Psychologie und Klimawandel

Allein gegen den Klimawandel?

29:56 Minuten
Illustration: Fahrradfahrer im Stadtverkehr, die die Autos überholen.
Geht es um die Klimakrise, schätzen viele Menschen schlichtweg falsch ein, was die Mehrheit denkt, hat die Forschung ergeben. © Getty Images /fStop Images / Malte Müller
09.12.2021
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Ein Einzelner kann doch nichts gegen den Klimawandel ausrichten! Dieses Denken bringt niemanden voran. Aber wie kann es trotzdem gelingen, genügend Menschen zu einem klimabewussten Leben zu motivieren?
Vor zweieinhalb Jahren wurde es ruhiger im Haus von Lea Dohm. Ein mexikanischer Austauschschüler, der vorher mit der Familie gelebt hatte, war abgereist. Die beiden Kinder im Kindergarten. Ihre Praxis lief gut. Plötzlich hatte Lea Dohm Zeit.

Ich habe mir dann ein eigenes Zimmer eingerichtet in unserem Haus und habe angefangen, mehr zu lesen.“
Lea Dohm ist 39 und arbeitet als Psychotherapeutin in Stadthagen bei Hannover. Mit ihrer Familie lebt sie nicht weit entfernt, 20 Minuten mit dem Auto, in Bad Nenndorf. Eine ruhige Wohngegend.

„Da habe ich mich noch mal in die Literatur gestürzt und habe geguckt, wie schlimm es eigentlich wirklich ist. Und dann ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, wie es eigentlich um unsere Welt steht.“

"Ein Grundgefühl der Erschütterung" 

Dass das Leben plötzlich durchgerüttelt wird, das hat Lea Dohm schon einmal erlebt.

Nach der Geburt meines Sohns bin ich an Krebs erkrankt und das ist so ein Moment, dass die Welt praktisch von einem Moment auf den anderen wie auf dem Kopf steht. Und dass die Pläne, die wir gemacht haben, irgendwie gar nicht mehr so hinkommen und alles plötzlich verändert wird. Und das ist dieses Grundgefühl der Erschütterung: Alles noch mal neu bewerten zu müssen und noch mal neu einordnen zu müssen. Das ist die Parallele, die ich empfinde zu diesem Moment, wo mir die Klimakrise bewusst geworden ist.“
Beide Ereignisse liegen Jahre auseinander. Und scheinen auch nichts miteinander zu tun zu haben: Der Gebärmutterhalskrebs war unmittelbar bedrohlich für Lea Dohm, die Klimakrise beeinflusst ihren Alltag erst mal gar nicht. Trotzdem wühlt sie Lea Dohm auf. Sie fühlt sich, als läge plötzlich wieder ein dunkler Schatten über ihr, wie damals bei der Krebsdiagnose.

„Wie so ein Schock, der eine Neubewertung erfordert. Alles stand in meiner Psyche kopf.“

Zum klimafreundlichen Leben mit Hindernissen

Lea Dohm ändert ihr Leben. Sie isst kein Fleisch mehr, fährt weniger Auto, fliegt nicht mehr. 

„Das ist für mich schmerzhaft, weil ich nämlich vorher total gerne in den Urlaub geflogen bin bzw. andere Länder entdeckt habe und gereist bin. Das war gefühlt ein Stück meiner Identität, die ich damit auch nicht aufgeben, aber verändern musste. Es hat sich schon angefühlt wie ein kleiner Verlust.“
Klimagerecht leben. Mehrwegkaffeebecher benutzen, Radfahren, regionale Produkte kaufen. Weniger heizen. Als Einzelne. Oder Einzelner. Während sich Wetterextreme häufen, das arktische Eis schwindet, der Meeresspiegel steigt, die Permafrostböden tauen. 

Die Welt brennt. Und wir meinen, etwas zu verändern, wenn wir die Heizung eine Stufe herunterdrehen. Könnte es sein, dass wir uns da etwas vormachen?

Fünf Dinge, die jeder tun könnte

„Es gibt durchaus einige Forschung dazu, was jeder Einzelne tun kann.“

Susan Joy Hassol ist Klimakommunikatorin. Sie versucht, seit Jahren Menschen aufzuzeigen, was sie tun können, um den Klimawandel zu bremsen:

„Die fünf wichtigsten Dinge sind: Ein Kind weniger bekommen, ohne Auto leben, Flugreisen vermeiden, grüne Energie beziehen und vegetarisch oder vegan leben.“
Fünf Dinge, die im Grunde alle verfolgen könnten und es doch nicht tun. Warum? Zum Beispiel, weil „Flugreisen vermeiden“ die Urlaubsreise auf die Kanaren ausschließt. Weil „ohne Auto leben“ nicht immer so einfach ist, auf dem Land etwa. Oder, weil „ein Kind weniger bekommen“ stark in die persönliche Lebensplanung eingreift.
Aber: Es gibt Menschen, die nach diesen Regeln leben, Susan Joy Hassol gehört dazu. Insgesamt aber sind sie eine Minderheit. Forscherinnen haben sich in den vergangenen Jahren daher immer wieder die Frage gestellt: Wie kann die Mehrheit dazu gebracht werden, klimafreundlich zu handeln? Welche Mechanismen führen dazu, dass Menschen ihren Alltag umgestalten, wie Susan Joy Hassol und Lea Dohm es getan haben?

Menschen bewegen Menschen

“Eine der Sachen, die großen Einfluss auf uns haben, nennen wir ‘soziale Ansteckung’“, sagt Susan Hassol.
Es sind vor allem andere Menschen, die Menschen zum Handeln bewegen. Menschen sind soziale Wesen, sie wollen “dazugehören”, schauen sich Verhaltensweisen von anderen ab. Ein Urinstinkt. Der uns mitunter sogar anhält, in bestimmten Situationen Dinge zu akzeptieren oder zu tun, die wir in anderen Situationen ablehnen oder absurd finden.
Das Internet ist voll von Videos, die zeigen, wie uns andere Menschen beeinflussen. Ein Beispiel: ein Experiment für die Wissenschafts-Doku-Serie „Brain Games“:

Eine Frau sitzt in einem Wartezimmer – zusammen mit einer Gruppe von anderen, in die Studie eingeweihten, Patient*innen. Regelmäßig ertönt ein Piepen, wie auf Kommando stehen die eingeweihten Patient*innen daraufhin auf. Nach einer Weile passt sich die Frau an. Auch als niemand mehr im Raum ist, steht sie weiterhin bei jedem Piepen auf.

Soziale Normen bestimmen Verhalten

Viele Studien belegen inzwischen die menschliche Eigenschaft, sich nach der Mehrheit zu richten. Nach „sozialen Normen“. Das ist beunruhigend, weil die Vergangenheit zeigt, dass es in eine Katastrophe führen kann, wenn Abweichungen von solchen Normen nicht mehr geduldet werden.
Und es ist zugleich ermutigend, weil in dem Effekt auch eine Chance steckt: Wenn er – zum Beispiel – dazu führt, dass die Erde bewohnbar bleibt, weil die Mehrheit der Menschen klimafreundlich lebt.
„Es gibt in der Sozialpsychologie viele Ideen dazu, weshalb soziale Normen so wirkmächtig sind.“
 
Sozialpsychologe Immo Fritsche erforscht an der Universität Leipzig, warum wir uns anderen Menschen anpassen. Soziale Normen, sagt er, liefern ein Skript, eine Vorlage dafür, wie sich die oder der Einzelne in bestimmten Situationen verhalten sollte. Damit haben sie eine unheimliche Macht über uns, auch wenn wir davon gar nichts bemerken. Dass sie auch zu umweltbewusstem Verhalten führen können, zeigt unter anderem das Experiment von Nolan und Kolleg*innen von 2008.

Soziale Normen werden oft unbewusst eingehalten

Die Forscher*innen verteilten Türhänger in einer kalifornischen Gemeinde. Auf den Zetteln standen verschiedene Botschaften.

„Es gab eine Gruppe, in der die Leute nur freundlich gegrüßt wurden auf den Hängern.“
Das war die Kontrollgruppe. Eine zweite Gruppe erhielt Türhänger mit der Information, dass sie durch Stromsparen auch Geld sparen könne – und eine dritte Gruppe erhielt die Nachricht, dass sie damit etwas für die Umwelt tun könne. Eine vierte Gruppe wurde darüber informiert, so Immo Fritsche, „dass die Mehrheit der anderen Leute in der eigenen Nachbarschaft ebenfalls Strom spart“.
Die Forscher*innen besuchten einige Zeit später die Häuser und lasen die Stromzähler ab.

„Und tatsächlich war es dann so, dass diese Gruppe, in der die Information gegeben wurde: ‚Die Mehrheit der Leute in deinem Umfeld, die sparen schon Energie‘, dass bei denen der stärkste Rückgang des Energieverbrauchs abzulesen war. Im Vergleich zu dieser Kontrollgruppe, aber auch im Vergleich zu den anderen, denen gesagt wurde: ‚Du kannst Geld sparen‘ oder ‚du kannst was für die Umwelt tun‘.“

Einfluss sozialer Normen wird unterschätzt

Besonders interessant: Die Teilnehmenden der letzten Gruppe gingen selbst nicht davon aus, dass sie sich an die Verhaltensweisen anderer Leute in ihrem Umfeld angepasst hatten. Sie dachten, sie hätten sich zum Energiesparen entschieden, weil sie dadurch Geld sparen oder zum Umweltschutz beitragen können. Ihnen war nicht bewusst, dass sie es gemacht hatten, weil sie sich ihrer Umgebung anpassen wollten.
Was sich zeigt, ist, dass diese soziale Komponente, das heißt, was machen wir eigentlich als Kollektiv oder ich als Mitglied einer Gemeinschaft, dass die Verhalten von Menschen determiniert, ohne dass Menschen das wissen oder sich das eingestehen wollen.“
Illustration: Viele Flugzeuge am Himmel, die Kondensstreifen hinterlassen.
Forscher*innen fordern, dass diejenigen, die sich klimabewusst verhalten, mehr über dieses Verhalten sprechen.© Getty Images / fStop Images / Malte Müller
Eine Versuchsgruppe passt sich der Mehrheit an, ohne es zu merken. Menschen lassen sich von sozialen Normen beeinflussen und unterschätzen dann den Einfluss dieser Normen systematisch. Herdentrieb. Menschliches Rudelverhalten. Aber:
Das birgt natürlich auch Potenziale für die Intervention im Bereich Umwelthandeln, dass man sagt, wenn es umweltfreundliche Normen gibt, Mehrheiten gibt oder auch noch nicht gibt, aber Trends zu beobachten sind, dass man die kommunizieren sollte. Und darüber genau diese soziale Information gibt, an der sich Menschen dann möglicherweise unbewusst orientieren.“

Klima und das Handeln nach sozialen Normen

In einer großen Studie beispielsweise hat der Bonner Verhaltensökonom Armin Falk im Sommer 2021 untersucht, was Menschen dazu bringt, Geld für eine klimafreundliche Organisation zu spenden. Menschen, die Klimaschutz als soziale Norm verstanden, waren dabei eher bereit, zu spenden. Aber die Befragten unterschätzten diese Norm.
Sie wussten nicht, dass die meisten ihrer Mitbürger*innen ebenfalls bereit waren, sich klimafreundlich zu verhalten. In einer zweiten Untersuchung gab Armin Falk einem Teil der Versuchspersonen dann Hinweise darauf, dass auch viele andere Menschen für das Klima spenden. Es zeigte sich deutlich:

„Dass man das klimafreundliche Verhalten kausal dadurch erhöhen kann, indem man darüber aufklärt, dass die Bereitschaft, sich für das Klima einzusetzen, tatsächlich stärker ausgeprägt ist, als man das vielleicht vermutet hat.“
Wir passen uns unseren Mitmenschen an, wollen ähnlich handeln wie sie. Allerdings: Geht es um die Klimakrise, schätzen viele Menschen schlichtweg falsch ein, was die Mehrheit denkt. Was mit dazu beiträgt, dass wir selbst weniger klimabewusst handeln. Dieses Phänomen hat einen Namen: „Pluralistische Ignoranz.“ Der Kognitionswissenschaftler John Cook von der Monash University in Melbourne forscht dazu:

Wer sich ums Klima sorgt, gehört zu einer Mehrheit

“Die Menschen, die wegen des Klimawandels besorgt sind, sind in der Mehrheit. Aber sie wissen nicht, dass sie in der Mehrheit sind.”

Das Gefühl, dass wir alle im gleichen Boot sitzen, motiviert nur dann, wenn klar ist, dass die meisten anderen Menschen in diesem Boot beim Rudern helfen werden. Wenn die Mehrheit rudert, rudern wir mit. Aber leider sehen wir nicht immer, wer mit uns im Boot sitzt und was die anderen treiben: Ob sie rudern oder nur die Vorräte essen. Es hält uns vom Handeln ab, wenn uns diese Informationen fehlen.
“Machen Sie einfach den Mund auf und sprechen Sie über das Thema – in den sozialen Medien, mit Ihren Freunden und Ihrer Familie. Damit zeigen Sie, dass es Ihnen wirklich am Herzen liegt.”
Forscher*innen und Klimakommunikationsexpertinnen fordern, dass diejenigen, die sich klimabewusst verhalten, mehr über dieses Verhalten sprechen. Wenn viele Menschen nicht wissen, dass die Mehrheit bereit ist, etwas für den Klimaschutz zu tun, dann muss es ihnen mitgeteilt werden. Denn schon das Gespräch über die Klimakrise verändert die wahrgenommene soziale Norm. Und damit – der bisherigen Forschung zufolge – auch die Bereitschaft etwas zu unternehmen.

Klimafreundlich leben: Nicht für alle finanzierbar

Reden ist kostenlos. Damit ist das Problem aber noch nicht gelöst. Wer klimafreundlich leben will, braucht dazu Geld. Um für klimafreundliche Projekte zu spenden etwa. Weil Zugfahren oft teurer ist als Fliegen. Oder, weil Biotomaten oft mehr kosten als die konventionell angebaute Massenware aus Spanien. Für viele Menschen ist all das keine Option.  
Nina Honerkamp ist 34 Jahre alt, wohnt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Osnabrück. Seit zehn Jahren bezieht die Familie Hartz IV.

„Ich kann nicht in einem Unverpackt-Laden einkaufen gehen und mich darüber freuen, dass ich Plastik spare, weil ich dann einfach am Ende des Monats nicht genug Geld für Lebensmittel übrighätte. Das geht nicht, dass wir unser Budget komplett sprengen.“
Familie Honerkamp besitzt kein Auto, verzichtet weitgehend auf Fleisch, benutzt Dinge so lange, bis sie kaputt gehen.

„Wir können uns keine neuen Geräte leisten, die weniger Wasserverbrauch, weniger Stromverbrauch haben, weil sie einfach im Budget nicht drin sind. Wir haben hier teilweise zehn Jahre alte Geräte und ja, die verbrauchen mehr als neue Geräte. Aber wir können uns halt einfach keine neuen leisten.“
Nina Honerkamp sagt, dass viele Dinge, die man fürs Klima tun könne, nicht unbedingt günstig seien. Soziale Normen sind schlicht nicht für alle finanzierbar.

Und das ärgert mich dann halt, wenn Leute dann dastehen und sagen: ‚Ja, ja, aber das könnte man ja noch tun und das könnte man ja noch tun.‘“

Ökologisch bewusster Konsum ist oft ein Privileg

Ethisches und ökologisches Konsumverhalten kann zum Privileg von Menschen werden, die es sich leisten können. Kritisiert Sighard Neckel, Soziologe an der Universität Hamburg:

„Wer kann in Bioläden einkaufen und wer kann es nicht? Wer kann in Stadtvierteln leben, in denen man eigentlich nur ein Fahrrad braucht und ein Auto sogar ein Hindernis wäre? Und wer kann das eben nicht?“
Das eigene umweltbewusste Verhalten hervorzuheben, um so eine soziale Norm zu schaffen, berge sogar Gefahren für eine Gesellschaft.

„Man muss tunlichst vermeiden, dass ökologische Formen der Lebensführung zu einer Attitüde werden, mit der sich bessergestellte soziale Kreise von anderen eben auch sichtbar abgrenzen können und vielleicht auch sichtbar abgrenzen wollen.“
Allerdings: Es ist durchaus möglich, durch sein Verhalten andere zu umweltbewusstem Handeln zu motivieren, ohne sie abzuwerten. Es gibt Beispiele, die belegen, dass wir andere nicht zwangsläufig unter Druck setzen, wenn wir ihnen das eigene umweltbewusste Verhalten zeigen. Wir können sie auch auf neue Ideen bringen. Lea Dohm hat das erlebt.

Motivieren ohne auszugrenzen

„Ich wohne eher ländlich und da ist es üblich, dass viele Familien auch zwei Autos besitzen, einfach um die Entfernungen zurücklegen zu können. Und wir als Familie haben uns jetzt so ein E-Bike gekauft, auf dem man auch Kinder transportieren darf. Inzwischen haben wir in unserem Dorf mit 12.000 Einwohnern jetzt schon sieben dieser E-Bikes. Das heißt, es gab tatsächlich den Effekt, dass einige das gesehen haben, dass es funktioniert hat und dass es auch Spaß macht und dass es sich ausgeweitet hat.“
Aber: Auch wenn wir es schaffen, uns klimagerecht zu verhalten, trotz all der Hürden. Auch wenn wir unser Umfeld dazu motivieren, so wie Lea Dohm – die Frage bleibt: Werden wir den Planeten dadurch retten?
Timothy Gutowski, Professor am Massachusetts Institute of Technology hat 2007 mit Studierenden untersucht, wie viel CO2 verschiedene soziale Gruppen in den USA pro Jahr verursachen. Ergebnis:
Selbst obdachlose Menschen, die in Gemeinschaftsunterkünften schliefen und in Suppenküchen aßen, hatten einen CO2-Fußabdruck von mehr als acht Tonnen pro Jahr. Weit über dem, was CO2-neutral wäre. Ein Grund: Soziale Infrastrukturen wie Polizei oder Straßen – CO2-intensiv gebaut oder betrieben – wurden allen Gruppen gleich zugerechnet.
„Wenn Sie mal durchspielen, was etwa ein 25-jähriger Student, der in einer Wohngemeinschaft lebt, kein Auto hat, der keine Flugreisen unternimmt und sich vegetarisch ernährt, was der schon für einen ökologischen Fußabdruck hat, dann kommt man auf ungefähr einen Wert von 5,4 oder 5,5 Tonnen CO2 im Jahr.“

Individuelles Verhalten geht am Problem vorbei

Ähnlich wie Timothy Gutowski für die USA sieht Soziologe Sighard Neckel es auch für Deutschland kritisch, wenn der Fokus auf das Verhalten von Privatpersonen gelegt wird.

„Damit läge selbst dieser bescheiden lebende Student noch um mehr als das Doppelte über der der Zielmarke von 2,5 Tonnen pro Person im Jahr 2030. Das heißt, wenn man es rein individuell berechnet, ist das von vornherein aussichtslos.“
Wir können unseren Urlaub auf den Kanaren streichen, unser Auto abschaffen, Burger mit roter Beete statt mit Rindfleisch essen und uns gegen ein zweites Kind entscheiden. Klimaneutral, so Sighard Neckel, werden wir so dennoch nicht.
Wir sind alle angeschlossen an Produktionssysteme, an Verkehrssysteme, an Energiesysteme, auf die wir nicht immer wirklich entscheidenden Einfluss haben.“

Die Verantwortung großer Unternehmen

Die Idee der individuellen Verantwortung ist tief in das gesellschaftliche Bewusstsein vorgedrungen. Der CO2-Fußabdruck ist ein Sinnbild für die Schuld der Individuen, die über ihren Verhältnissen leben. Und es stimmt ja: Einzelne Menschen – vor allem aus dem globalen Norden – tragen die Hauptverantwortung für die Klimakrise. Aber: Wer die Schuld bei Einzelnen sucht, sucht sie eher nicht woanders.
“Wer über individuelle CO2-Fußabdrücke redet, übersieht wirklich, dass große Unternehmen etwa 70 Prozent der Umweltverschmutzung verursachen.”
Jennifer Marlon ist Wissenschaftlerin an der Yale School of the Environment. Einige große Konzerne, sagt sie, haben ein massives Interesse daran, von ihrer Verantwortung abzulenken.

“Ja – dieser CO2-Fußabdruck hat eine ziemlich interessante Geschichte!”
Anfang der 2000er-Jahre startete eine Reihe von PR-Kampagnen, die in Sachen Klima- und Umweltschutz den Blick auf das Verhalten von Konsument*innen richteten. Dahinter standen Konzerne wie etwa das Energieunternehmen BP. Könnte es also sein, dass die Energie, die wir für eine umweltbewusste Lebensführung aufwenden, falsch investiert ist? Sollte nicht lieber an den großen Stellschrauben gedreht werden?

"Klimaschatten" statt CO2-Fußabdruck

Auch Klimakommunikatorin Susan Hassol will sich schon länger vom Konzept des CO2-Fußabdrucks verabschieden – die Einzelnen dabei aber nicht völlig aus der Verantwortung entlassen. Sie setzt auf einen Ansatz, den sie „Klima-Schatten“ nennt:

„Der Klima-Schatten beinhaltet zum Beispiel, wen du wählst, ob du dich für einen Systemwandel einsetzt oder für die Einrichtung von Fahrradwegen in deinem Viertel kämpfst. Oder auch, wo du dein Geld anlegst und welche Unternehmen du unterstützt.“
Es geht beim Klimaschatten nicht mehr nur um individuellen Konsum: Die richtigen Produkte kaufen, den Energieverbrauch reduzieren oder nicht mehr fliegen. Es geht darum, dass Einzelne die Strukturen beeinflussen, in die wir alle eingebettet sind. Ein Ansatz, der sich auch in der Forschung durchsetzt. Sozialpsychologe Immo Fritsche.

Die Psychologie des Umweltschutzes konzentriert sich mittlerweile viel mehr auch auf politisches Handeln von Einzelnen.“

Klimaschädliche Strukturen ändern

Denn: Es gibt Menschen, die Autofahren und Fleisch essen – und die trotzdem einen kleineren Klimaschatten haben als Menschen, die auf ein Auto verzichten. Menschen zum Beispiel, die sich Konzernen und Politik in den Weg stellen.
Einer von ihnen ist der Landwirt Eckardt Heukamp. In seinem Hof parken mehrere Autos, er grillt gern. Und: Er könnte derjenige sein, an dem es letztendlich hängt, ob das 1,5-Grad-Klimaziel von deutscher Seite aus erreicht wird. Er ist der letzte Landwirt von Lützerath in Nordrhein-Westfalen.

„Die wollen natürlich hier ran, die haben jetzt die ganzen anderen Dinger aufgekauft. Und dann ist noch ein Bäuerchen da und der will nicht weg. Und dann sagen die: ‚Ja, das sehma jarnet ein‘.“

Was kann ein einzelner Landwirt tun?

Außer Eckardt Heukamp ist in dem kleinen Ort Lützerath von den ursprünglichen Einwohner*innen niemand mehr übrig geblieben. Die anderen haben ihre Häuser und Grundstücke an den Energiekonzern RWE verkauft, der die Braunkohle unter dem Dorf abbauen möchte.
Direkt hinter der Landstraße erstreckt sich bereits das riesige Loch der Braunkohlegrube. Der Bagger steht nur noch 200 Meter von Eckardt Heukamps Haus entfernt. Und er wälzt sich Stück für Stück vorwärts. Bauer Heukamp steht ihm und dem Energiekonzern RWE im Weg.
Braunkohle Tagebau Garzweiler II: Schaufelradbagger beim ausbaggern an der Tagebaukante beim Ort Lützerath.
Braunkohle Tagebau Garzweiler II: Schaufelradbagger beim ausbaggern an der Tagebaukante beim Ort Lützerath.© picture alliance / Jochen Tack
„Ist einfach so, die wollen alles haben, die wollen den ganzen Kuchen. Und wenn ich bleiben würde oder die würden mich nicht wegkriegen, dann hätten die ja ganz Lützerath verloren.“
Die Kohle unter Lützerath darf nicht verfeuert werden, wenn Deutschland seinen Anteil leisten will, das 1,5-Grad-Ziel von Paris einzuhalten. Das hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ausgerechnet. Mit dem Heukamp-Hof würde also auch das Klimaziel von deutscher Seite endgültig aufgegeben. Als Aktivist sieht sich Heukamp trotzdem nicht.

Klimaaktivist aus Heimatliebe

Mir geht es auch um das Klima. Aber mir geht es vor allen Dingen natürlich um die Erhaltung des Betriebes und des Dorfes. Das sind für mich die ersten Dinge.“

In Lützerath ist der Boden gut – mit Hof und Wiesen verbindet Eckardt Heukamp Kindheitserinnerungen.
„Früher stand man irgendwo im Feld, da konnteste sehen: Borschemich, Immerath, Keyenberg, Holzweiler. An den Kirchtürmen konnte man die Dörfer immer von Weitem erkennen. Davon ist ja schon die Hälfte weg.“
Heukamp hat schon einmal ein Dorf verlassen, das der Braunkohle weichen musste. Er zog zurück nach Lützerath. Nun wehrt er sich. Er hat gegen die vorzeitige Besitzeinweisung seines Elternhofes in Lützerath geklagt. Das Oberverwaltungsgericht Münster entscheidet spätestens Anfang Januar über seine Zukunft. Das macht ihn zu einem politischen Akteur, ob er sich als Klimaaktivist sieht oder nicht.
„Über Lützerath werden die Gerichte entscheiden“, so steht es im Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien. Sollte Eckardt Heukamp die Klage gewinnen, schrumpft sein Klimaschatten in sich zusammen, auch wenn er weiterhin Fleisch isst und jeden Tag Auto fährt.

Die Macht gemeinschaftlichen Handelns

Eckardt Heukamp ist ein Extrembeispiel, nicht jeder hat eine Kohlegrube vor der Tür, die motiviert, politisch aktiv zu werden. Aber: Die braucht es auch nicht. Ebenso, wie es keinen Türhänger braucht, um ökologisch bewusst zu konsumieren und den eigenen Klimaschatten zu verkleinern. Sozialpsychologe Immo Fritsche:
Aber eben, wenn man als Individuum auf seinen Urlaubsflug verzichtet und das als Teil eines gemeinschaftlichen Handelns begreift. Das ist genau – na ja, ein bisschen salopp gesagt – der psychologische Trick.“
 
Was es braucht, um in Bewegung zu kommen, sind letztlich wieder: andere Menschen. Denn natürlich ist die Klimakrise für Einzelne viel zu groß, um sie zu bewältigen.
„Die Lage ist dramatisch und das kommt natürlich auch bei den Leuten an, die auch unter diesen Randbedingungen von starker Hilflosigkeit erleben, dass Menschen dann wieder handlungsfähig werden, wenn sie die Möglichkeit haben, sich auf ein Kollektiv zu beziehen – also sich zu identifizieren mit einer Gruppe und dann auch mit dieser Gruppe zu handeln.“

Die Wirkmächtigkeit von Gruppen

Menschen sind soziale Wesen, keine Inseln. Das zeigt sich gerade, wenn es um politisches Handeln geht. Das Gefühl, keine Kontrolle über die Folgen eigener Handlungen zu haben, nicht wirkmächtig zu sein, führt häufig dazu, dass Menschen untätig bleiben. Oder werden. Dagegen helfen Gruppen.
Als Teil einer Gruppe können Menschen das Gefühl von Wirkmächtigkeit zurückgewinnen. Immo Fritsche etwa konnte mit seiner Forschung zeigen: Menschen sind besonders dann motiviert, auch als Einzelne klimabewusst zu handeln, wenn sie sich mit klimabewussten und handlungsfähigen Gruppen identifizieren.
„Das nennen wir dann gruppenbasierte Kontrolle. Also, dass Kontroll-Wahrnehmungen, die auf einer individuellen Ebene bedroht sind, dass die auf einer kollektiven Ebene dann hergestellt werden können.“ 

Selbst für Menschen, die sich nicht explizit mit einer Gruppe identifizieren, sind andere Personen der Schlüssel zum Durchhalten. Für Eckardt Heukamp etwa. Denn auch der letzte ursprüngliche Einwohner von Lützerath ist nicht allein.
Hinter Eckardt Heukamps Haus haben etwa 200 Aktivist*innen ein Camp errichtet. Hier werden Baumhäuser gebaut, Workshops abgehalten, Pizza wird gebacken. Zehn Bewohner*innen haben inzwischen auch ihren Wohnsitz in Lützerath angemeldet. Sie wohnen in dem Haus, in dem Eckardt Heukamp aufgewachsen ist und zelten auf der Wiese, die zu seinem Grundstück gehört.

Gruppen brauchen die Motivation der Einzelnen

Vor einem Bauwagen sitzt Jesse Dittmar. Die Klimaaktivistin ist als eine der ersten auf das Grundstück gezogen.

„Ich habe selten an einem Ort so viel lernen können und so viele tolle Menschen kennengelernt und mich auch irgendwie weiterentwickelt.“

Dittmar hat das Camp mit aufgebaut und unterstützt Eckardt Heukamp bei seiner Klage gegen RWE.
„Und gleichzeitig gibt es natürlich Momente des Zweifels, die entstehen. Wir haben hier auch schon gesessen im Winter bei minus 15 Grad, da ist uns der Kaffee in den Kaffeekannen eingefroren. Da fragt man sich natürlich: ‚Was mache ich hier eigentlich gerade?‘“

Jesse Dittmar und die anderen haben durchgehalten. Inzwischen gibt es nicht nur Baumhäuser, es ist fast so etwas wie ein Dorf entstanden: mit einem Zirkuszelt für Versammlungen, einem Küchenhaus, einer Infohütte und einer Reihe von Komposttoiletten. RWE hat angekündigt, bis zum Urteil im Januar nicht zu räumen. Ob Eckhardt Heukamp noch hier wäre, wenn es das Camp nicht gäbe?
„Ich glaube, RWE würde auch Eckardt alleine nicht so leicht wegfegen. Aber es ist ein enormer psychischer Druck, eine enorme Belastung, der er hier ausgesetzt ist. Und ich glaube, es gibt ihm schon ziemlich viel Kraft zu merken, dass so viele Menschen da sind und Interesse daran haben. Wenn wir nicht hier wären, wenn nicht die öffentliche Aufmerksamkeit da wäre, da hätte er sich wahrscheinlich eher alleine damit gefühlt und eventuell andere Entscheidungen getroffen.“

Domino-Effekte dank Einzelner

Auch Lea Dohm hat ihr Leben irgendwann nicht mehr nur ökologisch ausgerichtet, sondern ist ebenfalls politisch aktiv geworden: 2019 geht sie das erste Mal auf einen Klima-Streik, gründet danach mit einer Bekannten die Psychologists for Future.

„Dann ist es im Grunde wie so eine Domino-Kette. Dann sind von dem Tag an immer neue Kolleginnen dazugekommen und wollten irgendwie mitmachen und dann sind wir gewachsen und gewachsen.“
Als ihr das Ausmaß der Klimakrise bewusst wurde, hat Lea Dohm das ebenso erschüttert wie ihre Krebsdiagnose. Das Gefühl ohnmächtig zu sein hat sie damals überwunden – und diesmal wieder. Und mit ihrem Willen zum Handeln jetzt sogar andere mitgezogen.

"Vielleicht hatte ich da im positiven Sinne eine Lernerfahrung, auch durch meine Vorerkrankung, nämlich dass ich die Erfahrung gemacht habe, dass, wenn ich mich wirklich für etwas engagiere und das tapfer durchhalte, dass es dann auch ein gutes Ende irgendwie ergibt. Das ist sicherlich ein Vorteil.“

Es braucht eine kritische Masse an Mitstreitern

Um Verhaltensänderungen in der breiten Bevölkerung auszulösen, ist es dabei noch nicht einmal nötig, von Anfang an wirklich die gesamte Bevölkerung davon zu überzeugen. Wie Damon Centola und Kollegen 2018 in einer Studie zeigen konnten, ist der Kipp-Punkt relativ schnell erreicht, ab dem sich gesellschaftliche Normen ändern – nämlich: Sobald eine kritische Masse von etwa einem Viertel der Bevölkerung davon überzeugt ist, dass neue soziale Konventionen nötig sind.
Ob wir Teil der Mehrheit oder Teil einer Gruppe sein wollen oder nicht: Wir entscheiden nie für uns allein. Was wir tun, hat Folgen für andere, was andere tun, hat Folgen für uns. Wir sind mit den Personen um uns herum im konstanten Austausch, auch wenn wir davon gar nichts mitbekommen. Wir sind eingebettet in soziale Strukturen. Und wir können die Strukturen ändern, wenn wir uns zusammentun.

Autorin: Pia Rauschenberger
Es sprechen: Marina Behnke, Tilmar Kuhn, Barbara Becker, Ralf Bei der Kellen
Ton: Martin Eichberg
Redaktion: Lydia Heller

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