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Zeitfragen | Beitrag vom 20.07.2021

Arbeit als LebensinhaltNoch erfüllt oder schon überlastet?

Von Catalina Schröder

Geschäftsfrau am Schreibtisch hebt ab (Illustration) (imago/Ikon Images/Harry Haysom)
Nicht wenige Menschen neigen dazu, ihre Arbeit zum zentralen sinnstiftenden Element in ihrem Leben zu machen. (imago/Ikon Images/Harry Haysom)

Für drei von zehn Beschäftigten ist Arbeit mehr als bloßer Broterwerb. Viele dieser Menschen finden Erfüllung in ihrem Beruf. Das bedeutet meist weniger Zeit für Familie und Freunde. Und manch einer rutscht in die Arbeitssucht ab.

Mehr als 44 Millionen Menschen in Deutschland sind erwerbstätig (Stand: März 2021). Die meisten haben vermutlich gar keine andere Wahl. Schließlich müssen sie für sich und ihre Familien den Lebensunterhalt verdienen.

Doch für drei von zehn Berufstätigen ist die Arbeit mehr als bloßer Broterwerb. Einer repräsentativen Umfrage zufolge ist sie ihr wichtigster Lebensinhalt: Wenn im Job etwas erledigt werden soll, müssen Familie und Freunde sich hinten anstellen.

"Für mich geht halt die Arbeit meistens vor, weil ich sie erstens total gerne mache und zweitens, dann ist auch wieder das Geld da. Das heißt, wenn ich jetzt zum Beispiel … wir haben Urlaub geplant, 14 Tage, und inmitten dieses Urlaubes gibt es ein großes Projekt oder einen sehr lukrativen Auftrag, dann versuche ich, das möglich zu machen. Das heißt, ich wieg da schon immer ab und meistens immer zum Wohle der Unternehmung oder meiner Karriere auf der Bühne, so dass ich immer gucke, dass ich alles drum herum bauen kann. Das sind von mir alle gewohnt. Aber das ist halt dann auch so, dass ich mal beim besten Kumpel nicht beim Geburtstag dabei bin."

Jeder Zehnte mit mehr als 60 Stunden Arbeit pro Woche

Etwas mehr als 70 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland arbeiten Vollzeit. Was das in Arbeitsstunden konkret bedeutet, ist sehr unterschiedlich: Knapp die Hälfte von ihnen arbeitet nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums zwischen 40 und 47 Stunden in der Woche. Jeder Zehnte kommt auf bis zu 60 Stunden und drei Prozent der Vollzeit-Erwerbstätigen geben an, sogar mehr als 60 Stunden in der Woche zu arbeiten.

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"Es ist immer die Frage: Was ist Arbeit? Von außen betrachtet arbeite ich wahrscheinlich locker 14 bis 16 Stunden am Tag, weil ja auch das Mittagessen mit einem anderen Künstler oder auch der lockere Kaffee zwischendurch mit einem Fernsehentscheider oder mit einem Redakteur ja letztendlich auch Arbeit ist. Das fühlt sich aber halt für mich nicht so an, weil das hört sich immer so hart an, wenn man sagt: Ich arbeite zwölf Stunden. Aber ich sitzt jetzt nicht im Gulag und schlag Steine oder so."

Selbstständige wie Erasmus Stein, aber auch angestellte Arbeitnehmer, zählen nach einer Definition der Internationalen Arbeitsorganisation zu den Erwerbstätigen. Das heißt: Sie verdienen mit ihrer Arbeit Geld für ihren Lebensunterhalt.

Erwerbsarbeit erstmals vor circa 12.000 Jahren

"Menschen mussten, seitdem sie leben, immer auch als Jäger und Sammler für ihren Lebensunterhalt sorgen. Das heißt, sie mussten rausgehen und Früchte einsammeln und jagen. Aber das wurde nicht als Arbeit in dem Sinne erlebt, weil man hat es in der Gruppe gemacht", erklärt der Neurowissenschaftler Joachim Bauer, der das Buch "Arbeit – warum sie uns glücklich oder krank macht" geschrieben hat.

"Und erst durch die Sesshaftwerdung vor etwa 12.000 Jahren war das, dass wir uns kleine Dörfer gebaut haben, dass wir mit Ackerbau und Viehzucht angefangen haben. Erst dadurch ist das entstanden, was wir heute Arbeit im engeren Sinne, also Erwerbsarbeit nennen."

Alte Felszeichnungen der San, Ureinwohner Südafrikas, auf dem Sevilla Rock Art Trail in Cederberge nahe Clanwilliam, die eine Figur mit Pfeil und Bogen zeigt ( imago/blickwinkel)"Menschen mussten, seitdem sie leben, immer auch als Jäger und Sammler für ihren Lebensunterhalt sorgen", sagt Joachim Bauer. ( imago/blickwinkel)

Ab diesem Zeitpunkt stellte der Mensch auch andere zur Arbeit ein oder zwang sie gar dazu. Es gab erste Raubzüge, bei denen Menschen gefangen genommen und anschließend als Sklaven gehalten wurden.

"Die Sumerer zeigen, dass es mit der Arbeit, mit der Einführung der Erwerbsarbeit, so wie wir sie heute verstehen, dass es zum Aufbau von Hierarchien kam. Also es gab Leute, die Arbeit geplant haben. Es gab Leute, die Arbeitende beaufsichtigt haben. Und dann natürlich die große Menge derer, die die Arbeit dann auch gemacht haben. Auch die Spezialisierung der Arbeit, es haben ja nicht mehr alle alles gemacht, wie zu Zeiten der Jäger und Sammler, sondern jetzt wurde Arbeitsteiligkeit entwickelt."

Freiwillige Arbeit im klassischen Griechenland angesehen

Wurde die Arbeit damals einfach erledigt, ohne sie groß zu hinterfragen, wandelte sich der Stellenwert, den sie in der Gesellschaft hatte, im Laufe der Zeit.

"Und die Ersten, die sich Gedanken gemacht haben, was eigentlich die Arbeit für den Menschen bedeutet, waren, soweit wir heute wissen, die Philosophen des klassischen Griechenlands, also vor allem Aristoteles", sagt Joachim Bauer.

"Da lässt sich zeigen, dass die einfache Arbeit nicht hoch angesehen war. Also, es war nicht würdig, als Handwerker am Feuer zu sitzen und was zu schmieden oder Schuhe zu machen oder Möbel herzustellen, sondern die edle, angesehene Arbeit war eigentlich nur der freiwillig betriebene Gartenbau. Freiwillig war ganz wichtig, dass man also nicht das für andere machte, sondern nur für sich selber. Das war würdige Arbeit auf der einen Seite. Und der Sport und die Kriegskunst auf der anderen Seite."

Später, in der jüdischen Tradition, veränderte sich das Ansehen der einfachen Arbeit zum Positiven.

"Und die christliche Kultur ist ja aus der jüdischen hervorgegangen. Und ganz interessant ist, dass Jesus Christus, dass er auch immer wieder die Menschen vor allem im Arbeitskontext beschrieben hat. Und er hat die Gläubigen, die Menschen, die an Gott glauben, als Arbeitende im Weingarten des Herrn, also in den Feldern Gottes bezeichnet. Und da beginnt schon im frühen Christentum - natürlich auf dem Boden der jüdischen Tradition die Wertschätzung der Arbeit."

Luther: "Der Mensch ist zur Arbeit geboren, wie der Vogel zum Fliegen"

Noch später, in den Mönchsorden, galten Grundsätze wie "Ora et labora" – also "Bete und Arbeite". Arbeit war jetzt etwas Würdevolles, das zum menschlichen Leben selbstverständlich dazugehörte. Dieser Auffassung waren die Menschen auch im Mittelalter und bis hinein ins 16. Jahrhundert und zum großen Reformator Martin Luther. Von ihm stammt das Zitat: "Der Mensch ist zur Arbeit geboren, wie der Vogel zum Fliegen."

"Das heißt, jetzt wird quasi die Arbeit als ein Grundausdruck des Menschseins gesehen. Und das finden wir dann bis in die heutige Zeit hinein. Also zum Beispiel Ernst Bloch, der große Philosoph, der auch über die Arbeit nachgedacht hat, der hat gesagt: Erst durch die Arbeit wird der Mensch zum Menschen. Auch Hannah Arendt, die große Philosophin, hat sich ja über die Arbeit enorm viel Gedanken gemacht, und eines ihrer Hauptwerke hat sie ja der Arbeit gewidmet. Und sie hat auch gesagt, dass der Mensch in der Arbeit eigentlich ein Stück weit seine Bestimmung findet."

Geschwungenes Relief „Ora et labora“ an einer Hauswand (imago / Westend61)"Ora et labora" – also "Bete und Arbeite": Schon im frühen Christentum begann die Wertschätzung der Arbeit. (imago / Westend61)

In der Arbeit seine Bestimmung finden. Einer Berufung und nicht bloß einem Beruf nachgehen. Das ist bis heute für viele Menschen erstrebenswert. In unserer Gesellschaft prägt unser Beruf einen nicht unerheblichen Teil unserer Identität. Die Frage "Was machst Du?" meint fast immer: "Was machst Du beruflich?" und gehört oft zu den ersten, die wir stellen, wenn wir eine andere Person kennenlernen. Anhand der Antwort stecken wir unser Gegenüber fast automatisch in menschliche und gesellschaftliche Schubladen, die stark von Klischees geprägt sind.

Arbeit als Selbstfindung

"Es geht bei der Arbeit um Selbstfindung von innen. Ich finde mich selbst, aber auch Anerkennung von außen. Und beides ist ja ziemlich verwoben", erklärt der Transformationsforscher Hans Rusinek, der sich in seiner Doktorarbeit an der Universität St. Gallen mit den Veränderungen in unserer Arbeitswelt beschäftigt.

"Also ich finde zu mir selbst, indem ich mich entfalte und ausprobiere und Dinge mache, in denen ich gut bin. Und ich bin gut in Dingen, weil sie mir etwas bedeuten. Aber dann brauche ich den anderen oder die andere, um halt auch festzustellen: Das, was ich produziere, das hat Wert. Das will jemand haben. So. Und das ist dann die Anerkennung von außen. Und damit erkennt er ja nicht nur das Produkt an, was ich schaffe, sondern auch mich als Produzentin oder Produzenten. Dadurch erlebe ich Anerkennung. Also Selbstfindung und Anerkennung so interessant verwoben, ich glaube das ist das, weshalb wir arbeiten."

Aber ist dieser Gedanke nicht fast zu schön, um wahr zu sein? Wenn Arbeit mit Selbstfindung und Anerkennung einhergeht, dann steckt darin unglaublich viel Positives. Dann erleben wir Arbeit nicht als Last, sondern über weite Strecken als Lust.

Doch in der Realität kommen viele Erwerbstätige gar nicht in diesen Genuss: Sei es, weil sie extrem standardisierten Tätigkeiten nachgehen, die ihnen kaum Gelegenheit bieten, sich mit ihren Ideen und ihrer Persönlichkeit einzubringen. Sei es, weil sie gering qualifiziert sind und sich gleich mit zwei oder drei schlecht bezahlten Jobs über Wasser halten müssen. Die Diskussion über Sinn und Berufung ist deshalb immer eine elitäre.

Suche nach einer Berufung als Last

Dann sind da auch noch diejenigen, die alles Mögliche ausprobieren, aber auf der Suche nach ihrer Berufung oder einer sinnstiftenden Tätigkeit einfach nicht fündig werden. Auch das kann zur Last werden in einer Gesellschaft, die der Arbeit große Bedeutung beimisst. Und selbst für den, der das Glück hat, nicht nur einen Beruf, sondern seine Berufung gefunden zu haben, stellt sich die Frage nach der richtigen Balance im Leben. Denn viele dieser Menschen neigen offenbar dazu, ihre Arbeit zum zentralen sinnstiftenden Element in ihrem Leben zu machen, so dass anderes kaum noch Platz hat.

"Aus der Psychotherapie weiß man, dass, wenn man die ganze Sinnfrage sozusagen auf ein Bein stellt, wenn man eine Quelle hat für Sinn, für Lebenssinn, dass das eine komplette Überfrachtung ist", erklärt Transformationsforscher Hans Rusinek.

"Wenn wir sehen, wie andere Sinnquellen versiegen: Also zum Beispiel unsere Heimat, unser Land, unsere Nation ist nicht mehr eine große Sinnquelle, unsere Religion ist das nicht. Auch Familie ist als Sinnquelle nicht mehr so relevant. Was übrig bleibt und deswegen auch wahnsinnig aufgeladen wird, ist eben Sinn durch die Arbeit. Und diese Überidentifizierung, die ist riskant. Die ist riskant, weil wir nicht nur damit – natürlich – uns intrinsisch mehr motivieren können, wenn wir Sinn in der Arbeit empfinden, sondern auch so eine typische spätmoderne Tendenz zur Selbstausbeutung erleben", so Rusinek weiter.

Gefahr der Selbstausbeutung im Arbeitsleben

"Dieser Satz ‚Meine Arbeit ist mein Lebensinhalt‘, den hätte ich vor 10, 15 Jahren genauso auch ausgesprochen. Aber mit einer ganz anderen Unterfütterung, wie man das lebt. Also da war ich sicher an dem Punkt, so zu arbeiten: mit voller Euphorie und alle Leistung in die Arbeit stecken und auch sehr drin aufgehen, erfüllt sein. Ich war Wissenschaftlerin auf dem Weg zur Habilitation. Hab Labore geleitet, eine eigene Forschergruppe gehabt, Studenten betreut, drei Studiengänge betreut und einfach sehr, sehr viel gearbeitet. Und es war immer sehr erfüllend. Aber irgendwann habe ich Familie gekriegt und habe immer noch so gearbeitet wie vorher. Und das ist irgendwann an Grenzen gekommen."

Die Molekulargenetikerin Melanie Bartsch, heute 42 Jahre alt, hat erlebt, wie sich Selbstausbeutung im Arbeitsleben anfühlt, auch wenn man von der Aufgabe an sich sehr erfüllt ist. Als ihre beiden Kinder geboren wurden, reduzierte sie ihre Stelle auf dem Papier zwar auf 30 Stunden. Tatsächlich arbeitete sie aber bis zu 60 Stunden. Schließlich war sie so erschöpft, dass sie krank wurde und einige Monate gar nicht arbeiten konnte.

Auf der Suche nach einer Möglichkeit, selbst wieder ins Gleichgewicht zu kommen, stieß Bartsch auf eine spezielle Form des mentalen Trainings. Sie gab ihre Karriere als Wissenschaftlerin auf. Heutet bietet sie dieses mentale Training als selbstständiger Coach für Unternehmen im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements an.

"Es war eigentlich der Kopf immer in Arbeitsthemen. Jetzt arbeite ich völlig skalierbar in die Lücken, die da sind oder die Dinge, die ich mir fest in den Kalender setze. Und gleichzeitig gibt es Phasen im Jahr, da hat die Familie absoluten Vorrang, da braucht die Familie Zeit. Und da kann ich dann genauso sagen: Da sind jetzt keine Workshops drin in diesen Wochen, wo Ferien sind oder was auch immer erst einmal Vorrang hat."

Als Bruch empfindet Melanie Bartsch ihren Wechsel von der Wissenschaftlerin zum Coach nicht.

"Mir war relativ schnell klar, dass ist dieser rote Faden: Menschen was mitzugeben, zu begeistern und authentisch was vorzuleben - das war vorher so. Aber das ist schon das, was mich antreibt und auch erfüllt. Also das war klar, dass ich in so eine Richtung möchte, ob es Coaching ist oder im größeren Kontext als Trainer oder auch beratend in einem Bereich tätig zu sein."

Selbstständige häufig zufriedener als Angestellte

Ein erfülltes Leben – beruflich wie privat – hat Melanie Bartsch letztlich in der Selbstständigkeit gefunden. Psychologen haben in Studien schon mehrfach belegen können, dass Selbstständige zwar im Durchschnitt weniger verdienen als Angestellte in vergleichbaren Positionen. Gleichzeitig sind sie mit ihrer Arbeit aber auch zufriedener.

Der Arbeits- und Organisationspsychologe Theo Wehner von der Eidgenössisch-Technischen Hochschule Zürich erklärt diesen Zusammenhang so:

"In der Arbeit wächst sozusagen auch Wissen, was ich weiter tun würde. Und das haben Selbstständige: Also wenn man Selbstständige fragt – mit einer Schreinerei habe ich das mal gemacht – was sind Ihre nächsten Schritte, dann sagt er: ‚Ja, ich will weniger Plastikholz verarbeiten und Spanplatten, da müssen wir uns davon trennen.‘ Also die haben immer eigentlich qualitativ weiterführende Ideen im Kopf."

Angestellten fehle in ihren Unternehmen hingegen oft der Freiraum für eigene Ideen. Einer jährlichen Umfrage des Marktforschungsinstituts Gallup zufolge, machen 69 Prozent der deutschen Arbeitnehmer Dienst nach Vorschrift und 16 Prozent haben bereits innerlich gekündigt.

"Wenn über die Zufriedenheit am Arbeitsplatz geredet wird, und wenn sie hoch ausfällt, dann sind wir häufig in wissensintensiven Berufen unterwegs, in Dienstleistungen, wo tatsächlich noch Beratungsaufwand auch geleistet wird. Und die, die innerlich gekündigt haben – das ist ja eben das Erschreckende: Die machen trotzdem einen guten Job für den Arbeitgeber. Die erfüllen das, was sie zu erfüllen haben", sagt Theo Wehner.

"Ich habe mit Schadensregulierern mal in einer Versicherung geredet. Das ist eine hohe routinierte Tätigkeit. Aber mit Leidenschaft kann man die nicht ausfüllen. Wegen dem Job, den ich da verrichte, wegen den Anforderungen lohnt es eigentlich nicht, engagiert hier zu sein, da braucht es nicht den ganzen Menschen. Von daher gehören solche Tätigkeiten, die so hoch routiniert sind, die gehören digitalisiert und automatisiert."

Bedingungsloses Grundeinkommen als Hilfestellung

Aber könnte Digitalisierung eine Lösung sein? Mit welcher Arbeit würden dann Schadensregulierer und Kassiererinnen, Lagerarbeiter und Sekretärinnen ihren Lebensunterhalt verdienen? Theo Wehner zufolge müssten sie das gar nicht.

"Es geistert natürlich immer der Begriff des bedingungslosen Grundeinkommens als, ja, fast als Alleskleber durch die Welt. Als Arbeitspsychologe sage ich das jetzt, ohne die politische Dimension mit anzusprechen: Arbeit und Einkommen zu trennen und den Bürgerinnen und Bürgern … So, wie wir die Grundrechte …, die bekommen wir auch bedingungslos mit der Geburt, und dann beteiligen wir uns an gesellschaftlichen Prozessen: Wir wählen, wir engagieren uns in Parteien, in Gewerkschaften et cetera", sagt er.

"Und das würde ich auch voraussetzen, wenn wir sozusagen Existenz-gesichert ein Grundeinkommen hätten. Das heißt ja nicht, dass wir dann nicht mehr beschäftigt wären. Und wir könnten uns nur viel freier beschäftigen und sicher auch im Interesse einer gesamten Arbeitsgesellschaft. Also die Lebenszufriedenheit und die Beschäftigungszufriedenheit hätten schätzungsweise keine Differenz mehr, wie das heute der Fall ist. Ich müsste ja gar nicht dort arbeiten, wo ich arbeite. Ich bin in einer ganz anderen Verantwortung, auch für meine Zufriedenheit und für die Bedingungen meiner Zufriedenheit zu sorgen."

Arbeitsabläufe geben Struktur

Für viele, denen es leichtfällt, sich selbst zu organisieren, sicherlich eine schöne Vorstellung. Für andere vermutlich aber auch eine große Last: Denn Arbeit ist – auch wenn wir ihr nicht immer gern nachgehen – für viele auch ein Ort, an dem die Abläufe dem Alltag ganz automatisch eine Struktur geben, ohne die wir wiederum auch nur schwer leben können.

Illustration einer Uhr auf deren großen Zeiger ein Mann am Schreibtisch sitzt und arbeitet (imago / Gary Waters)Arbeitssucht: Bis wann hat Arbeit einen gesunden Stellenwert im Leben - und wann wird es zu viel? (imago / Gary Waters)

Wenn Menschen ihre Arbeit zum Lebensinhalt erklären, wirft das auch noch eine andere Frage auf: Wann hat Arbeit eigentlich einen gesunden Stellenwert in unserem Leben? Wie groß das Pensum sein darf, das wir verkraften können, ist individuell natürlich unterschiedlich. Manch einer lädt sich aber so viel auf und räumt der Arbeit so viel Zeit ein, dass Mediziner von Arbeitssucht sprechen.

"Also das heißt, das nimmt immer mehr Zeit ein, das nimmt immer mehr Energie ein. Und hat dann eben ja letztendlich kein Limit mehr. Und wendet sich dann letztendlich gegen den Praktizierenden selbst, indem es eben sein Leben oder seine Lebensgrundlage zerstört."

Schätzungsweise 300.000 Arbeitssüchtige in Deutschland

Max Holger Warnke ist Chefarzt der Adula Klinik in Oberstdorf im Allgäu. Hier werden unter anderem Menschen mit Depressionen, Angst- und Suchterkrankungen behandelt. Aber auch Arbeitssüchtige, von denen es Schätzungen zufolge rund 300.000 in Deutschland gibt, können sich hier in Therapie begeben. 

"Das sind manchmal Menschen mit einer eher, ich sage mal, zwänglerisch, über-gewissenhaften Grundeinstellung. Das sind manchmal Menschen, die eher so was Ängstliches haben. Und manchmal gibt es natürlich auch Leute, die wirklich den Kick kriegen oder ihr Selbstbewusstsein oder ihre Aufwertung durch die Arbeit."

Warnkes Erfahrung nach sind es häufig Lebenskrisen, die Menschen in eine Arbeitssucht treiben. So war es auch bei Paul Meyer, der im wahren Leben anders heißt, und nicht erkannt werden möchte. Der gelernte Versicherungskaufmann kam über Umwege und ein Studium in die Automobilindustrie, wo er heute als Entwicklungsingenieur arbeitet.

"Meine erste Ehe ist kaputtgegangen. Da war ich so Anfang 30. Ich war Vater einer eineinhalbjährigen Tochter. Und die Geschichte hat sich wiederholt - 9 Jahre später -wo sich dann meine Lebensgefährtin auch wieder fast trennen wollte. Und wir hatten auch ein Kind", erzählt er.

"Ich war dann so auf Arbeit fixiert, dass ich nur noch an die Arbeit gedacht habe, sowohl in der Freizeit als auch während der Arbeit in den Pausen. Ich habe mich dann auch zurückgezogen. Und das hat natürlich die Krisen in der Beziehung gefördert. Logischerweise, also meine Lebenspartnerinnen, die hatten Probleme mit mir, weil ich ja nicht geistig ansprechbar war. Und ich habe mir dann auch Hilfe geholt bei Therapeuten und habe dann über einen Vortrag das Thema Arbeitssucht entdeckt."

Arbeitssucht nicht als eigenständige Krankheit anerkannt

Arbeitssucht wurde in den 80er-Jahren erstmals wissenschaftlich beschrieben und ist in Deutschland nicht als eigenständige Krankheit anerkannt. Betroffene leiden aber häufig auch unter einer Depression und kommen aus diesem Grund in die Klinik von Max Holger Warnke und seinem Team. In vielen Fällen wird das problematische Verhältnis zur Arbeit dann erst in der Therapie thematisiert.

"Also mein Stil der Arbeitssucht ist geprägt von Angst und Abhängigkeit. Ich würde sagen: Ich habe Angst, Fehler zu machen. Ich arbeite dann darauf hin, dass ich irgendwann perfekt bin. Heute kann ich sagen, dass der Ursprung bei mir in der Kindheit liegt. Ich hatte ein angespanntes Verhältnis zu meinem Vater, bei dem ich nie Liebe, Wertschätzung oder Anerkennung gespürt habe. Er hat mich geschlagen. Als er gestorben ist, war ich erst neun Jahre alt. Vieles, was da passiert ist, habe ich nie aufgearbeitet. Und da muss irgendwo eine psychologische Übertragung stattgefunden haben, von meinem Bild, das ich von meinem Vater habe, auf die Arbeit."

In der Praxis wird Arbeitssucht bislang häufiger bei Männern als bei Frauen diagnostiziert und meistens Menschen zugeschrieben, die in klassischen Management-Positionen tätig sind.

Ziel einer stationären Therapie, die in der Adula Klinik meist sieben Wochen dauert, ist es, den Patienten ihr problematisches Verhältnis zur Arbeit bewusst zu machen. Mithilfe ihres Therapeuten versuchen sie im nächsten Schritt herauszufinden, welche Bedürfnisse sie durch die Arbeitssucht vernachlässigen.

"Es gab irgendwo einen Zeitpunkt im Tagesverlauf, wo ich dann irgendwann in einen Flow kam, und dann habe ich mich nicht mehr gespürt. Ich habe dann auch keinen Bezug mehr zu mir selber gehabt, oder ich habe nicht mehr in mich reingehorcht. Ich habe dann kein Gefühl mehr für mich gehabt. Ich habe dann keinen Hunger gespürt, musste nicht aufs Klo. Das war wie ein Rausch."

Selbsthilfegruppen Anonymer Arbeitssüchtiger

Während Alkoholabhängige, Spiel- oder Drogensüchtige mit einer Therapie möglichst dauerhaft von ihrer Sucht entwöhnt werden sollen, ist das bei Arbeitssucht viel schwieriger: Denn ganz ohne Arbeit und damit ohne Einkommen können die allermeisten Menschen ihr Leben schlicht nicht bestreiten. Umso wichtiger ist es, dass Betroffene auch nach der stationären Behandlung feste Ansprechpartner haben. In vielen größeren Städten gibt es die Selbsthilfegruppen der Anonymen Arbeitssüchtigen, die sich in Anlehnung an die Anonymen Alkoholiker gegründet haben.

Auch Paul Meyer besucht die Treffen regelmäßig.

"Ich bekomme dort Werkzeuge an die Hand, um die Arbeitssucht im Griff zu halten: Zum Beispiel stelle ich mir jede Stunde einen Wecker, damit ich Pausen mache. Ich habe einen Sponsor, also ein Gruppenmitglied, das schon länger dabei ist, mit dem ich besprechen kann, ob meine To-do-Liste für die Woche realistisch ist. Und ich habe gelernt, mir selbst ein Limit zu setzen: Ich arbeite nicht mehr als 45 Stunden in der Woche und abends nicht länger als 20.30 Uhr. Sonst komme ich in einen Rausch."

Inzwischen ist Paul Meyer in der Lage, selbst einzuschätzen, ob er Gefahr läuft, wieder in die Arbeitssucht zu rutschen.

"Ich mache es dann fest daran, wie ich rausgehe aus der Arbeit: Habe ich für mich gesorgt? Bin ich jetzt nach der Arbeit offen für meine Frau und meine Kinder? Also so unterscheide ich zum Beispiel, ob ich nüchtern arbeite oder halt ‚nass‘, wie man bei den Alkoholikern sagt."

Wie es sich anfühlt, mit einem Arbeitssüchtigen zusammenzuleben, hat Hannelore Rose erlebt. Auch sie heißt im wahren Leben anders und möchte nicht erkannt werden.

Spagat zwischen Familie und Arbeit

Als Werkstoffwissenschaftler hatte Roses Mann sich in eine Management-Position hochgearbeitet und war viel im Ausland unterwegs. 16-Stunden-Tage waren für ihn oft die Regel. Parallel versuchte er, sich möglichst viel um die beiden Kinder zu kümmern. Seine eigenen Bedürfnisse – wie schlafen oder essen – ignorierte er häufig.

"Diesen Spagat zwischen Arbeit und Familie hat er dann immer schlechter geschafft, und dann haben ihn Kollegen, die vielleicht weniger Kompetenz hatten, auf der Karriereleiter überholt. Mein Mann war zwischen Beruf und Familie immer hin und hergerissen."

Eines Tages nahm sein Arbeitgeber eine bereits zugesagte Beförderung zurück. Stattdessen stieg ein Kollege auf, der noch mehr Zeit für seinen Job aufbrachte.

"Ich konnte nicht mehr zu ihm durchdringen"

"Diese Kränkung, kombiniert mit einer Überarbeitung über die Jahre hinweg, die haben dann eine wirkliche Krise ausgelöst. Mein Mann ist ein unglaublich verlässlicher und liebevoller Vater und Partner, und plötzlich hat er sich aus dem Familienleben ausgeklinkt. Ich hatte in ihm plötzlich kein Gegenüber mehr, dem ich vertrauen konnte. Das war, als wenn er betrunken wäre. Ich konnte nicht mehr zu ihm durchdringen."

Hannelore Rose musste sich fortan um alles allein kümmern: um die Kinder, den Haushalt und ihren eigenen Beruf. Eine Zeit lang dachte sie darüber nach, sich von ihrem Mann zu trennen.

"Ich habe mal mit einer ganz lieben Freundin über meinen Mann geredet, und sie hat gefragt: Was ist Dein Mann eigentlich für Dich? Und ich habe gesagt: Er ist für mich ein wirklich treuer Gefährte. Er ist mein Liebhaber, und er ist mein bester Freund. Und das habe ich nicht mehr spüren können. Das war so schmerzhaft, auch meinen besten Freund zu verlieren."

Mit Hilfe der Anonymen Arbeitssüchtigen gelang es Roses Mann, wieder ein gesünderes Verhältnis zur Arbeit zu bekommen, auch wenn sie weiß, dass ein Rückfall jederzeit möglich ist.

"Dieses ‚Ich grenze mich ab. Ich achte darauf, dass ich genug esse und genug schlafe, dass ich Erholungszeiten habe.‘ – das hat er sofort gestrichen, als neulich in seiner Firma Not am Mann war. Und da helfen ihm die Anonymen Arbeitssüchtigen. Er hat einen Sponsor in der Gruppe, mit dem er telefoniert. Der fragt ihn dann: Wie viele Stunden Schlaf brauchst Du? Und dann benutzt er sein Handwerkszeug, um wieder runterzukommen. Und das geht Gott sei Dank mittlerweile relativ rasch. Aber trotzdem ist das jetzt nichts, wo ich sage: Das ist überwunden. Und ich glaube das geht auch nicht, solange er noch im Arbeitsleben ist."

Wer bist du? Statt: Was machst Du?

Zum einzigen Lebensinhalt – dieses Fazit kann man vermutlich ziehen – sollten wir unsere Arbeit besser nicht erklären. Viel Zeit verbringen viele von uns aber wohl trotzdem mit ihr. Wie aber sollte sie aussehen, unsere Arbeitswelt der Zukunft?

"Wenn ich mir die Vergangenheit der Arbeitsgesellschaft anschaue, dann ist sie mit der Industrialisierung monotoner geworden", sagt der Arbeits- und Organisationspsychologe Theo Wehner.

"Und die Zukunft der Arbeit muss wieder eine sein, wo ich nicht Arbeit, Freizeit und Leben auseinanderdividiere, sondern wo ich am Arbeitsplatz lebe und auch dort freie Zeit habe. Da reflektiere ich mit Kollegen über die Arbeit, wie wir etwas günstiger oder effizienter machen können und dass diese Trennungen auch, die wir zwischen den verschiedenen Zuständigkeiten - hier ein Produktionsarbeiter und dort sozusagen ein Forscher und Entwickler und so weiter … Diese Trennungen müssen wieder aufgehoben werden."

Auch für die Molekularbiologin und heutige Trainerin Melanie Bartsch geht es darum, etwas zu finden, das Persönlichkeit und Beruf verbindet.

"Man wird oft gefragt: Was machst du? Was ist dein Beruf? Und ich glaube, man hat echt so eine eigene Evolutionsstufe geschafft, wenn man nicht mehr mit dieser Frage im Alltag umgehen muss oder sie auch selber ausspricht, wenn es eher im Gespräch darum geht, herauszufinden: Wer bist du? Statt: Was machst Du? Das ist eigentlich ein echt tolles, hohes Ziel, und das fühlt sich gut an, wenn man das immer wieder mal schafft oder auch ja mit seinem Lebenskontext erreicht hat."

Regie: Frank Merfort
Technik: Hermann Leppich
Redaktion: Carsten Burtke
Sprecherin: Monika Oschek
Sprecherin: Katharina Keller
Sprecher: Max Urlacher

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