Armin Falk: "Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein"

Kleine Tricks gegen kleinliche Neigungen

06:21 Minuten
Cover des Buches "Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein"
© Siedler Verlag
Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu seinSiedler, München 2022

336 Seiten

24,00 Euro

Von Ursula Weidenfeld · 18.06.2022
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Wir wollen gute Menschen sein, nur die Umstände lassen das nicht zu? Der Verhaltensökonom Armin Falk zeigt in einem grundoptimistischen Buch, dass jeder Schritte in die richtige Richtung machen kann.
Auf Anhieb halten sich die meisten Menschen charakterlich vermutlich für ganz okay. Jedenfalls, bis sie das Buch von Armin Falk gelesen haben. Der Bonner Verhaltensökonom macht die Leserin ganz schnell mit der verstörenden Tatsache bekannt, dass wir uns im Allgemeinen für deutlich besser halten, als wir tatsächlich sind.
Dafür können wir zwar nichts, das ist genetisch bedingt. Trotzdem sollten wir uns mit unseren Schwächen und Fehlern auseinandersetzen und an einem realistischeren Selbstbild arbeiten, findet Falk. Denn der Einzelne und die Menschheit insgesamt werden ihre Probleme nicht lösen, wenn sich das nicht ändert. Sie bleiben unter ihren Möglichkeiten, sagt Falk.

Wie wir unser Selbstbild schönreden

Man legt sich sein Leben halt zurecht. In der Erinnerung werden die guten Taten größer und heller, die schlechten dagegen werden unbedeutender und verschwinden dann im Nebel des Vergessens. Falk tischt all die kleinen Lügen und Wahrnehmungsverschiebungen auf, mit denen sich Menschen ihr wahres Ich zurechtschmeicheln.
Da ist die kleinliche Neigung, nicht gegen eine wirklich große Not zu spenden, wenn man vorher einem Obdachlosen einen Euro in die Hand gedrückt hat. Man hat ja schon etwas Gutes getan. Oder die fiese Angewohnheit, erst mal zu schauen, was die anderen in den Hut geworfen haben, bevor man sich am Kollegengeschenk beteiligt – natürlich nur, weil man die anderen nicht beschämen will.
So kommt am Ende oft weniger zusammen als gebraucht wird. Oder man tut moralisch verwerfliche Dinge, weil man als Wissenschaftlerin zu ehrgeizig oder als Manager zu geschäftstüchtig ist. Es nutzt ja der Forschung und dem eigenen Unternehmen.
Oder man zieht in einem vollen Bus lieber den Kopf ein, als für eine alte Dame aufzustehen – man hat sie ja gar nicht gesehen. (Die Autorin dieser Rezension sitzt beim Schreiben dieser Zeilen übrigens in einem übervollen ICE und blickt hochkonzentriert auf den Bildschirm ihres Laptops.)

Emotionen und Verstand wirken zusammen

Falk beschreibt auch, wie sich Gesellschaften durch diese individuellen Angewohnheiten verändern. Zum Beispiel, wie der Markt der Moral zusetzt, weil man den Warenaustausch von den Bedingungen löst, unter denen produziert wird. Doch statt den Markt abschaffen zu wollen, plädiert der Ökonom für klare und verbindliche Regeln, die für alle gelten. Wenn das nicht erreichbar ist, sollen einzelne Staaten vorangehen, rät Falk.
Verhaltensökonomen machen Experimente, mit denen sie die Entscheidungen von Menschen testen. In aufwendigen Versuchen erforschen sie, ob sich Menschen auf die gute oder auf die schlechte Seite schlagen, wenn sie wählen müssen. Die Wissenschaftler versuchen herauszufinden, unter welchen Bedingungen man sich das Rauchen abgewöhnen kann, sich besser ernährt oder einen Organspendeausweis in die Brieftasche legt. Im Kern geht es um die Frage, wie Reflexe, Emotionen und Verstand bei Entscheidungen zusammenwirken, und wie man das beeinflussen kann. "Nudging" nennen sie den Versuch, die Bürger in Richtung Organspendeausweis oder Energiesparen zu „schubsen“.
Wer sich für das Thema schon länger interessiert, wird in Falks Buch kaum Neuigkeiten finden. Die meisten der (übrigens sehr interessant und zugänglich) geschilderten Experimente kennt man schon. Aber das macht gar nichts. Denn im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen ist Falk Optimist. Statt auf reines „Nudging“ - also das Manipulieren von Menschen - zu setzen, glaubt er, dass sie sich auch aus eigener Kraft vernünftig entscheiden können.

Sanktionen gegen unfaire Spieler

In jeder Gruppe gibt es immer eine Minderheit, die unkooperativ und eigennützig ist. Die Ekelpakete stecken die an sich gutwillige Mehrheit regelmäßig in die Tasche, bis am Ende niemand mehr einsieht, fair zu handeln. Warum ist das so? Dagegen anzukämpfen, für faires Verhalten zu werben und unfaire Spieler zu sanktionieren, ist vielen zu anstrengend. Doch wenn man es macht, wird die Welt besser, meint Falk.
Je besser man sich in einer Gruppe verbergen kann, desto weniger Verantwortung übernimmt man, desto lieber denkt man, die anderen könnten das ertrinkende Kind doch auch retten, den Sitzplatz freimachen. Das lässt sich ändern. Wer nämlich das Gefühl hat, als Einzelner etwas bewirken zu können oder zu müssen, tut das in der Regel auch. Klare Verantwortlichkeiten zu identifizieren, Menschen konkret anzusprechen, die Verstecke auszuleuchten, ist Falks Rezept.
Es ist ein gutes Buch. Eines, das nachdenklich macht und der Leserin (die jetzt notfalls auch ihren Sitzplatz aufgeben würde, aber sicher hat es schon ein anderer getan?) einen kritischeren Blick auf sich selbst empfiehlt.

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