführt.
Der dicke Körper bleibt immer ein persönliches Problem, für dessen Beseitigung die Frau allein verantwortlich gemacht wird. Soll sie sich eben zusammenreißen.

Körperfett als soziales Stigma

Völlig klar, zu viel Fett macht krank. Aber nur zum Vergleich: Ein Drittel der Deutschen hat Rückenprobleme, fast die Hälfte erkrankt im Laufe des Lebens an Krebs und zwei Drittel brauchen eine Brille. Sie werden deshalb nicht persönlich angegriffen oder über ihren Lebensstil belehrt.
Das zeigt: Körperfett hat nicht nur eine medizinische Bedeutung, sondern birgt ein noch viel wirksameres moralisches und soziales Stigma.
Der Zusammenhang von Haben und Sein prägt unsere Konsumgesellschaft. Haste was, biste was. Aber: Haste Fett, biste nix. Schlankheit wird mit Disziplin und Gesundheit gleichgesetzt, Körperfülle mit Faulheit und Krankheit.
Dieser falschen, klassistischen Logik zufolge gehören die Fetten, Faulen und Kranken an den gesellschaftlichen Rand. Und wenn das dicke Mädchen nicht abnimmt, wird es später nicht geheiratet.

Zuerst die eigene Scham überwinden

Wer über diesen fatalen Zusammenhang aus Erfahrung schreiben will, muss zuerst seine eigene Scham überwinden, um dann seine Romanfigur ermächtigen zu können. Das ist ein langer, beschwerlicher Weg.
Lena Schätte, 33, und Daniela Dröscher, 49 Jahre alt, sind ihn schon gegangen. Die beiden haben den Mut gefunden, in autofiktionalen Romanen Scham und Beschämung auszustellen.
Sicherlich wäre es wünschenswert, wenn ein Körper mit Durchschnittskleidergröße 42/44 nicht das zentrale Thema der Handlung sein müsste.
Bevor es aber Romane geben kann, in denen eine große Frau einfach nur Protagonistin sein darf, ohne dass ihr Aussehen eine erwähnenswerte Einschränkung darstellt – zum Beispiel als Mordermittlerin, Lehrerin, Anwältin, Chefin, unsympathisch, neurotisch oder einfach nur nervig – bevor solche alltäglichen Romanfiguren entstehen können, muss es offenbar noch viel mehr mutige Fettgeschichten geben.
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