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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.10.2017

Ein Leben mit SehbehinderungWie Blinde lesen und sehen

Von Clemens Hoffmann

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Mit den Händen lesen. Weltweit wird heute die Punktschrift von Louis Braille gelehrt. (picture alliance / dpa / Wolfgang Thieme)
Mit der Punktschrift von Louis Braille können viele Blinde Bücher "lesen". (picture alliance / dpa / Wolfgang Thieme)

Zu unserem Themenschwerpunkt "Behinderungen/Enthinderungen" haben wir uns gefragt, wie Blinde heute lesen und wie sie an Lesestoff kommen. Längst gibt es auch mehr als nur Bücher in Brailleschrift.

Neben einer Kampfkunstschule und einem Krishna-Tempel ist der Eingang zu dieser Bibliothek leicht zu übersehen. Durch das Treppenhaus einer Blinden-Wohnanlage steige ich in das Untergeschoss. Hinter einer schweren Metalltür: Ein Tonstudio, Computer-Arbeitsplätze mit Scannern und CD-Rohlinge. Angela Schmielewski sitzt mit einer Mitarbeiterin am Schreibtisch und steckt silbrig glänzende CDs in Fenster-Briefumschläge.

"Wie man im Hintergrund hört, läuft gerade der Brenner, das heißt unsere Ausleihe läuft. Es werden für jeden Hörer einzeln die Bücher gebrannt. Es wird da die Adresse draufgedruckt und dann werden sie in Briefumschlägen einzeln verschickt."

17.000 Hörbücher schlummern in elektronischer Form auf dem Server der Berliner Blinden-Hörbücherei. Blinde und Sehbehinderte können das Angebot auf Katalog-CDs oder im Internet durchstöbern und ihre Wunschbücher bestellen. Die Leiterin kennt die Vorlieben der mehrheitlich älteren Nutzer:

"Es ist immer noch der Konsalik, Uta Danella und Rosamunde Pilcher – und Krimis, ganz viele Krimis, zum Beispiel von Fitzek, Andreas Franz." 

"Willkommen beim Viktor-Reader. In dem vorliegenden Buch kann man die einzelnen Überschriften ansteuern."

Hörbüchereien für Blinde

Die Hörbücher sind in einem speziellen Format produziert. So können Blinde einfach im Text hin und herspringen, wenn sie ein entsprechendes Abspiel-Gerät haben. Die CDs werden kostenlos abgegeben. Acht Blinden-Hörbüchereien gibt es im deutschsprachigen Raum. Alle produzieren mit professionellen Sprechern auch selbst Hörbücher. In Berlin immerhin rund 30 Titel pro Jahr. Angela Schmielewski:

"Wir haben zum Beispiel jetzt in der Produktion die Bücher von Irene Fritsch, da geht es ja um den Lietzensee hier, die Tote vom Lietzensee, Finale am Lietzensee und Kalter Krieg am Lietzensee."

Eine Frau sitzt im Rollstuhl und hält die Hand eines neben ihr gehenden Mannes, der sein Fahrrad mit der anderen Hand schiebt, fest  (Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de)Mehr zum Thema auf unserem Portal zum Schwerpunkt "Enthinderung". (Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de)

Rund 1000 Mitglieder sind bei der Berliner Hörbücherei angemeldet. Auch Silja Korn, 51 Jahre alt, seit ihrem 12. Lebensjahr erblindet. Die Berlinerin arbeitet als Kindergarten-Erzieherin. In ihrer Freizeit interessiert sie sich für Malen, Fotografie und Kino – und sie liest!

"Ich lese alles, was mir in die Finger kommt, Ich lese Punktschrift also Blindenschrift, wie auch Hörbücher höre ich. Ich finde aber Blindenschrift lesen viel schöner, weil ich kann mir dort die Geschichte selber im Kopf entstehen lassen, so wie ich das will!"

Geschichten zum buchstäblich Fühlen

Wenn sie selbst mit den Fingern über die kleinen Höcker auf dem Papier fährt, kann Silja Korn die Geschichte fühlen. Sagt sie.

"Wenn ich lese, die Frau sitzt am Strand und die Sonne schien, ihr ins Gesicht dann spüre ich richtig die Wärme auf der Haut und das der, wie es rauscht höre ich dann und wie der Wind über ihren Körper streicht, all das Spüre ich genau, auch beim Lesen."

Ihre Bekannte, die Rentnerin Christel Jung, kennt das:

"Wenn man das vorgelesen kriegt, geht es eher an einem vorbei, und wenn man das selber liest, man liest ja auch leise, dann hört man die Stimmen aus dem Buch ganz anders."

Sehen, ohne je gesehen zu haben

Die 61-Jährige ist seit ihrem 5. Lebensjahr blind. Daher hat sie noch Vorstellungen aus der Welt der Sehenden, etwa von Farben. Aber was ist mit Menschen, die noch nie sehen konnten?

"Also ich weiß von einem Ehepaar, die sind beide geburtsblind, die machen es über Töne fest. Sagen: rot ist ein tiefer Ton. Weiß ist ein ganz heller Ton."

Christel Jung mag die Krimis von Jussi Adler Olson und Stieg Larsson, aber auch deutsche Klassiker.

"Erich Kästner ist ja köstlich zu lesen, das kann man ganz anders genießen wenn man es liest als wenn man es hört. Aber ich lese auch gerne Heinrich Mann, der ist zwar schwierig, aber der hat eine sehr schöne ausgefeilte Sprache."

Inzwischen ist es gar nicht mehr so einfach, an Bücher in Brailleschrift heranzukommen. Gerade hat eine Druckerei in Paderborn geschlossen, die Nachfrage fehlt. Christel Jung bedauert das.

"Das ist bei Blinden genauso wie bei Sehenden. Sie sind fauler geworden. Sich die Blindenschrift anzueignen ist mühsam, zeitaufwendig und es geht doch viel schneller, wenn ich mir ne CD in den Player schiebe – und dann ist den meisten auch egal, dass die Hörbücher gekürzt sind."

Dicke Bücher in Brailleschrift

Zuhause führt die Leidenschaft fürs Buch zu Platzproblemen. Allerdings noch schneller als bei sehenden Leseratten: Bücher in Brailleschrift sind nämlich viel dicker. Silja Korn.

"Ich hatte mal die Bibel, aber die musste ich dann abschaffen, weil ich bin von Zuhause ausgezogen und die hatte 64 Bände."

Auch deshalb haben Silja Korn und Christel Jung inzwischen ebooks für sich entdeckt. Oft sind sie die einzige Möglichkeit, Neuerscheinungen auch mal zeitnah kennenzulernen.

"Ich lad mir das Buch runter, ich muss es allerdings bezahlen, das brauche ich in der Bücherei nicht, aber wenn ich das dann auf meinem Iphone habe, dann kann ich es hören. Die Stimme ist synthetisch, aber die ist inzwischen so gut geworden, das mir das gar nicht mehr so auffällt."

Die Digitalisierung hat die Auswahl für blinde Leser in den letzten Jahren sehr viel größer gemacht. Und auch die Bücherei ohne Bücher wird sich verändern. Sie wird mehr und mehr Titel zum Download anbieten. Die CD als Medium könnte bald genauso überflüssig werden, wie die

Mehr zu unserem Thementag "Behinderungen/Enthinderungen" auf unserer Themenseite.

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(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 28.10.2016)

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