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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.12.2019

Alexa Hennig von Lange und Peter Stamm Wie schreibt man heute eine Weihnachtsgeschichte?

Alexa Hennig von Lange und Peter Stamm im Gespräch mit Andrea Gerk

Porträts von Peter Stamm und Alexa Henning von Lange. (imago/Holger John & picture alliance/dpa/Arno Burgi)
Bei ihren Weihnachtsgeschichten haben Peter Stamm und Alexa Hennig von Lange sich der Liebe und dem Frieden verschrieben. (imago/Holger John & picture alliance/dpa/Arno Burgi)

An Weihnachten geht es um eine Botschaft des Friedens und Menschen, die zusammenkommen. Diese Konstellation bildet bei Alexa Hennig von Lange und Peter Stamm die Kulisse – und stellt sie als Autoren vor besondere Herausforderungen.

In Peter Stamms Buch "Marcia aus Vermont" treibt es einen Schweizer Künstler in die eigene Vergangenheit: An einem Weihnachtsabend vor 30 Jahren traf er ein seltsames Mädchen auf den Straßen von New York, allein, und es entstand eine etwas verrückte Liebesgeschichte. Und nun begibt sich dieser Schweizer, der vor 30 Jahren in New York war, wieder auf diese Spur.

Vor zwanzig Jahren habe er schon einmal eine Weihnachtsgeschichte geschrieben, sagt der Schweizer Romancier, Theater- und Hörspielautor: "Aus dieser Geschichte habe ich eine kleine Szene genommen, als Samen für die neue Geschichte: Damals haben sich die beiden getroffen, Mann und Frau, und das ist dann nicht weitergegangen – der Mann hatte nicht genug Geld dabei. Und diesmal hat er genug Geld dabei und ich habe mich gefragt, was passiert."   

Drei Geschwister, zweigeteilt

Bei Alexa Hennig von Lange kommen drei Geschwister zusammen, die früher einmal ganz eng waren. "Sie sind natürlich zweigeteilt. Sie bestehen einmal aus ihrer Erinnerung, der sehr schönen Erinnerung an ihre Kindheit, die aus ihrer Sicht, wie sie bis heute meinen, recht undramatisch und friedlich verlaufen ist", sagt Hennig von Lange über "Die Weihnachtsgeschwister". 

"Gleichzeitig finden sie heute nicht mehr zusammen, sind sehr allein und fragen sich auch, warum diese Verbundenheit, die sie als Kinder so fraglos verspürt haben, nicht mehr da ist, wo die hin ist, und warum im Grunde jedes Wort, was der andere sagt, missverstanden wird und fehlinterpretiert wird – obwohl sie sich so gut kennen." 

Das treibt die Geschichte voran, und, so Hennig von Lange: "Im Laufe dieses Weihnachtsfests werden sie von ihren Eltern dazu gezwungen, Antworten darauf zu finden. Und plötzlich ändert sich auch noch mal die Erinnerung an die Kindheit."

Ein besondere schriftstellerische Aufgabe

Stamm und Hennig von Lange sind sich einig, dass das Weihnachtsbuch besondere Charakteristika hat, selbst wenn es nicht um eine Auseinandersetzung mit dem Fest geht. "Ich empfinde Weihnachten eher als Kulisse oder als guten Ausgangspunkt, um wieder eine neue Familiengeschichte, ein menschliches Drama, eine menschliche Zusammenkunft zu beschreiben", sagt Hennig von Lange. 

Stamm vergleicht Weihnachtsgeschichten mit Feriengeschichten – wobei: "Da ist man vielleicht freier – zu Weihnachten muss man schon ein bisschen eine Friedensbotschaft vermitteln."

Und Hennig von Lange pflichtet bei. "Wie Peter Stamm gesagt hat: Es ist das Fest der Liebe, also gezwungenermaßen muss es sich dann etwas runden."

Suche nach dem versöhnlichen Ende

Sowohl Alexa Hennig von Lange als auch Peter Stamm sind von ihren Verlagen gefragt worden, ob sie nicht eine Weihnachtsgeschichte schreiben wollten. Die Autorin sagt, sie habe sich selber gewundert ob der Anfrage, ein Weihnachtsbuch zu schreiben: 

Normalerweise ende sie bei ihren Geschichten immer an einer Stelle und der Leser müsse dann die Restarbeit leisten und sich fragen: Möchte ich tatsächlich so leben wie die Protagonisten in dem Buch? Oder möchte ich es anders tun? Und wie sähe das anders aus?

Bei einer Weihnachtsgeschichte sei das nicht möglich gewesen: "In diesem Fall war ich gezwungen, ein versöhnliches Ende hinzuzaubern – und das war für mich im Grunde die Herausforderung – weil es eben ein Weihnachtsbuch ist. Aber zuerst ist Weihnachten für mich eine Zusammenkunft von Menschen, die miteinander noch etwas auszuhandeln haben. Für mich war es selbst spannend, wie und ob ich dann doch zu diesem versöhnlichen Ende komme."

Weihnachtsoratorium im Frühling

Einen Nebeneffekt habe die Arbeit am Weihnachtsbuch allerdings gehabt, sagt Hennig von Lange. Für das Schreiben habe sie im Frühling Kerzen angezündet und das Weihnachtsoratorium gehört – und sei so in eine unheimlich besinnliche Stimmung gekommen. "Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich in den letzten zwanzig Jahren nie so entspannt auf Weihnachten zugeschritten bin, weil ich das Gefühl habe, es ist bereits alles erledigt."

(mfu)

Alexa Hennig von Lange: "Die Weihnachtsgeschwister"
DuMont, Köln 2019
160 Seiten, 18 Euro

Peter Stamm: "Marcia aus Vermont: Eine Weihnachtsgeschichte"
S. Fischer, Frankfurt am Main 2019
80 Seiten, 14 Euro

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