Holocaust und Erinnerungskultur

    Muss unser Gedenken globaler werden?

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    Tor zum Vernichtungslager Auschwitz
    Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau war das größte deutsche Vernichtungslager. © picture alliance / Zoonar / Bruno Coelho
    Meron Mendel im Gespräch mit Axel Rahmlow · 01.04.2021
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    Kann der Holocaust mit anderen Genoziden verglichen werden? Zwei Wissenschaftler plädieren dafür, und fordern eine neue globale Geschichtsschreibung. Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, verweist auf die Singularität des Holocaust.
    Sechs Millionen starben im Holocaust. Eine Zahl an die wir uns nie gewöhnen sollten. Deutschland trägt Verantwortung. Das ist unter Historikerinnen und Historikern unbestritten. Aber: Die Frage ob der Holocaust mit anderen Großverbrechen vergleichbar ist, diskutieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gerade wieder. War der Holocaust ein einzigartiges Ereignis oder brauchen wir eine neue globale Geschichtsschreibung, die sich weniger mit einer Entweder-oder-Logik, sondern vielmehr mit einer Sowohl-als-auch-Erinnerung befasst?
    Der Historiker Jürgen Zimmerer und der Literaturwissenschaftler Michael Rothberg fordern, den Vergleich zu enttabuisieren. Denn sie befürchten, dass unsere Erinnerungskultur unangenehme Nebeneffekte hat – zum Beispiel im Umgang mit Deutschlands Kolonialgeschichte.
    Jüngst wurde den beiden vorgeworfen, den Holocaust zu verharmlosen. Dagegen wehren sie sich in einem aktuellen "Zeit"-Artikel und fordern: Die deutsche Erinnerungskultur müsse sich verändern.
    Vier Gründe tragen sie dafür vor: Zum einen blockiere die Unvergleichbarkeit den Blick auf wichtige Wurzeln des nationalistischen Verbrechens. Zum anderen verringere sich die moralische Schlagkraft des "Nie wieder", denn einzigartige Ereignisse können sich nicht wiederholen. Außerdem erlaube dies rechten Regierungen in Europa, die Komplizenschaft der Vorfahren ihrer Bürgerinnen und Bürger zu vertuschen. Und schlussendlich verpasse man dadurch die Chance, eine inklusive Erinnerungskultur zu entwickeln, da Millionen deutscher Familien zur Zeit des dritten Reichs noch nicht hier gelebt haben.

    Jedes historisches Ereignis ist vergleichbar

    "Jedes historisches Ereignis ist vergleichbar", betont Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main und nimmt auch den Holocaust davor nicht aus. Trotzdem bleibe der Holocaust als Ereignis singulär und sei daher mit keinem anderen historischen Ereignis gleichzusetzen.
    Vergleichbar und gleichsetzbar – diese Begriffe liegen zwar sehr nahe beieinander. "Aber sie sind doch sehr unterschiedlich. Und deswegen würde ich sagen, der Holocaust ist zwar vergleichbar mit vielen anderen historischen Ereignissen, sie sind aber nicht gleichzusetzen."

    Eine globale Gedenkkultur – ein Illusion?

    Beiden Wissenschaftlern gehe es um die Art und Weise, wie dem Holocaust gedacht werde: darum, dass neben der Erinnerung an den Holocaust auch dem Gedenken anderer Völkermorde genug Platz eingeräumt werden müsse. "Dieses Argument sehe ich nicht als Verharmlosung des Holocaust", betont Mendel. Er könne die Forderung der beiden Wissenschaftler zwar nachvollziehen. Diese sei aus seiner Sicht aber bereits umgesetzt, sowohl in den USA als auch in Deutschland.
    Der Forderung nach einer globalen Gedenkkultur, in der regionaler oder nationaler Vergangenheit kein Vorrang eingeräumt wird, steht Mendel reserviert gegenüber: "Diese Vorstellung, dass wir irgendwann in eine globale Erinnerungskultur kommen, wo alle Völker der Welt sich genauso drin finden, erachte ich persönlich als Illusion, das ist auf jeden Fall eine Wunschvorstellung", so seine Einschätzung. "Was aber nicht bedeutet, dass den anderen Erinnerungen, den anderen Narrativen kein Patz eingeräumt wird."
    (Boussa Thiam / lkn)
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