Schriftstellerin Herta Müller

"Genauigkeit ist Selbstschutz"

30:10 Minuten
Die Autorin Herta Müller bei einer Lesung der Lit.Cologne.
Gedichte gaben ihr Halt – auch in den Verhören des Geheimdienstes: die Schriftstellerin Herta Müller, Nobelpreisträgerin für Literatur. © Getty Images / Ralf Jürgens
Von Carsten Hueck · 18.02.2022
Audio herunterladen
Vor 40 Jahren hat die im rumänischen Nitzkydorf geborene Herta Müller ihr erstes Buch veröffentlicht. Nachdem sie Rumänien 1987 verlassen hatte, begann ihre Karriere erst richtig und wurde 2009 mit dem Nobelpreis für Literatur gekrönt.
Herta Müller wurde 1953 im Banat, in Nitzkydorf geboren. Die Eltern gehörten der deutschen Minderheit in Rumänien an. Man sprach selbstverständlich Deutsch im Dorf, den Dialekt der Vorfahren. Ernest Wichner, ein Jahr älter als Herta Müller, ist in einer kleinen Siedlung weiter nördlich geboren. Er erzählt, dass sich die Wege der beiden früh berührt hätten:
„Ich war 15, sie 14, und dann hat mich ein Klassenkamerad mitgenommen in sein Dorf, aus dem er stammte zum Kirchweihfest, und dann sagte er: 'Geh, tanz mit dem Herta!' So hieß es in deren Dialekt, da gab es die weibliche Form nicht. 'Tanz mit dem Herta, das Herta schreibt auch Gedichte so, wie du das machst.' – So hab ich mit dem Herta getanzt.“

Staubwolken und Staubwirbel

Aus dem Tanz wurde eine lebenslange Freundschaft. Viele Erfahrungen teilen die Beiden – die rumäniendeutsche Herkunft, die enge Beziehung zur Literatur, die Topografie der Kindheit. Herta Müller erinnert sich:
„Die Straßen waren sehr breit. Nur die Gehsteige waren gepflastert, und das war dann dieser graue Staub, Staubwolken, Staubwirbel, das gehörte dazu – und wenn es regnete, dass man stecken blieb in den Straßen mit dem Traktor oder mit dem Pferdewagen, Autos gab es ja kaum. Und zwischen den Häusern war auf beiden Straßenseiten so viel Platz, dass da einfach auch die Tiere weideten.“
Ernest Wichner wanderte schon in den 1970er-Jahren mit seinen Eltern aus Rumänien aus, zwölf Jahre vor Herta Müller. Den zermürbenden Kampf mit dem rumänischen Geheimdienst, der sie geprägt hat, hat er nicht erlebt. Nicht die Todesdrohungen, Überwachungen, Verhöre. Heute lebt Ernest Wichner, wie Herta Müller, in Berlin. Der Autor und Übersetzer hat dort jahrelang das Literaturhaus geleitet. Er hat Herta Müller begleitet, als sie mit Oskar Pastior an dessen Deportationsorte reiste, um für ihren wohl berühmtesten Roman „Atemschaukel“ zu recherchieren.

Von der Geschichte verwüstet

Herta Müller kommt aus einer Gegend, die schon vor ihrer Geburt von der Geschichte verwüstet worden war. Eine Gegend enttäuschter Hoffnungen, der Entbehrung, zerrissener Familien, des mehrfachen Traumas. Sie wuchs auf in einer Gemeinschaft, die mit Hitler die Welt hatte erobern wollen und teuer dafür bezahlten. Täter und Opfer, schuldig Geborene. Heimat, die es einem nicht leicht macht, wie sie erzählt:

Alles, was an Heimat schlimm ist, ist das Ideologische. Das Ausgrenzende, das nicht offen ist, sondern das geschlossen ist und das den anderen nicht über die Schwelle treten lässt.

Herta Müller

Das Dorf, in dem Herta Müller aufwuchs, dessen schockierende Normalität, schildert die Autorin eindringlich in drastischen Bildern und einer knappen Sprache in ihrem ersten Erzählband „Niederungen“. In literarischen Traumbildern, die sich aus alltäglichen Erfahrungen speisen, und von diesen oft nicht zu unterscheiden sind, wehrt sich die Erzählerin gegen die Zumutungen ihres damaligen Lebens. Wie zum Beispiel dem Schlachten eines Kalbes:

Der Onkel zersägte einen Knochen, der war so dick wie sein Arm. Vater nagelte das rotgefleckte Fell zum Trocknen an die Scheunentür. Dort stand die Mittagssonne. Ich hatte nach ein paar Wochen ein Kalbfell vor dem Bett liegen. Jeden Abend trug ich den Bettvorleger hinaus, weil ich nachts seine Haare spürte in meinem Hals.  

„Niederungen“ von Herta Müller

Beginn einer literarischen Karriere

Mit „Niederungen“ begann vor vierzig Jahren Herta Müllers öffentliche Selbstbehauptung, für die sie in Rumänien geschmäht und angegriffen wurde. 1982 erschien der Band im Bukarester Kriterion Verlag. Ernest Wichner erzählt von der Ablehnung, die das Buch erfuhr:
„Also, es zweierlei: Protest und Ablehnung, einmal eine vom Staat und Geheimdienst kontrollierte und inszenierte und ein bisschen authentischer Widerstand unserer Landsleute da.“
Die Erzählungen in Herta Müllers Debüt, das 1984 dann auch im Berliner Rotbuchverlag und unlängst erst in einer bibliophilen Neuausgabe bei Faber & Faber in Leipzig erschien, trafen im Westen einen Nerv. Herta Müller wurde zu Lesungen und zur Frankfurter Buchmesse eingeladen. Mit diesem Buch begann ihre literarische Karriere, die in der Verleihung des Literaturnobelpreises 2009 ihren Höhepunkt finden sollte. Seitens des rumänischen Geheimdienstes und seiner Handlanger wurde hingegen schon früh eine Rufmordkampagne inszeniert. Nur weil sie Dinge beschrieb, über die sonst niemand sprach.

Eine gnadenlose Norm

Herta Müller sagt: „Es war die Härte, eine Norm, eine selbst geschriebene gnadenlose Norm. Und wer die nicht erfüllte, der war sofort draußen. Es wurde über nichts gesprochen. Auch nicht über den Krieg, die Nazis – mein Vater war ja in der SS – und die Kriegserfahrungen. Nur höchstens, wenn sie besoffen waren, die Leute, bei Hochzeiten, Betrunkene, dann wurden diese Wehrmachts- oder Nazi-Kriegslieder gesungen, die 'Kameraden'.“
Ernest Wichner ergänzt: „Unsere Landsleute dort, die Dorfbevölkerung, die war im Kopf nationalsozialistisch eingefärbt geblieben. Die hatten das als ihre große Zeit erlebt. Und anschließend, als der Krieg vorbei war, sind von den Russen und den Rumänen die Deutschen, 80.000 deportiert worden. Das hat ein kritisches Sich-Einlassen auf den Nationalsozialismus auch noch mal verhindert.“
Herta Müllers Blick auf die Gemeinschaft, in der sie aufwuchs, in der die Gespenster der Vergangenheit munter ihr Unwesen trieben, ist unbestechlich. Kalt und klar. Aber nicht gefühllos. Man spürt, wie sehr ihr die Verhältnisse unter die Haut gingen. Über all das schreiben zu können, was sie wahrgenommen hat, war für sie lebensrettend – und keineswegs selbstverständlich.

Entdeckung der Welt

Herta Müller geht in Temesvar erst auf das Gymnasium und später auf die Universität. In der Stadt entdeckt sie die weite Welt. Und Herta Müller lernt Rumänisch. Plötzlich kann sie vergleichen. Erweitert durch die neue Sprache ihren Blick und ihre Gefühlswelt. Sie geht auf Abstand zu dem politischen System, das sie umgibt, und sie beginnt, über das Lesen und die Gespräche mit den Freunden auch ihre eigenen Erfahrungen zu reflektieren.

Ich roch buchstäblich nach Stadtluft. Und ich habe das Dorf von außen gesehen. Es gab mir einen Überblick durch Bücher – ich fing an zu lesen, dann habe ich erst gemerkt, wie sehr die Zeit stillsteht in diesem Dorf. Wie sehr das Dorf wie in einem Käfig, wie in einer Büchse, eingeschlossen ist in sich selbst.

Herta Müller

Nach Abschluss ihres Studiums findet sie Arbeit als Übersetzerin in einer metallverarbeitenden Fabrik. Die Securitate, der rumänische Geheimdienst, versucht, sie als Mitarbeiterin anzuwerben. Sie widersetzt sich. Unverhohlen droht man ihr, sie umzubringen. Ihre Wohnung wird heimlich durchsucht, sie wird überwacht, abgehört, auf der Arbeit schikaniert und isoliert. Büro und Schreibtisch werden ihr versagt, zum Schluss muss sie auf den Stufen im Treppenhaus arbeiten.
Dort versichert sie sich ihres Vorhandenseins in der Welt, indem sie beginnt, ihr bisheriges Leben aufzuschreiben, wie sie erzählt: „Auf diesen Treppen fing ich an, über diese Niederungen, diese Kindheit zu schreiben. Weil, da hab ich schon gedacht, jetzt ist nichts mehr sicher. Ich weiß überhaupt nicht mehr, gibt es in eine Richtung noch irgendwie eine Aussicht auf eine Art unbefangenes Leben?“

Mit Gedichten im Kopf zum Verhör

Wenn sie zu Verhören musste, war es wichtig für sie, dass sie sich im Kopf Gedichte aufsagen konnte: „Ich hatte ein Zahnbürstchen in der Tasche und ein Handtuch. Aber ich hatte im Kopf einen Text, ein Gedicht. Mit dem konnte ich machen, was ich will, da konnte der Typ gar nicht ran, der mich bedroht hat. Da konnte er mich ohrfeigen oder an den Haaren ziehen, aber er konnte mir nicht in diesen Kopf hinein.“
Die Literatur habe sie in solchen Situationen geschützt, sagt die Autorin, die schließlich ihre Arbeit in der Fabrik verliert. 1984, „Niederungen“ ist in Westdeutschland erschienen, darf sie reisen. Die Securitate hofft, dass sie im Westen bleibt. Die Drangsalierungen nehmen nicht ab, in Rumänien hat Herta Müller Publikationsverbot.
1987 übersiedelt Herta Müller in den Westen. Rumänien und ihr eigenes Leben bleiben aber Gegenstand ihrer Romane und Erzählungen. Sie erhält Literaturpreise und macht sich einen Namen mit poetologischen Essays und zeitkritischen Kolumnen.

"Im Haarknoten wohnt eine Dame"

Anfang der 1990er-Jahre entstehen die ersten von Herta Müllers Text-Bild-Collagen. „Der Wächter nimmt seinen Kamm. Vom Weggehen und Ausscheren“, „Im Haarknoten wohnt eine Dame“, „Die blassen Herren mit den Mokkatassen“.
Wie das kam? „Ich habe Ansichtskarten gesucht, um Freunden zu schreiben. Und ich fand die Ansichtskarten so grässlich. Und dann hab ich mir gedacht, ich mach mir selber welche. Und dann habe ich diese weißen Karteikarten gekauft und Klebestift und eine kleine Schere und, wenn man unterwegs war, aus irgendeiner Zeitschrift, Spiegel oder die Zeitung, ein paar Wörter ausgeschnitten und ein Stückchen von irgendeinem Bild und dann das drauf geklebt.“
Die Wörterwerkstatt von Herta Müller
Sinnsuche mit Schere und Klebestift: Herta Müllers Wörterwerkstatt© Deutschlandradio / Carsten Hueck
Diese Collagen, in denen Bild und Text, Buchstaben und Wörter eine rhythmische, formale und inhaltliche Verbindung eingehen, sind mittlerweile fester Bestandteil ihres Werkes. Beim Zusammensetzen der Wörter hinsichtlich eines Sinns spielen Intuition und Handwerk eine große Rolle, alte Kontexte werden zerstört, ein neues Gefüge hergestellt. Spielerisch und auch humorvoll, surreal, doch zugleich konkret wie die Botschaft eines Erpresserbriefes. Poetisch und schön sind diese lyrisch-experimentellen Kunstwerke, aus denen immer wieder auch ein überraschender Reim hervorleuchtet.

In der Wörterwerkstatt

Zuletzt erschienen im Münchner Hanser Verlag die Bände „Vater telefoniert mit den Fliegen“, „Im Heimweh ist ein blauer Saal“ und unlängst „Der Beamte sagte“. Der Form nach besteht auch dieses Buch aus einzelnen Bild-Text-Collagen, im Untertitel aber heißt es: "Eine Erzählung". Herta Müller erzählt eine Geschichte in diesen Collagen, die einzelnen, mitunter rätselhaften, Situationsgedichte stehen in einem Gesamtzusammenhang – und erinnern an eine Verhörsituation.
Die Autorin führt ins Nebenzimmer. In ihre Wörterwerkstatt. Ein Stuhl, auf dem Boden, daneben stapeln sich Kataloge und Zeitschriften, der Steinbruch, in dem die Autorin wühlt, blättert, sucht und findet. Ein Tisch steht dort, übersät mit Schnipseln, einem Wörtermeer. „Das kann man gar nicht mehr anschauen“, sagt sie. „Manche fallen auch runter, Sie sehen ja, dort, die fallen auch runter, aber ich kann das ja nicht mehr ordnen.“
In dieser Form des Schreibens, dem Herstellen von Sinn durch das Schneiden und Zusammenfügen der Wörter, scheint Herta Müller, die früher nie Schriftstellerin werden wollte und viel lieber als Schneiderin oder Friseurin gearbeitet hätte, sich selbst am nächsten zu sein. Es ist ein langer Weg von den „Niederungen“ zu „Der Beamte sagte“. Vierzig Jahre Schreiben. Aus Notwehr gegen die Welt zur Schöpfung von Welten. Ihre Wörterwerkstatt ist ein Labor des Lebens.
(DW)

Mit: Stefanie Eidt und dem Autor
Regie: Friederike Wigger
Ton: Jan Fraune
Redaktion: Dorothea Westphal

Abonnieren Sie unseren Weekender-Newsletter!

Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche, jeden Freitag direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung!

Wir haben Ihnen eine E-Mail mit einem Bestätigungslink zugeschickt.

Falls Sie keine Bestätigungs-Mail für Ihre Registrierung in Ihrem Posteingang sehen, prüfen Sie bitte Ihren Spam-Ordner.

Willkommen zurück!

Sie sind bereits zu diesem Newsletter angemeldet.

Bitte überprüfen Sie Ihre E-Mail Adresse.
Bitte akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung.
Mehr zum Thema