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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.04.2020

Debatte um "American Dirt"Kulturelle Aneignung und die Frage, wer zu hören ist

Andrea Gerk im Gespräch mit Sonja Hartl und Marko Martin

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Das Foto zeigt Migranten an der US-Grenze zu Mexiko. (picture alliance / Zuma Press / Jair Cabrera Torres)
Migranten an der mexikanisch-amerikanischen Grenze: Wer darf ihre Geschichte erzählen? Wer kann es? Wer soll es? (picture alliance / Zuma Press / Jair Cabrera Torres)

Anfang des Jahres erschien Jeanine Cummins "American Dirt" in den USA und wurde zunächst gefeiert. Inzwischen wird der weißen Autorin kulturelle Aneignung vorgeworfen. Die Debatte darüber wird international geführt.

Jeanine Cummins erzählt in "American Dirt" die Geschichte einer Mexikanerin, die mit ihrem Sohn illegal die Grenze in die USA überqueren will, um vor dem Kartell zu fliehen, das ihre Familie ermordet hat. Schon kurz nach Erscheinen des Romans begannen sich kritische Stimmen zu mehren, die der Autorin die klischeehafte Darstellung eines Milieus und einer Kultur vorwerfen, der sie nicht selbst angehört. Die Literaturkritikerin Sonja Hartl verweist darauf, dass Cummins mit "American Dirt" einen Unterhaltungsroman geschrieben hat, der mit Stereotypen und klaren Spannungsmomenten arbeitet.

Schwieriger Zugang zum Buchmarkt für nicht-weiße Autoren

Die scharfe Kritik an Cummins führt Hartl unter anderem darauf zurück, dass nicht-weiße Autorinnen und Autoren vom Buchmarkt in den USA ausgegrenzt würden. Der Buchmarkt in den USA werde zu etwa 80 Prozent von weißen Autoren und Autorinnen bestimmt. Und auch in Deutschland seien die Kräfteverhältnisse ähnlich, sagt Hartl.

Deswegen müsse die Debatte über kulturelle Aneignung in der Literatur unbedingt geführt werden: "Es ist tatsächlich so, dass wir Stimmen von nicht-weißen Autorinnen weniger hören. Auch in Deutschland. Die Frage ist, wer hat überhaupt Zugang und wer bekommt überhaupt die Möglichkeit, Geschichten zu erzählen?"

Blinde Flecken thematisieren

Der Schriftsteller Marko Martin hält die Frage der Erzählhaltung für entscheidend. Bei der literarischen Annäherung an Milieus, Gesellschaften und Kulturen, in denen die Autoren nicht aufgewachsen sind, komme es darauf an, die eigenen blinden Flecken und Zweifel mit zu thematisieren. "Der plumpe Ich-beschreibe-wie-es-ist-Realismus ist eine Farce. Es ist im besten Fall Unterhaltung und im schlimmsten Fall Gauklerspiel."

Der Roman "America" von T. C. Boyle sei ein Beispiel dafür, wie ein Autor sich anderen Geschichten und Kulturen nähere, sie sich aber zugleich nicht übergriffig aneigne. Boyle beschreibe in dem Roman "weiße Gutmenschen, die oberflächenliberal seien". Wenn es dann aber hart auf hart komme, zeigten sie sich doch als Menschen, die von rassistischen Stereotypen geprägt seien. "Er beschreibt die so genannten Fremden, aber er beschreibt auch das, was ihm fremd an der eigenen Kultur ist."

Der Blick einer Irin auf Frauenhass in Nigeria

Als aktuelles Beispiel für einen anderen Verlauf der Rezeption zitiert Sonja Hartl den Roman "Das Mädchen" der 89-jährigen irischen Autorin Edna O’Brien. Die Protagonistin Maryam wird in Nigeria von islamistischen Kämpfern der Boko-Haram-Bewegung entführt, kann aber schließlich fliehen.

Da Edna O’Brien in ihrem Roman die Universalität der Erfahrung von Misogynie, Unterdrückung und sexualisierter Gewalt in den Mittelpunkt stelle, komme der Vorwurf der kulturellen Aneignung in der Rezeption ihres neuen Romans nicht zum Tragen. Dennoch erübrige sich deshalb die Debatte über kulturelle Aneignung nicht, sagt Sonja Hartl. "Nur weil sie das Universelle dieses Erlebens herausstellt, heisst es ja nicht, dass es nicht auch eine Spezifizität der Situation in Nigeria gibt. Und das kann sie natürlich nicht. Sie kann nur sehen, wo ist etwas, was sie als irische Autorin damit verbindet."

Die Dominanz weißer Autorinnen und Autoren

Bei der Debatte um kulturelle Aneignung gehe es um Dominanz, sagt die Literaturkritikerin. "Es geht nicht darum, dass jede Autorin und jeder Autor nur über das schreiben darf, was er erlebt hat oder darum, dass Literatur nur etwas Allgemeingültiges erzählen darf. Es geht in der Debatte darum, welche Stimmen in dem Feld dominant sind. Und das sind immer noch weiße Autorinnen und Autoren. Sie sind diejenigen, die die Publikationsmöglichkeit bekommen."

Auch aus der Literaturgeschichte wisse man, dass es viele Schriftstellerinnen nicht in den literarischen Kanon geschafft hätten. Diese gelte es jetzt ins Bewusstsein zurückzuholen. "Deswegen finde ich es wichtig, in dieser hochemotionalen und politisierten Debatte um kulturelle Aneignung, immer wieder die Frage nach dem Zugang zu stellen. Empathie, Verständnis, das braucht gute Literatur. Aber diese Eigenschaften dürfen nicht zu einem Argument werden, das die Deutungshoheit bestätigt, denn dann ändert sich nichts."
 
(ruk)

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