Rachel Cockerell: "Melting Point"

Weltgeschichte in Zitaten

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Buchcover des Sachbuchs „Melting Point. Suche nach dem Gelobten Land“ von Rachel Cockerel zeigt ringförmig übereinandergelegte Fotografien, eine Karte sowie in gekrümmter Schrift den Titel und den Namen der Autorin.
© Die Andere Bibliothek

Rachel Cockerell

Übersetzt von Nina Frey und Cornelius Reiber

Melting Point. Suche nach dem Gelobten Land. Eine FamiliengeschichteDie Andere Bibliothek, Berlin 2025

456 Seiten

48,00 Euro

Von Sieglinde Geisel |
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In ihrem Sachbuch „Melting Point“ erzählt die britische Autorin Rachel Cockerell die Geschichte ihrer jüdischen Familie in Zitaten. Das London der 1940er-Jahre wird dabei zu einem Fenster zur Weltgeschichte.
Ursprünglich wollte Rachel Cockerell nur die Geschichte ihrer Großmutter und deren Schwester erzählen: Sonja und Fanny lebten 1940 mit ihren Ehemännern sowie den insgesamt sieben kleinen Kindern in einem großen Haus in der Mapesbury Road in London; eine der beiden wanderte nach dem Krieg mit ihrer Familie ins neu gegründete Israel aus.
In ihren ersten Entwürfen habe sie diese Geschichte in ihrer eigenen Stimme erzählt, angereichert mit Zitaten, so die Autorin im Vorwort. Doch dann gingen ihr ihre eigenen Passagen zusehends auf die Nerven. Bis sie beschloss, ausschließlich die Protagonisten und Dokumente zu Wort kommen zu lassen.

Zitat-Montage aus Briefen, Interviews und Artikeln

„Melting Point“ ist eine gigantische Zitat-Montage mit Sätzen aus Zeitungsartikeln, Briefen, Selbstzeugnissen und Interviews, hervorragend übersetzt von Nina Frey und Cornelius Reiber. Durch die Recherchen der Autorin verzweigte sich das Projekt in ungeahnte Richtungen, und so setzt die Geschichte im Buch nun mit dem Zionismus ein.
Wir sind hautnah dabei beim ersten zionistischen Kongress 1897 im Stadtcasino Basel, wir hören Theodor Herzl reden und lernen den heute vergessenen Theaterautor Israel Zangwill kennen, damals war er der berühmteste Jude der westlichen Welt. Die ursprüngliche Geschichte mit dem turbulenten Haus in der Mapesbury Road bildet nun nur noch den dritten Teil des Buches.
Israel Zangwill war befreundet mit David Jochelmann, dem Urgroßvater der Autorin. Jochelmann, geboren 1869 in Kiew, war nach London emigriert, nach dem Pogrom von Kischinau 1903 setzte er sich das Ziel, für die verfolgten Juden Russlands einen Zufluchtsort zu finden: wenn nicht in Palästina, dann anderswo. Unter den vielen gescheiterten Projekten fand sich etwa das Angebot der Briten einer Emigration nach „Uganda“ (dem heutigen Kenia).

Juden finden Zuflucht im Melting Pot USA

Zum Erfolg wurde hingegen, zumindest vorübergehend, die Galveston-Bewegung, ein vergessenes Kapitel der jüdischen Geschichte, das Rachel Cockerell zum Leben erweckt. Von 1907 bis 1914 wurde das texanische Galveston zum Ankunftsort von 10.000 russischen Juden. Sie sollten ins Landesinnere der USA umgelenkt werden, um das überfüllte New York zu entlasten.
Ein entfernter Verwandter der Autorin, den es vor dem Ersten Weltkrieg nach New York verschlagen hatte, gehörte zu den Mitgründern des kurzlebigen „New Playwrights Theatre“ in der Lower East Side. Das Einzelschicksal ist bei Cockerell nur ein Sprungbrett für die Debatten der betreffenden Zeit, so findet man sich wieder in einem Amerika, das sich Anfang des 20. Jahrhunderts als Melting Pot zu verstehen begann, ein Begriff, den Israel Zangwill 1908 in einem Theaterstück erfunden hatte, zur Begeisterung von Theodore Roosevelt.
Die gegenwärtige brutale Hetze gegen Migranten in den USA verleiht diesen Kapiteln eine verstörende Aktualität, ebenso wie die Kontroversen im Vorfeld der Gründung Israels: Was heute im Nahen Osten geschieht, bestätigt die damaligen Bedenken und Warnungen aufs Schrecklichste.

Ängste und Hoffnungen einer jüdischen Familie

Die Erzählung in Zitaten bietet Einsichten, die kein konventionelles Sachbuch zu bieten hat. Denn das, woraus Geschichte gemacht ist, liegt hier offen zutage: politische Widersprüche und emotionale Leidenschaften, Sachzwänge und Zufälle, Ängste und Hoffnungen aller Beteiligten. Die Materie ist komplex, doch der perfekt komponierte Kontrapunkt der Stimmen entwickelt einen Sog, dem man kaum widerstehen kann.
Im Untertitel heißt es bescheiden „eine Familiengeschichte“, doch in Wahrheit ist dieses Buch ein herausragender Beitrag zur Migrationsgeschichte. Nach der Lektüre ist man weit gereist, hat viel erlebt – und versteht die Welt ein wenig besser.
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