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Zeitfragen | Beitrag vom 25.11.2019

Bildungsforscher über digitale SchulenTablets allein bringen nichts

Von Jakob Schmidt

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Schülerinnen und Schüler einer 7. Klasse lernen mit iPads im Matheunterricht an der Oberschule Gehrden in der Region Hannover. Mehrere Jugendliche sitzen auf dem Boden. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
"Wir haben Technologie des 21. Jahrhunderts", sagt Andreas Schleicher, "aber ein Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert." (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Bildungsforscher Andreas Schleicher gilt als Vater der Pisa-Studie. Hinter ihm liegen knapp 20 Jahre internationaler Schulvergleiche. Er sagt, der reine Technikglaube bringe die heutige Schulausbildung nicht voran. Es müsse viel mehr passieren.

Ein später Abend in Paris. Im Großraumbüro beim Bildungsdirektorat der OECD sind fast alle Lampen aus, die Schreibtische leergeräumt. Andreas Schleicher aber ist noch da.

Autor: "Sind Sie oft als Letzter da?"

"Ja. Aber das ist auch in Ordnung so, ist ja auch mein Job."

Gerade kommt der 55-Jährige aus London zurück, davor war er in Hongkong, dann in Japan zur G20 Sitzung. Sein Beruf führt ihn durch die Bildungssysteme der ganzen Welt.

"Es hat in der Geschichte immer Euphorie gegeben, wenn es eine neue Technologie gab. Als das Fernsehen erfunden wurde, sagten alle: Warum brauchen wir eigentlich noch Lehrkräfte? Wir stellen einfach einen Fernseher da vorne hin. Und dann wird die Wissensvermittlung dort übernommen – oder Videos. Hat sich nicht bewahrheitet. Weil Lernen immer ein sozialer Prozess ist. Dann kamen die Computer, auch da hat man gedacht: OK, jetzt wird Lernen im Grunde digitalisiert.

Hat sich wenig verändert! Warum ist diese Euphorie jedes Mal verflogen? Weil wir immer versucht haben, neue Technologie auf ein altes Bildungssystem zu stülpen! Wir haben im Grunde Lernende des 21. Jahrhunderts, wir haben Technologie des 21. Jahrhunderts. Wir haben Unterrichtskonzepte, Lehrkräfte aus dem 20. Jahrhundert – und ein Schulsystem – eine Arbeitsorganisation in Schule aus dem 19. Jahrhundert. Und da können Sie draufpacken was Sie wollen an neuen Technologien, solange wir das Konzept nicht wandeln, wird Technologie alleine wenig verändern."

Andreas Schleicher, Bildungsdirektorat der OECD. Ein Mann mit grauen Haaren sitzt auf einem Podium und hört zu. (picture alliance/dpa/Sputnik/Grigory Sysoev)Andreas Schleicher: "Wir werden im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz zum ersten Mal verstehen, was uns zum Menschen macht." (picture alliance/dpa/Sputnik/Grigory Sysoev)
Entscheidend werde sein, sagt Schleicher, ob es dem Bildungssystem gelinge, aus den passiven Wissenskonsumenten der Industrialisierung aktive Lernende zu machen. Menschen, die in der Lage sein müssten, in den immer komplexeren Zusammenhängen der globalisierten Welt zu denken – und vor allem auch dazu, alte Denkmuster infrage zu stellen. 

"Digitalisierung nimmt alles andere weg"

"Wir haben im Grunde das verlernt. Wir haben diese Funktionalität: Wir bilden Menschen für etwas aus. Die hat uns im Grunde vergessen lassen, was Bildung eigentlich ist. Was menschliche Fähigkeiten sind. Und ich glaube, das kommt jetzt wieder zum Ausdruck. Weil Digitalisierung alles andere wegnimmt. Dieses Abfragewissen, diese Routinefähigkeiten, Dinge zu berechnen und all das, das verschwindet nicht nur aus der Arbeitswelt, sondern auch aus der Gesellschaft. Diese Dinge sind nicht mehr gefragt!"

In der Arbeitswelt der Zukunft, sagt Schleicher, seien genau die urmenschlichen Fähigkeiten überlebenswichtig, die wir Algorithmen voraushaben. Auswendiglernen, Faktenwissen, nach festgelegten Regeln arbeiten, all das seien Fähigkeiten, in denen uns die Maschinen immer weiter abhängen werden.

"Toleranz, Offenheit, Neugier, Mut. All das sind Dinge, die in der Zukunft wichtiger werden. Ich glaube, wir werden im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz zum ersten Mal verstehen, was uns zum Menschen macht. Denn alle Dinge, die die Künstliche Intelligenz uns abnimmt, sind Fähigkeiten, die eigentlich nicht ursprünglich menschlich sind. Das sind im Grunde Prozesse!"

Autor: "Wie gucken Sie denn dann auf das, was jetzt in Deutschland gerade mit dem Digitalpakt passiert, iPad-Klassen und so weiter?"

"iPads in die Klassen zu stellen, bringt alleine gar nichts. Eher umgekehrt: Wir haben viele Erkenntnisse, dass im Grunde das Lernen von Computern das Lernen oberflächlicher machen kann. Reaktiver machen kann. Wir sprechen über aktives Lernen. Digitalisierung kann das Lernen noch passiver machen. Dass ich eben nur noch Rezeptor bin und Dinge mache, die mir der Computer vorgibt. Das ist die große, große Gefahr! Aber ich denke, Digitalisierung kann uns auch helfen, Lernen stärker zu personalisieren. Das ist im Digitalpakt noch nicht so sichtbar. Da geht es im Großen nur um Infrastruktur.

Aber Infrastruktur, die in dem klassischen, traditionellen Bildungssystem zur Geltung kommt. Ich glaube, wenn wir Digitalisierung im Bildungsbereich ernst nehmen, dann müssen wir im Grunde dieses gesamte Arbeitsmodell in Bildung hinterfragen. Was ist die Rolle der Lehrkraft? Wie organisiere ich Lernen? Ist das Lernen in Schulklassen noch die geeignete Form in der digitalen Welt? Wie kann ich im Grunde Schüler viel intensiver durch Instrumente der Digitalisierung an der Gestaltung von Lernumgebungen zu befassen? Also ich glaube, das ist wichtig. Ansonsten wird die Digitalisierung nur wieder oben draufgelegt." 

"Digitalisierung ermöglicht ein Fenster in das Denken"

Richtig angewendet, glaubt Schleicher, sei das Potenzial von digitaler Technik im Unterricht aber durchaus groß. Allerdings an einer überraschenden Stelle:

"Die Technologie der Zukunft wird ganz im Hintergrund sein. Ich war letzten November in Shanghai. Die haben mit dem Digitalpakt vor 15 Jahren angefangen. Und wenn man da in eine Klasse kommt, ich war in einer Grundschule. Die Schüler haben dort Kalligrafie gelernt. Stellen Sie sich vor, die müssen 4000 bis 5000 Schriftzeichen lernen. Wir tun uns mit 26 schwer, also das ist eine große Aufgabe für die Grundschule dort! Die Schüler haben dort diese Schriftzeichen gezeichnet. Unter ihrem Tisch war ein Scanner. Und dieser Scanner hat in Echtzeit und die Schüler hatten ihr Mobiltelefon vor sich und haben in Echtzeit Rückmeldung bekommen, wie ihre Schriftzeichen im Verhältnis standen zu dem, was im Grunde ideal war.

Wenn die Schüler zufrieden waren mit ihrer Arbeit, dann haben sie einen grünen Knopf gedrückt, dann ging das an die Lehrkraft. Am Ende der Stunde konnte die Lehrkraft sehen: Wie arbeiten, wie denken verschiedene Schüler. Wo sind die Schwierigkeiten. In meiner Klasse haben heute viele Schüler ähnliche Fehler gemacht. Das heißt, ich muss wahrscheinlich irgendwas nicht richtig erklärt haben. Ich kann also im Grunde den ganzen Lernprozess verbessern dadurch. Die Schüler haben nicht am iPad gearbeitet. Die haben ganz traditionell mit Pinsel und Tinte geschrieben. Aber die Digitalisierung hat im Grunde den Lehrkräften ein Fenster in das Denken der Schüler ermöglicht. Und ich glaube, das ist die Digitalisierung der Zukunft – wo zum Beispiel Lernen und Testen eins wird."

"Ein Fenster in das Denken der Schüler ermöglichen" soll auch die PISA Studie. In einer knappen Woche veröffentlicht die OECD die wie Staatsgeheimnisse behüteten Ergebnisse der letzten Erhebung von 2018. Im Fokus steht dann zum Beispiel die Frage, wie gut es Kindern gelingt, Texte zu bewerten – und deren Glaubwürdigkeit einzuschätzen. Dieser mündige Umgang mit der Welt werde in der Bildung der Zukunft die zentrale Rolle spielen, sagt Schleicher."

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