Mit Nudging zu mehr Impfbereitschaft

    Manipulieren für den guten Zweck

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    Links eine Illustration zweier Impfdosen und einer Spritze, rechts daneben ein Hotdog.
    Wenn es etwas umsonst dazu gibt, steigt die Impfbereitschaft - und sei es nur ein Hotdog. © imago / Ikon Images / Eva Bee / fStop Images / Endai Huedl
    Ein Einwurf von Martin Tschechne · 27.08.2021
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    Eine Bratwurst als Belohnung oder ein Freilos bei der Impflotterie: Um Faule und Unwillige zur Corona-Impfung zu bewegen, setzt die Politik auf Anreize und Anstupser, sogenanntes Nudging. Moralisch fragwürdig, aber es wirkt, findet Martin Tschechne.
    In Thüringen haben sie den Leuten Bratwurst versprochen, und siehe da: die Zahl der Impfungen gegen Corona schoss auf das Dreifache. In Berlin genügten Techno-Sound und eine Lightshow, und die Gäste der Party standen Schlange, um dem guten Zweck zu dienen. Das heißt: sich impfen zu lassen.
    Es funktioniert also, wenn man sich was einfallen lässt, sich ein bisschen umgänglich zeigt, einen Schritt auf die Menschen zu macht. Warum aber sind alle so sauer, wenn man das Thema anspricht? Warum reagieren Gesundheitsbehörden und Landratsämter so überaus zögerlich, wenn die Rede auf kleine Verlockungen oder Belohnungen fürs Impfen kommt? Oder, um den Faden gleich weiter zu spinnen: für die grundsätzliche Bereitschaft zur Organspende, das kurze Innehalten beim Kauf irgendeines CO2-intensiven Blödsinns oder für verantwortungsbewusstes Verhalten im Straßenverkehr.
    Nudging heißt die Technik. Sie ist weltweit bekannt, spätestens, seit der Amerikaner Richard Thaler 2017 den Nobelpreis für seine Analyse des Phänomens und die Sammlung erfolgreicher Beispiele erhielt. Vom Wecken eines Gefühls für häuslichen Stromverbrauch bis zur Bereitschaft, zum eigenen Besten eine Rentenversicherung abzuschließen – aber sie genießt einen ausgesprochen miesen Ruf.
    Zumindest bei uns. Nudging gilt als praktizierte Besserwisserei, scheinbar freundlich, aber gerade deshalb umso tückischer. Der Begriff fasst alles zusammen, was als sanfte Gängelei oder lästige Einschränkung in den Alltag hereinreguliert, ohne gleich gesetzlich vorgeschrieben oder bei Strafe verboten zu sein.

    Ein sanfter Schubser in die richtige Richtung

    Nudging ist die Schwelle auf der Straße, die schnelles Fahren verhindert. Das kleine Fußballtor im Pinkelbecken, die das Kind im Mann zumindest mal zur Minimalhygiene auffordert. Nudging ist aber auch die stillschweigende Verlängerung des Zeitschriftenabos – nur wer nicht weiterlesen will, muss aktiv werden und eine Kündigung schreiben.
    Nudging ist das überkomplizierte Antragsverfahren – vielleicht gibt der Antragsteller ja auf und erspart der Behörde Arbeit und Geld, Stichwort Corona-Hilfen für Freiberufler. Oder der knallrote, prominent platzierte Button auf dem Computerschirm, mit dem der eilige Nutzer zustimmt: Ja, in Gottes Namen alle Cookies zulassen. Und lästige Werbung: immer her damit! Das Nein übrigens steht gleich daneben, meist klein und blass und nicht ganz so leicht zu finden.
    Der schlechte Ruf hat also seine Berechtigung. Nudging dokumentiert ein Gefälle da, wo Augenhöhe vorgegaukelt wird, von oben nach unten, von informiert zu ahnungslos, von dem, der lenkt, zu dem, der sich lenken lässt. Aber der Mensch neigt nun mal dazu, den schnellen Effekt vor langfristige Entfaltung zu stellen, den eigenen Vorteil vor das Wohl der Gemeinschaft – als wäre er nicht selbst ein Teil dieser Gemeinschaft und damit auch Teilhaber an ihrem Wohlstand oder einer allgemeinen Gesundheit. Sollte man ihn nicht hin und wieder tatkräftig daran erinnern? Wer möchte, darf sich hier hingewiesen fühlen auf die aktuelle Debatte um Privilegien oder die Rückgabe von Grundrechten. Es wäre volle Absicht.

    Die Impfung betrifft nicht nur den Eigenschutz

    Denn Nudging hat eine sehr moralische Dimension, erkennbar etwa im so genannten Aiwanger-Paradox, nämlich dem Irrglauben, dass Impfen zwar den eigenen Körper betrifft, die ureigenste Domäne jedes Individuums, die Gesundheit seiner Umgebung ihm aber wurscht sein kann. Denn jeder Geimpfte – das lehrt die populäre Epidemiologie, die mittlerweile jeder im Schlaf kennt – jeder Geimpfte ist einer, der die Verbreitung der Seuche ein bisschen weiter eindämmt.
    Schwierig, vor solchem Hintergrund zu beharren: Ja, aber ich möchte trotzdem nicht… Und schwierig auch, bei so viel Ignoranz oder Dämlichkeit nicht zu sagen: Gut, wenn subtile Beeinflussungsmethoden wie Nudging funktionieren – warum denn eigentlich nicht? Es kostet ja nur eine Bratwurst.
    War das jetzt schon Nudging? Haben wir die Grenze des Erlaubten überschritten? Wir bitten um Pardon. Es diente allein dem guten Zweck.

    Martin Tschechne ist zweimal geimpft, hat dafür aber nicht einmal etwas bekommen. Der Journalist und Autor lebt mit seiner Familie in Hamburg. Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie DGPs zeichnete ihn 2012 mit ihrem Preis für Wissenschaftspublizistik aus. Zuvor erschien seine Biografie des Begabungsforschers William Stern.

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