Anna Schapiro: "Fühlen Sie sich wie zu Hause ..."
© Matthes & Seitz Berlin
Jüdische Spurensuche

Anna Schapiro
Fühlen Sie sich wie zu Hause, aber vergessen Sie dabei nicht, dass Sie zu Gast sindMatthes & Seitz , Berlin 2026238 Seiten
24,00 Euro
In ihrem Debüt „Fühlen Sie sich wie zu Hause, aber vergessen Sie dabei nicht, dass Sie zu Gast sind“ erzählt Anna Schapiro vom Ungesagten innerhalb einer russisch-jüdischen Familie. Ein sprachlich und formal überzeugender Roman.
Eine jüdische Familiengeschichte, eine Selbst- und Fremdbefragung, und eine damit verknüpfte, langwierige Spurensuche, für die es die Erzählerin in gleich mehrere Länder verschlägt: Mit ihrem autobiographisch grundierten Debütroman reiht sich die in Moskau geborene und in Berlin lebende Künstlerin und Publizistin Anna Schapiro in eine Tradition post-sowjetischer, jüdischer Literatur ein, die in jüngerer Vergangenheit von Schriftsteller:innen wie Lena Gorelik, Olga Grjasnowa oder Sasha Marianna Salzmann geprägt wurde.
Zahlreiche Themen und Motive, die Schapiros fragmentarischer, in viele kleine Kapitel unterteilter Roman aufgreift, finden sich auch in den Büchern genannter Autor:innen: die Erfahrung von Ausgrenzung und Migration, Mehrsprachigkeit und Sprachlosigkeit oder aber der schwierige Umgang mit der deutsch-jüdischen Vergangenheit und Gegenwart. Dass diese Themen längst nicht auserzählt sind, belegt das Debüt von Anna Schapiro auf eindrückliche Weise. Nicht nur entwickelt der Text einen originellen Zugang zum Kosmos Familie; er zeichnet sich ebenso durch seine sorgfältige und genaue Spracharbeit aus.
Ich frage mich nach meinem Kern und nach meiner Gewordenheit. Ich frage mich nach dem Innen und nach dem Außen. Ich frage mich nach dem Umraum und seinen Bedingungen, ich frage mich das, seitdem ich etwa fünf Jahre alt bin. Vielleicht, weil alle um mich einen Umraum sprechen, der mich physisch nicht umgibt.
Gerade der Roman-Einstieg, in dem die Mitte-30-jährige Erzählerin Anja diese und weitere Fragen aufspannt, erweist sich als besonders gelungen. Der Text ist konzentriert gearbeitet und scheut keineswegs die Nähe zum Poetischen. Es lohnt sich sogar, die ersten knapp 25 Seiten laut zu lesen. Rhythmus und Musikalität werden so nochmals offensichtlicher.
Spurensuche in den USA und Israel
Im weiteren Verlauf ist der Roman deutlich leichter gehalten und orientiert sich stark am Mündlichen. Ausgestattet mit einem Aufnahmegerät, begegnet die Erzählerin zahlreichen Weggefährt:innen und Freund:innen ihrer Familie, die ihr vom Leben in der Sowjetunion berichten. So entsteht eine Art Oral History ihrer eigenen Familie sowie einer Zeit, die Anja selbst nicht aus eigener Erfahrung kennt. Als ihre Familie in den frühen 1990er-Jahren als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kam, war sie noch ein kleines Kind.
Auf der Beerdigung ihrer Großmutter Sweety – ein eher ironisch zu verstehender Spitzname für die strenge Matriarchin – wird ihr bewusst, dass die Kenntnis ihrer Familiengeschichte vornehmlich aus losen, häufig wiederholten Anekdoten besteht. Tiefgründigen Gesprächen über den Umraum Sowjetrussland, der aufgrund seines staatlich verordneten Antisemitismus auch ein Un-Raum für seine jüdische Bevölkerung war, weichen die engeren, noch lebenden Familienmitglieder der Erzählerin meist aus. Doch entfernte Verwandte und ehemalige Arbeitskolleg:innen ihrer Eltern und Großeltern zeigen sich dazu bereit. Die meisten von ihnen sind mittlerweile hochbetagt und anders als der Familienzweig der Erzählerin nicht nach Deutschland, sondern in die USA oder nach Israel ausgewandert.
„Wieder denke ich: Es geht nicht darum, worüber wir sprechen werden. Es geht allein um das Alter. Es geht um die Zerbrechlichkeit eines alten Menschen und um das Altern selbst und wie sich darin das Leben zeigt. Ich überlege, wo ich sein werde, mit neunzig, wenn überhaupt. Es geht allein darum, dass ich auftauche in dieser Welt, in der die Zusammenhänge auseinanderdriften. In der ich die Legenden, mit denen ich aufgewachsen bin, auf unterschiedlichen Kontinenten zusammenpflücke, um in meiner Gegenwart anzukommen. Ich gehe rückwärts, um in der Gegenwart ankommen zu können.“
Viele Perspektiven auf das Unerzählte
Durch die vielen berührenden, erhellenden, sich mitunter auch in Nebensächlichkeiten verlierenden Gespräche, die Anja über einen Zeitraum von mehreren Jahren führt, kommt sie vor allem der Generation ihrer Großeltern näher. Insbesondere Sweety, deren Tod am Anfang der Recherche stand, erscheint dabei in einem völlig neuen Licht. Denn die vermeintlich ruppige Großmutter wird von ehemaligen Kolleg:innen als umgänglich und hilfsbereit beschrieben, zudem als zielstrebige Forscherin auf dem Gebiet von Nierenerkrankungen – trotz all der systematischen Diskriminierung und Ausgrenzung, die sie und weitere Familienmitglieder als Jüd:innen erfahren mussten.
In den Schlusskapiteln des Romans mit dem ebenso langen wie schönen Titel „Fühlen Sie sich wie zu Hause, aber vergessen Sie dabei nicht, dass Sie zu Gast sind“ kehrt die Erzählerin gewissermaßen zum Anfang zurück und widmet sich erneut allgemeineren Fragen und Reflexionen. Ein wenig gerät sie dabei ins Straucheln und kann sich nicht so recht entscheiden, wie sie aus ihrem Text aussteigen soll, der gegen Ende immer mehr zerfasert. Trotz dieser Unsicherheiten im Schlussteil ist Anna Schapiro ein anregender, unbedingt lesenswerter Debütroman gelungen.


















