Uta von Arnim: "Das Institut von Riga"

Das dunkle Geheimnis des Großvaters

15:21 Minuten
Historische Aufnahme von der Deportation von Juden mit dem Zug nach Riga 1941.
Deportation deutscher Juden vom Bahnhof in Bielefeld nach Riga im Dezember 1941. Der Arzt Herbert Bernsdorff war verantwortlich für Menschenversuche an jüdischen Häftlingen in Riga. © picture alliance / Mary Evans Picture Library
Uta von Arnim im Gespräch mit Joachim Scholl · 24.11.2021
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Die Ärztin und Journalistin Uta von Arnim hat die Vergangenheit ihres Großvaters recherchiert. In Erinnerung hatte sie einen netten Mann. Doch vor 1945 wurde er in einem medizinischen Forschungsinstitut in Riga zum Verbrecher.
Auf der Beerdigung ihrer Großmutter erhielt Uta von Arnim erstmals Hinweise darauf, dass ihr Großvater nicht derjenige gewesen war, den sie in Erinnerung hatte.
Ein netter Landarzt - das war er für sie. Doch als die Ärztin und Journalistin ihre Verwandten nach der Zeit vor 1945 befragte, kam erst ein Zögern. Und dann die Antwort, der Großvater habe eine „leitende Funktion“ bekleidet. „Da dachte ich, irgendwas stimmt da nicht“, sagt von Arnim. So begann sie, die Geschichte von Herbert Bernsdorff zu recherchieren.

Menschenversuche an jüdischen Häftlingen

Bernsdorff wurde 1892 in Riga geboren, war Mediziner und gründete das "Institut von Riga". Als von Arnim vier Jahre alt war, starb der Großvater mit Mitte 70 in der Bundesrepublik Deutschland, in der er Jahrzehnte noch als Arzt gearbeitet hatte.
In Archiven fand von Arnim heraus, dass an dem Institut das Fleckfieber erforscht wurde, eine Krankheit, die von Läusen übertragen wird. Der Großvater war Leiter des Gesundheitswesens in Riga, das Institut gehörte zu seiner Abteilung.
Dort fanden auch Menschenversuche an jüdischen Häftlingen statt. Ihr Großvater stand an der Spitze des Systems. "Letztlich trug er die größte Verantwortung", sagt von Arnim.

"Er war ein Rad im Getriebe, nicht ein Rädchen, sondern ein großes Rad."

Von Arnim hat nun ein Buch über ihn geschrieben: "Das Institut von Riga". Bernsdorff war Nationalsozialist der ersten Stunde. Seine Enkelin schildert ihn als einen Mann voller Härte gegenüber anderen. "Ich habe nichts gefunden, das er zugunsten der Menschen ausgelegt hätte", sagt sie.

Nie zur Rechenschaft gezogen

Die Verbrechen des Großvaters könne sie immer noch nicht mit seiner Person zusammenbringen. "Ich kann es mir nicht vorstellen, und trotzdem ist es so, wie ich es dokumentiert habe", sagt von Arnim. Auch für ihre Familie seien die Ergebnisse ihrer Recherche schwer nachvollziehbar gewesen.
Für die Menschenversuche in Riga wurde Bernsdorff nie zur Rechenschaft gezogen. Er wurde nach 1945 schnell entnazifiziert, obwohl er immer noch ein überzeugter Nationalsozialist gewesen sei, sagt von Arnim.
"Es gab wohl verschiedene Versuche, ihn zu belangen", berichtet sie. "Es gab eine Kriegsverbrecherliste in Riga, die direkt nach dem Einmarsch der Roten Armee erstellt wurde, aber da war er schon weg." Später, in der Bundesrepublik, tauchte sein Name noch einmal in Ermittlungsunterlagen auf. Doch da war er schon verstorben.

Uta von Arnim: "Das Institut von Riga. Die Geschichte eines NS-Arztes und seiner Forschung"
Nagel & Kimche Verlag, Zürich 2021
239 Seiten, 22 Euro

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