Analoge Treffen

Warum offline sein einfach gut tut

Eine farbige Illustration zeigt zwei Frauen an einem kleinen runden Tisch in einem Café. Sie sitzen sich gegenüber, lachen und wirken in ein Gespräch vertieft.
Digitale Interaktion gehört längst zu unserem Alltag. Umso mehr wächst die Sehnsucht nach echten Begegnungen © imago / Westend61 / Iryna Auhustsinovich
Von Elena Matera |
Buchclubs, Strickrunden, Offline-Clubs: Immer mehr Menschen suchen bewusst nach Begegnungen ohne Display. Warum wir uns nach analogen Treffen sehnen – und was sie uns geben.
Kein Handy auf dem Tisch, keine Fotos vom Essen, keine schnelle Story zwischendurch. Stattdessen sitzen wir zu siebt in einem Café, vor uns Teller mit Oliven, Käse, Brot und Kartoffelwedges, zwischen uns „Frau Komachi empfiehlt ein Buch” von der japanischen Autorin Michiko Aoyama.
Wir sprechen über die Figuren des Romans, die in ihrem Leben feststecken, über ihre verborgenen Wünsche und über die Bibliothekarin Sayuri Komachi, die für jeden genau das Buch findet, das etwas in Bewegung bringt. Wir reden darüber, was uns berührt hat, was uns genervt hat und welche Figur uns nicht loslässt.
Unsere Handys bleiben in den Taschen. Unabgesprochen. Als würden wir alle für ein paar Stunden dasselbe suchen: einfach nur hier zu sein.
Als ich vor einem Jahr den Buchclub gegründet habe, hatte ich genau dieses Bedürfnis. Ich wollte weniger Austausch, der nur über Chats läuft, und stattdessen ein regelmäßiges Treffen mit anderen Menschen. Und ich wollte über Bücher sprechen. Denn das ist ja eines dieser Dinge am Lesen: Man verbringt mit einer Geschichte oft Tage, manchmal Wochen, lebt mit Figuren, Sätzen und Stimmungen, und wenn man das Buch zuklappt, ist man mit seinen Gedanken erst einmal allein. Man fragt sich, warum eine Figur so falsch abgebogen ist, warum einen ein Ende wütend macht und was die Autorin mit dieser oder jener Passage eigentlich sagen wollte.

Vom Buchclub bis zum Offline-Club

Inzwischen sind wir sieben Frauen, alle Ende zwanzig bis Mitte dreißig. Wir treffen uns alle sechs Wochen, immer im selben Café. Über die Zeit ist daraus so etwas wie ein kleiner Stammtisch geworden, der trotz voller Kalender und Müdigkeit zustandekommt und in der Überforderung des Alltags zum Lichtblick wird. Gerade deshalb ist er so wichtig. Und ganz nebenbei sind dabei sogar neue Freundschaften entstanden.
Die Sehnsucht nach analogen Treffen ist kein Einzelgefühl, sondern Teil eines Comebacks analoger Verabredungen. Ob Buchclubs, gemeinsames Stricken im Kino oder „Girls Walking Talking”, also Spaziergänge, zu denen sich Frauen treffen, um weniger einsam zu sein und Freundinnen zu finden – all das wird immer beliebter.
Dass aus solchen analogen Verabredungen längst ein größerer Trend geworden ist, zeigt sich auch daran, wie sie inzwischen organisiert werden. Sogenannte Offline-Clubs entstehen in immer mehr Städten und veranstalten regelmäßig analoge Events, die sogar Eintritt kosten.
Zu Beginn gibt man sein Smartphone ab. Danach folgt eine gemeinsame Fokuszeit: Menschen lesen, schreiben, zeichnen oder stricken nebeneinander, jede und jeder für sich und doch gemeinsam. Später gibt es moderierte Gesprächsrunden und kleine Gruppengespräche. Gerade dieses angeleitete Abschalten trifft offenbar einen Nerv. Es zeigt, wie groß die Sehnsucht nach analogen Räumen geworden ist.

Die „Rache des Analogen”

Der Zukunftsforscher Tristan Horx nennt solche Entwicklungen die „Rache des Analogen“. Gemeint ist damit eine Gegenbewegung zur allgegenwärtigen Digitalisierung. Je stärker unser Alltag von Displays, KI und ständiger Erreichbarkeit geprägt ist, desto größer wird der Wunsch nach Dingen, die greifbar, langsam und wirklich gemeinsam sind. Aus dem digitalen Wandel entsteht so ein analoger Backlash. Er zeigt sich zum Beispiel im Comeback von Schallplatten, CDs oder analoger Fotografie, aber eben auch in dem Wunsch nach Treffen, bei denen Präsenz wichtiger ist als permanente Erreichbarkeit.
Denn unser Alltags findet immer mehr digital statt - wir sind dauernd erreichbar, schicken Sprachnachrichten, Reels oder Reaktionen auf Social-Media-Posts. An Kommunikation fehlt es nicht. Und trotzdem fehlt oft etwas. Digitale Nähe ist häufig unterbrochene Nähe. Das Handy liegt immer in Reichweite, und damit auch der Impuls, kurz nachzuschauen und gedanklich schon wieder woanders zu sein. Selbst analoge Treffen bleiben davon nicht unberührt, wenn sie sofort fotografiert, gepostet und nach außen getragen werden.
Bei unserem Buchclub ist das anders, ohne dass wir das jemals festgelegt hätten. Niemand nimmt zwischendurch eine Story auf. Niemand dokumentiert unsere Gesprächsfetzen. Niemand hält fest, wie gemütlich es gerade aussieht. Gerade dadurch wird der Abend so besonders. Er gehört nur uns.

Rückkehr der „Oma-Hobbys“

Neben dem Buchclub habe ich auch mit dem Stricken angefangen und mache das inzwischen gemeinsam mit Freundinnen. Angefangen hat es, weil wir gemerkt haben, wie schnell wir beim Filmeschauen, im Zug oder selbst in Gesprächen wieder aufs Handy schauen. Also haben wir irgendwann Wolle in die Hand genommen. Und dann saßen wir da, mit Stricknadeln auf dem Schoß, zählten Maschen, halfen uns gegenseitig, redeten und schwiegen.
Dass ausgerechnet solche vermeintlichen „Oma-Hobbys“ gerade ein Revival erleben, passt gut in die Sehnsucht nach dem Analogen. Wer strickt, näht oder gärtnert, erlebt, dass die eigenen Hände etwas herstellen können. Studien legen nahe, dass Stricken beruhigt, Zugehörigkeit stiftet und dem Alltag Struktur geben kann.

Soziale Verbindungen senken Krankheitsrisiken

Dass uns soziale Verbundenheit guttut, ist ohnehin gut belegt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt davor, dass Einsamkeit und soziale Isolation weit verbreitet sind und verweist darauf, dass soziale Verbindungen nicht nur gegen Einsamkeit helfen, sondern sogar Krankheitsrisiken senken können. Analoge Treffen wirken deshalb für viele von uns wie eine Rückkehr zu etwas, das im Alltag verloren gegangen ist. Was früher oft selbstverständlich war – Stammtische, feste Runden in der Kneipe, Kartenspiele –, wird heute wieder bewusst gesucht.
Bei einem unserer Buchclub-Abende kam einmal der Kellner, der uns fast immer bedient, an unseren Tisch und sagte, er finde es besonders, dass wir uns als Gruppe so regelmäßig treffen. So etwas sehe man heutzutage selten, meinte er. Genau deshalb sei es so schön.
Und natürlich geht es längst nicht nur um Bücher. Oft wandert das Gespräch irgendwann vom Text weg und wir reden über neue Pläne, alte Sorgen, Wünsche und Probleme. Das Buch ist der Anlass, aber nicht immer der Kern. Es gibt uns nur den Rahmen, alles andere ergibt sich darum herum.
Unser Buchclub ist zwar klein. Aber er verändert etwas in meinem Leben. Er ist nicht für Reichweite, nicht für ein Bild, nicht für eine Idee von uns selbst da - nur für die Bücher und für uns.