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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 05.04.2019

Ausstellung über Buchenwald-ÜberlebendeWeimar holt seine Geschichte in die Stadt

Von Henry Bernhard

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Der Fotograf Thomas Müller wischt vor der Eröffnung der Open-Air-Ausstellung "Die Zeugen" über eines seiner Bilder. Seine Porträts von Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald als überlebensgroße Bilder säumen die Straße von Weimarer Hauptbahnhof bis zum neuen Bauhaus-Museum. (Picture Alliance / dpa / Martin Schutt)
Gedenken an die Nazi-Zeit: Die Ausstellung "Die Zeugen" ist ein Koproduktion der ACHAVA Festspiele mit der Stadt Weimar und der Buchenwald-Stiftung. (Picture Alliance / dpa / Martin Schutt)

Insgesamt 16 Portraits von Buchenwald-Überlebenden zeigt die Open-Air-Ausstellung "Die Zeugen" in Weimar. Sie erinnern Einheimische und Besucher an die Schrecken und Leiden in dem KZ vor den Toren der Stadt.

Der Bahnhofsvorplatz in Weimar in der milden Abendsonne: Drei Musiker spielen Klarinette, Gitarre, Bass. Rings um sie stehen rund 100 Menschen, jung und alt, ein paar Politiker darunter, aber die meisten sind einfach Interessierte.

Neben den Musikern steht ein Portraitfoto. Schwarz-weiß, überlebensgroß, etwa zwei mal ein Meter. Ein alter Mann in gestreifter und verschlissener Häftlingsuniform, mit Häftlingsmütze, lächelt den Betrachter offen an. Petro Mitschuk, geboren 1926 in der Ukraine, wo er heute noch lebt.

Gebet für die Opfer

Ab März 1944 war er im KZ Buchenwald. Heute ist er ein Überlebender. Ein Zeitzeuge. Ein Zeuge. Sein Foto und die 15 anderen entlang der Straße in Richtung Stadt sollen die Erinnerung an das KZ Buchenwald in den Stadtraum bringen. Gerade zur Eröffnung des Bauhaus-Museums, wenn viele Besucher kommen, und vor dem Jahrestag der Befreiung des KZs am 11. April.
Der Landesrabbiner Alexander Nachama singt ein Gebet.

"Gott, du bist voll Erbarmen, der du in der Höhe thronst. Schenke vollkommene Ruhe für unsere Brüder und Schwestern, die Heiligen und Reinen, die ermordet und verbrannt wurden, weil sie dir treu geblieben sind. Wir gedenken besonders derer, die in Buchenwald ermordet wurden. Mögen ihre Seelen aufgenommen sein im Bunde des ewigen Lebens! Und so sprechen wir: Amen."

Der Fotograf berichtet

Die Fotoausstellung ist ein Koproduktion der ACHAVA Festspiele mit der Stadt Weimar und der Buchenwald-Stiftung. 16 Portraits stehen für die immer weniger werdenden Buchenwald-Überlebenden. Der Weimarer Fotograf Thomas Müller hat sie abgelichtet.

"Tatsächlich war das ein Wunsch, den ich seit vielen, vielen Jahren hatte, diese Menschen zu portraitieren. Wir habe vor zwei Jahren tatsächlich damit angefangen, um ein paar Portraits im Rahmen der Buchenwald-Gedenkwoche aufzunehmen. Das hat sich dann letztes Jahr fortgesetzt, und das ist daraus geworden. Ursprünglich nie als Ausstellung konzipiert, sondern als Herzensprojekt gestartet."

Einer von vielen

Das sieht man den Bildern an. Die Frauen und Männer sind vor schwarzem Hintergrund perfekt ins Licht gesetzt. Nichts Ablenkendes. Was hat es ihnen bedeutet, fotografiert zu werden, in Deutschland, in Weimar so nah dem Ort ihres Leidens?

Thomas Müller sagt: "Das ist eine gute Frage. Ich glaube fast, dass ich in dem Rahmen nur einer von vielen war. Gerade zu den Gedenkwochen gibt es so viele nationale und internationale Fotografen, dass ich nur ein weiterer war, der sie portraitiert."

Und auf die Frage, ob er in den Gesichtern etwas anderes sehe als in anderen alten Gesichtern, sagt Müller: "Ich würde nicht sagen, dass ich was anderes sehe. Man könnte vermuten, dass man in den Gesichtern erkennt, dass sie großes Leid erlebt haben. Interessanterweise würde ich das aber nicht sagen, weil auch sehr viele der Portraitierten sehr fröhlich dreinschauen. Was mir allerdings aufgefallen ist, dass sie wirklich sehr oft sehr wässrige, feuchte Augen haben. Was natürlich dem Portrait noch eine gewisse Stärke gibt."

Beschimpft von Weimarern

Thomas Müller lädt, anders als manche Redner an diesem Abend, seinen Bildern nichts auf, sondern lässt sie selbst sprechen. Rikola-Gunnar Lüttgenau von der KZ-Gedenkstätte Buchenwald spricht über den Bahnhofsplatz, den "Empfangssaal der Stadt" mit seinen prächtigen Hotels.

Acht Portraits von ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald. (Thomas Müller)Auf die Überlebenden konzentriert: Bilder der Ausstellung "Die Zeugen", die zur Zeit in Weimar zu sehen ist. (Thomas Müller)

"Auch vor 80 Jahren war dieser Raum ein Empfangssaal, aber natürlich anderer Art." Der Weimarer Klaus Engelhard berichtet: "Es ging damals wie ein Lauffeuer bei uns Kindern die Nachricht um, dass am Bahnhof Juden ausgeladen werden."

Der ehemalige Häftling Christian Christek berichtet in einem Brief an die Gedenkstätte, wie sein Empfang hier vor 80 Jahren war: "Am 16. Oktober 1939 hatten wir auf dem Bahnhof der Stadt Weimar uns befunden. Zunächst dachte ich: Hier in Weimar kann dir nichts Böses widerfahren. Aber bald merkte ich, dass ich mich getäuscht hatte. Wir mussten am Bahnhof rechts abbiegend marschieren gen Buchenwald. An beiden Seiten der Straßen standen Massen von Menschen. Männer, Frauen, Kinder, die uns mit Steinen bewarfen und uns als 'polnische Schweine' beschimpften. Mein Herz wurde immer verzagter."

Gedenken an Ernst Thälmann

Nun setzt sich der ganze Zug der etwa 100 Menschen die Carl-August-Allee herab in Bewegung. Nächste Station nach dem Bahnhof ist der Buchenwald-Platz. In der DDR hieß er "Platz der 56.000". Er ist den Todesopfern von Buchenwald gewidmet. Ganz zentral auf dem Platz steht ein Denkmal von Ernst Thälmann, dem damaligen KPD-Führer, der 1944 in Buchenwald ermordet wurde. Dahinter der pathetische Spruch: "Aus eurem Opfertod wächst unsere sozialistische Tat."

Ein sehr deutliches Zeichen, dass Buchenwald und das Gedenken zur Legitimation der SED-Herrschaft genutzt wurde. Hier haben jedes Jahr Aufmärsche stattgefunden; Pioniere, FDJler mussten aufmarschieren, wurden immer wieder eingeschworen  auf Treue zur DDR und zur SED, nicht etwa auf das Gedenken.

Genugtuung für Rabbiner

Heute stehen zwei Portraits der Überlebenden auf dem Platz von Ernst Thälmann: Ottomar Rothmann und Vasile Nuszbaum. Keine Helden, keine Widerstandskämpfer, sondern Menschen, die wegen ihrer angeblich minderwertigen "Rasse" im KZ landeten. Für Alexander Nachama, den Landesrabbiner, ist das eine Genugtuung.

"Ich denke, das ist etwas, was das Gedenken in die Gesellschaft bringt. Und was eben dazu führt, dass man sehr schnell feststellen wird, dass das gar nicht so abstrakt und weit weg ist. Es ist nicht Buchenwald irgendwo, sondern es ist eben Buchenwald in der Nähe von Weimar, bei Weimar! Und das zu zeigen, dafür sind die Bilder ein eindrucksvolles Zeugnis. Deshalb finde ich das gut, dass das Überlebende sind, weil es zeigt, dass es auch heute jüdisches Leben gibt. Und natürlich ist das Gedenken ein Teil davon, aber nicht alles! Und dafür sind auch diese Bilder ein Zeugnis."

Die Stadt bezieht Stellung

Der Weg endet am "Gauforum", dem Stein gewordenen monumentalen nationalsozialistischen Größenwahn, Aufmarschplatz für die arische "Volksgemeinschaft". Auch hier stehen die großformatigen Portraits von Buchenwald-Überlebenden, Boris Romantchenko und Magda Brown, gerade hier, meint Rikola-Gunnar Lüttgenau:

"Wir wissen, wofür dieses Gauforum steht. Es steht eigentlich dafür, dass sie ausgeschlossen werden sollten. Kontrafaktisch entscheiden wir uns: Ihr gehört hierher! Und das ist durchaus ein Statement der Stadt Weimar. Diese Menschen gehören zu uns, wir sind solidarisch mit euch – ihr seid bei uns!"

Buchenwald, seine Geschichte und seine Opfer sind in Weimar angekommen. Auch mit diesen Fotos.

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