Abtreibungsrecht in den USA

Sind Zyklus-Tracker gefährlich?

09:40 Minuten
Eine Frau sitzt auf einer Toilette und schaut dabei auf ihr Smartphone.
Die digitalen Spuren, die Nutzerinnen in Zyklus-Apps hinterlassen, könnten im Zusammenhang mit dem drohenden Abtreibungsverbot in den USA zur Gefahr werden. © Getty Images / iStock / Adene Sanchez
Berit Glanz im Gespräch mit Vera Linß und Marcus Richter · 14.05.2022
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Die geplante Verschärfung des Abtreibungsgesetzes in den USA hat viele aufgeschreckt. Aktivistinnen warnen nun vor der Nutzung von Zyklus-Apps. Menschen, die eine Abtreibung planen oder hatten, könnten dadurch identifiziert werden. Sind die Bedenken gerechtfertigt?
Der Oberste Gerichtshof in den USA könnte das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch in der bestehenden Form aufheben. Dies ging aus kürzlich geleakten Dokumenten hervor. Auch auf Social Media wird darüber diskutiert.
In einigen viral gehenden Tweets riefen Aktivist:innen dazu auf, Zyklus-Tracking-Apps von den Handys zu löschen. Diese könnten in Zukunft zu einer Strafverfolgung führen. Die dort gespeicherten Daten geben klare Hinweise auf Schwangerschaften, sagt auch die Publizistin Berit Glanz.

Tabuthema Zyklus-App

Solche Apps sind kein Nischenphänomen. Allerdings sprechen nur wenige darüber, dass sie solche Apps nutzen. Laut Medienberichten habe der amerikanische Marktführer Flo 100 Millionen User:innen. Vor allem für die Familienplanung werde die App eingesetzt.

„Wir wissen, dass über die Hälfte der Abtreibungen in den USA von Personen durchgeführt werden, die schon ein oder mehrere Kinder haben. Das bedeutet: Die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch, dass die ihren Zyklus schon mal in der App gecheckt haben - weil sie eben Familienplanung betrieben haben.“

Berit Glanz

Texas als konservativer Vorreiter

Die Relevanz des Themas zeige bereits das Gesetz „Senate Bill 8“, das im vergangenen Jahr in Texas verabschiedet worden ist, erklärt Berit Glanz: Es erlaubt Privatpersonen, andere zu verklagen, wenn diese bei einer Abtreibung geholfen haben, nachdem beim Embryo Herzaktivitäten festgestellt worden sind.
„In Texas gibt es jetzt das Szenario, dass man Menschen dafür anklagen kann, weil sie beispielsweise eine abtreibungswillige Person zu einer Einrichtung gefahren haben."
Der Fahranbieter Uber habe daher schon darüber nachgedacht, wie er damit umgehen soll, wenn Fahrer oder Fahrerinnen Personen zu einer Abtreibung gefahren haben.

Identifizierung per App?

Über solche Apps können auch Personen identifiziert werden, die eine Abtreibung wünschen. Das hat die US-Zeitschrift Vice vor kurzem in einer Recherche mitgeteilt. Die Redaktion habe bei der Firma SafeGraph für 160 Dollar Daten von Smartphone-Nutzer:innen gekauft, die in einer Woche "Planned Parenthood" aufgesucht haben. Die gemeinnützige Organisation berät zu Abtreibungen und führt diese auch durch.
„Für eben diese 160 Dollar konnten sie ziemlich genau sehen, wo Nutzer:innen herkamen und wo sie sich nach dem Besuch bei dieser Einrichtung hinbewegt haben.“

"Es wird immer gefährlicher"

Auch hätten die Apps ziemlich klare Hinweise darauf gegeben, wer potenziell Menschen geholfen habe, die womöglich eine Abtreibung vornehmen möchten.
„Wir haben also eine Situation, in der die Gesetze rund um Abtreibung immer restriktiver werden. Und dann wird es tatsächlich auch immer gefährlicher, wenn man digitale Spuren hinterlässt. Und das tun ziemlich viele Menschen, ohne sich genau darüber Gedanken zu machen.“
Als Reaktion auf diese Entwicklungen in den USA habe sich mittlerweile der Digital Defense Fund gegründet, sagt Berit Glanz. Die Organisation informiere darüber, wie man eine Abtreibung planen kann, ohne viele Spuren im Internet zu hinterlassen.
(jde)

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