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Lesart | Beitrag vom 14.04.2020

Albert Londres: „Afrika, in Ketten. Reportagen aus den Kolonien“ Willkürherrschaft mit der Peitsche

Von Eva Hepper

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Buchcover von Albert Londres' "Afrika in Ketten, Reportagen aus den Kolonien." (Die Andere Bibliothek)
Für seine Arbeit als Reporter in den Kolonien wurde Albert Londres 1928 als Lügner, Zuhälter, Verräter und Verächter Frankreichs beschimpft. (Die Andere Bibliothek)

Albert Londres Bericht über die Schreckensherrschaft in den französischen Kolonien in Afrika löste 1928 einen Skandal aus. Zeitgenossen fanden den Text unerträglich: Doch zunächst galt ihre Empörung nicht dem Unterdrückungssystem - sondern dem Überbringer der Nachricht.

Kritik war er gewohnt, doch mit dieser Beschimpfung hatte Albert Londres nicht gerechnet. Sie richtete sich gegen seine Arbeit, die als "schändliche Tat" bezeichnet wurde, und auch gegen ihn als Person: Lügner, Zuhälter, Verräter und Verächter Frankreichs – was 1928 gegen den erfahrenen Journalisten losbrach, hieße heute Shitstorm.

Tatsächlich hatte Albert Londres nur seine Arbeit gemacht. Als Reporter, der bereits aus den UdSSR, aus Indien und China berichtet hatte, war er 1928 vier Monate lang in den französischen Kolonien Afrikas unterwegs, um sich ein Bild von den Lebensumständen zu machen.

Sein Weg führte ihn Tausende von Kilometern von Dakar über Bamako und Timbuktu im Westen des Kontinents weiter in den Sudan und schließlich an den Äquator im Kongo.

Sachlich und dennoch drastisch

Noch im gleichen Jahr veröffentlichte die Tageszeitung "Le petit Parisien" seine Reportagen; kurz darauf erschien Londres’ Buch "Terre d’ébène – La traite des noirs", das bereits 1929 von Yvan Goll ins Deutsche übersetzt wurde ("Ebenholzland. Der Sklavenhandel"). Nun liegt der Text – gemeinsam mit einer zweiten Reportage aus den französischen Gefangenenlagern in Nordafrika – in einer Neuausgabe vor.

Themenschwerpunkt "Dekolonisiert euch!"

Wie der ursprüngliche Buchtitel bereits andeutet, hat Londres’ Bericht nichts gemeinsam mit der Exotik der üblichen Kolonialliteratur. Vielmehr zeichnet der 1884 in Vichy geborene Autor ein erschütterndes Bild: Die vermeintlichen Segnungen der Zivilisation erweisen sich als brutales Zwangssystem mit Arbeits-, Wehrdienst und Kopfsteuer. Die weißen Kommandanten entpuppen sich als geldgierige und grausame Draufgänger, deren Willkürherrschaft mit der Peitsche durchgesetzt wird.

Projekte, wie etwa der Bau der Kongo-Ozean-Bahn, fordern Tausende Tode. Schwarze werden als reines Material gesehen, als Sklaven gehalten, verkauft, zugrunde gerichtet und in Massengräbern verscharrt.

Das alles schildert Londres vollkommen sachlich, doch mit drastischen Worten. Die allerorts mangelnden Maschinen etwa mache der "Bananenmotor" wett, die meist nackt und mit bloßen Händen schuftenden Schwarzen. Und das französische Afrika gleiche einem Fußballplatz: Regierung und Geschäftswelt bildeten die Mannschaften, der Schwarze sei der Fußball.

Aufschrei der Empörung

Die Zeitgenossen fanden diesen radikalen Zustandsbericht unerträglich. Doch zunächst galt ihre Empörung nicht dem skandalösen Unterdrückungssystem, sondern dem Überbringer der Nachricht, wie Irene Albers und Wolfgang Struck in ihrem ausgezeichneten Nachwort beschreiben.

Darin ordnen sie Londres’  Reportagen kenntnisreich in die Geschichte ein und zeigen, dass sie schließlich doch Wirkung hatten und zum Umdenken zwangen.

Und nicht zuletzt belegen sie Aktualität und Bedeutung von Londres’ Arbeit für die Aufarbeitung des Kolonialismus. Noch 2005, so führen sie an, wollte Nicolas Sarkozy per Gesetz eine positive Beurteilung des französischen Kolonialismus durchsetzen. Dass es ihm nicht gelang, ist auch Albert Londres zu verdanken, der seinem Credo getreu, "die Feder in die Wunde legte".

Albert Londres: "Afrika, in Ketten. Reportagen aus den Kolonien"
Aus dem Französischen von Petra Ball und Yvan Goll
Mit einem Nachwort von Irene Albers und Wolfgang Struck
Die andere Bibliothek, Berlin 2020
376 Seiten, 44  Euro

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