Die Einzigartigkeit der Shoah

Kein Völkermord unter vielen

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Die "Halle der Namen" der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem erinnert an jeden jüdischen Menschen, der im Holocaust ermordet wurde.
Unter den Nationalsozialisten weihte die Juden ihr bloßes Judensein dem Tod, betont Konstantin Sakkas. © picture alliance / Bildagentur-online/ Schöning
Ein Kommentar von Konstantin Sakkas · 20.01.2022
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Vor 80 Jahren beschlossen Vertreter des Naziregimes auf der Wannseekonferenz die systematische Ermordung der Juden. Sie hatten dabei alle Jüdinnen und Juden weltweit im Blick. Für den Historiker Konstantin Sakkas macht dies die Einzigartigkeit der Shoah aus.
Als 15 hochrangige Vertreter des NS-Regimes unter dem Vorsitz von Reinhard Heydrich in Berlin am Großen Wannsee zusammenkamen, ermordeten die SS-Einsatzgruppen bereits seit einem halben Jahr systematisch Juden in der besetzten Sowjetunion. Auch im annektierten Gebiet um Posen lief seit Dezember 1941 der Massenmord an den dort lebenden Juden.
Dennoch gilt die Wannseekonferenz als Einschnitt: denn hier wurde offiziell festgehalten, dass buchstäblich alle Juden und Jüdinnen Europas nach und nach ermordet werden sollten. Und mehr als das: Heydrich und seine „Kollegen“ bezogen in ihre Planungen auch Juden aus Ländern mit ein, die noch gar nicht im deutschen Machtbereich lagen. Das Mordprogramm gegen die Juden war ein globales und umfassendes.

Weltweite Ausrottung

Hier liegt der Grund für die historische Einzigartigkeit der Shoah. Nicht allein die Juden eines bestimmten Gebiets oder mit bestimmten individuellen Merkmalen sollten getötet werden; sondern früher oder später jeder und jede von ihnen, auf dem ganzen Planeten.

Ja, weiße Siedler dezimierten die Ureinwohner in Amerika und behandelten die von ihnen etwa in Afrika Versklavten fürchterlich; aber einen Plan, etwa alle Schwarzen dieser Erde zu töten, gab es nicht, jedenfalls nicht von der Offizialität der Wannseekonferenz. Dort beschlossen Vertreter der wichtigsten deutschen Behörden die weltweite Ausrottung aller Menschen, die mindestens drei, teilweise auch weniger jüdische Großelternteile hatten. Ihr bloßes Geborensein verurteilte diese Menschen in den Augen der Nazis zum Tode.

Durch Judensein dem Tod geweiht

Dass auch pragmatische Erwägungen – etwa die deutschen Kolonialpläne für Ostmitteleuropa – in den Mordplan mithineinspielten; dass bereits seit 1939 Behinderte im deutschen Machtbereich ermordet wurden, ist unbestritten, ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Juden ihr bloßes, ihnen schicksalsmäßig zugefallenes Judesein dem Tod weihte.

Kurz nach der Wannseekonferenz nahm in Belzec bei Lublin das erste reine Vernichtungslager der so genannten „Aktion Reinhardt“ seinen „Betrieb“ auf; im Mai wurde in Birkenau der erste Transport slowakischer Juden vergast. Ende Juli 1942 begann in Treblinka der Massenmord an den Warschauer Juden; und Ende 1943 waren auch fast alle so genannten arbeitsfähigen Juden in Polen ermordet - trotz der prekären Lage der deutschen Kriegswirtschaft. Und im Sommer 1944 hatte die SS nichts Besseres zu tun, als die Juden von den griechischen Inseln Richtung Auschwitz zu verschiffen, obwohl die Alliierten schon überall vor der Tür standen.

Eliminatorischer Antisemitismus Hitlers

Hitler mochte ein Nihilist sein, der ebenso auf die slawischen Völker voller Hass blickte und dem im Angesicht der Niederlage sogar die Deutschen selbst egal sein mochten: ein eliminatorischer Antisemitismus war die Konstante seines politischen Konzepts.
„Das Jüdische“ verkörperte für ihn das Weltbürgerliche, das Orientalische in Europa, den Geist des Fortschritts, der Freiheit und der Lebensbejahung. Die nationale Ungebundenheit der Juden machte sie im Zeitalter des Nationalismus in einem noch jungen und fragilen Nationalstaat wie Deutschland, das gerade den Ersten Weltkrieg verloren hatte, aber auch in vielen weiteren neuen und instabilen Nationalstaaten in Europa zum bevorzugten Zielobjekt von Radikalismus und Gewalt.

Totale Dimension des Genozids

Die drohende Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg, die mit dem Scheitern der Wehrmacht vor Moskau und der Kriegserklärung an die USA im Dezember 1941 faktisch besiegelt war, besiegelte auch das Schicksal der Juden.

Jeder Genozid ist ein Menschheitsverbrechen. Wer aber die Shoah als einen Völkermord unter vielen abqualifiziert und ihre globale und totale Dimension negiert, der verkürzt die Geschichte und leistet heutigem Antisemitismus Vorschub.

Konstantin Sakkas, Jahrgang 1982, studierte Rechtswissenschaften, Philosophie und Geschichte und schloss sein Studium 2009 an der Freien Universität Berlin mit einer Magisterarbeit über Hannah Arendt ab. Er lebt und arbeitet als Publizist und Kommunikationsberater in Berlin.

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