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Tonart | Beitrag vom 23.05.2021

80. Geburtstag von Bob DylanDer Großmeister

Porträt des Musikers Bob Dylan, 7. Dezember 2020. (picture alliance / Capital Pictures)
Songs, die "größer als das Leben" sind: Bob Dylan 2020. (picture alliance / Capital Pictures)

Kaum jemand hat die Pop- und Rockmusik so beeinflusst wie Bob Dylan. Der Songpoet hat ein überragendes Werk geschaffen und sich im Laufe einer sechs Jahrzehnte dauernden Karriere immer wieder neu erfunden. Nun wird er 80 Jahre alt.

"Ohne Bob Dylan wäre alles ganz anders gewesen. Er ist für mich ein Symbol für das Beste jener Musik, die in den 60er-Jahren entstanden ist. Die Texte seiner Lieder waren damals Wegbereiter für große gesellschaftliche Veränderungen. Es gibt für mich keine ausdrucksstärkeren, mächtigeren Songtexte als die von Bob Dylan." (Joan Baez)

Der Großmeister feiert Geburtstag, auf acht lange Jahrzehnte bringt er es nun. Bob Dylan blickt auf eine beispiellose Karriere zurück. Kaum ein anderer Musiker hat so viele Hörer dazu animiert, sich mit den Songtexten auseinanderzusetzen. Die zahlreichen "Dylanologen" überall auf der Welt interpretieren jedes Wort ihres Idols.

Dylan hat seit den 1960er-Jahren knapp 40 Studioalben auf den Markt geworfen und weit über hundert Millionen Tonträger verkauft. Die Texte seiner Lieder sind nicht einfach Songtexte wie bei anderen Rockmusikern, mit Tiefgang oder eben auch nicht. Nein, sie sind Gedichte, die ihm vor ein paar Jahren den Literaturnobelpreis einbrachten.

Vom Nobelpreis ließ sich Dylan nicht erschüttern

Doch Dylan war ob der großen Ehrung nicht erschüttert, er verhielt sich wie schon oft zuvor knorrig. Er schwänzte die Zeremonie in Stockholm, seine Freundin Patti Smith ersetzte ihn und sang eines seiner Lieder.

Eines der Markenzeichen des Rockpoeten ist sein näselnder Gesang, sicherlich ein wesentlicher Grund dafür, dass manche seiner vielen Hits mehr Erfolg als Coverversion hatten. In den 1960er-Jahren landen Songs von Bob Dylan regelmäßig in den Charts - interpretiert von anderen (AUDIO). "It´s all over now, baby blue", sang van Morrison 1966 mit seiner Gruppe Them, einer der ersten Welthits aus der Feder von Bob Dylan.

Auch andere sind erfolgreich mit Dylan-Songs

Bis zum heutigen Tag sind Dylan-Songs dann kommerziell besonders erfolgreich, wenn sie nicht von Dylan gesungen werden. Mit gefälligen Arrangements bringen Popbands der 1960er- und 70er-Jahre Bobs Lieder in die Charts.

Der Dylan-Song "Quinn, the Eskimo" klingt beim Meister, als hätte er schon beim Zähneputzen mit Whiskey gegurgelt. Die englische Band Manfred Mann machte "The Mighty Quinn" daraus, und feierte einen Riesenerfolg.

Auch Dylans berühmtester Protestsong "Blowing in the wind" erreichte die Massen erst auf Umwegen. 1963 ersetzten Peter, Paul & Mary das näselnde Genöle des Erfinders durch einen kirchentagskompatiblen Chor und landeten damit auf Platz zwei der US-Charts. Selbst die harten Jungs bedienen sich bei Dylan: Guns n' Roses coverten "Knockin' on heaven's door".

Dylans Karriere begann in den frühen 1960er-Jahren. Auf seinem Debütalbum von 1962 sind 13 Songs, davon hatte er gerade mal zwei selbst geschrieben. Der Rest besteht aus Blues von Afroamerikanern wie Blind Lemon Jefferson und Traditionals. "See that my grave is kept clean", hatte Jefferson gesungen: "Tu' mir einen Gefallen, achte darauf, dass mein Grab sauber ist." Und Dylan sang es nach.

Ein weißer Sänger singt schwarze Songs - das hat ihm später den Vorwurf der kulturellen Aneignung eingetragen (AUDIO). Dylan selbst bekannte sich offen zu seinen Vorbildern:

"Ich habe Gospelshows gesehen mit Sister Rosetta Tharpe, den Dixie Hummingbirds und den Swann Silvertones. Ich habe viel von Blind Willie Johnson in Sister Rosetta Tharpe wiederentdeckt. Sie hat den Gospelblues gesungen, das hat mir sehr gefallen, dieser mitreißende Rhythmus."

Schwarze Vorbilder wie Blind Willie Johnson

Blind Willie Johnson war für ihn "der Sänger mit dem größten Tiefgang". Immer wieder hat sich Dylan bei schwarzen Vorbildern bedient, aber er hat sie auch beim Namen genannt. Und schließlich wurde er dann selbst von schwarzen Musikern gecovert.

"Dylan ist ein Picasso - dieser Überschwang, diese Tragweite, diese Aneignung der gesamten Musikgeschichte. Ich bin eher Matisse. Ich liebe Matisse, aber ich bin voller Ehrfurcht für Picasso." (Leonard Cohen)

In seinen Texten hat sich Dylan mit allem beschäftigt, was einem ein langes Leben lang so durch den Kopf gehen kann, auch die Liebe zählt natürlich dazu. Auf sein Konto gehen einige der schönsten Liebeslieder. Aber auch Anti-Liebeslieder, bei denen die adressierten Frauen nicht immer gut wegkommen (AUDIO).

Joan Baez und Bob Dylan beim Auftritt anläßlich des 'March on Washington' am 28. August 1963, mit dem berühmten "We Shall Overcome" (akg-images)Joan Baez und Bob Dylan 1963, bei einem Auftritt anlässlich des "March on Washington". (akg-images)

"I´ll keep it with mine" von 1965 ist mutmaßlich ein Liebeslied für das deutsche Model Christa Päffgen, besser bekannt unter dem Namen Nico und einer der Superstars von Andy Warhols Factory. Doch Dylan-Fans streiten noch immer darüber, ob es tatsächlich ein Liebeslied ist - fest steht nur, dass Dylan und Nico 1965 in Griechenland zusammen im Urlaub waren und dass Dylan den Song für Nico "reserviert" hat, so die inoffizielle Geschichtsschreibung.

Bob Dylan spielt sein Fender Jazz Bass mit der Mundharmonika um seinen Hals, während er sein Album 'Bringing It All Back Home' aufnimmt. 1965 in Columbia's Studio A in New York City, New York. (picture alliance / Zuma / Globe Photos) (picture alliance / Zuma / Globe Photos)"Die Stimme seiner Generation" (AUDIO): Der Journalist Stefan Aust hat zusammen mit seinem Kollegen Martin Scholz ein Buch herausgegeben, um Bob Dylan in all seinen Facetten zu zeigen: "Forever young". Zu Wort kommen unter anderem Joan Baez, Patti Smith, T. C. Boyle, Navid Kermani, Carla Bruni, Patti Smith und Suzanne Vega, aber auch Ursula von der Leyen. Dylan sei die "Stimme seiner Generation" gewesen, sagt Aust und erinnert sich an zwei Konzertbesuche, die beide nicht seinen Erwartungen entsprachen.

Mitte der 60er geht Dylan in Warhols Factory ein und aus. Dort trifft er auch Edie Segdwick, die ihn zu seinem berühmtesten Song inspiriert: Like a Rolling Stone. "'Like a Rolling Stone' richtet sich gegen die frechen, kleinen, amüsiersüchtigen Mädchen, die ihr Stück vom Kuchen schon haben", schrieb die Pop-Kritikerin Kerstin Grether. Dylan konnte die junge Frau offenbar nicht ausstehen.

Seit damals hat sich Dylan beständig gewandelt. Er ließ sich nie auf etwas festlegen und blieb damit immer interessant. Sobald sich ein öffentliches Bild von ihm festgesetzt hatte, zerstörte er es wieder, demontierte beständig die eigene Legende. Er war Blues-, Folk- und Protestsänger, Ikone der US-Bürgerrechtsbewegung, vermied aber die einfachen Wahrheiten.

Das ikonografische Poster von Milton Glaser mit der Silhouette von Bob Dylan, 1966. (akg-images / François Guénet)Ein ikonografisches Poster von Milton Glaser mit der Silhouette von Bob Dylan (1966). (akg-images / François Guénet)

Seinen Status als Folk-Idol streifte er ab, und politischer Vorkämpfer wollte er auch nicht sein. Dafür elektrifiziert er seine Gitarre und wird dafür von einem Teil seines Publikums als "Judas" beschimpft. Dylan goes Rock, und die Puristen schreien Verrat. Der Meister lässt sich nicht beirren und ist ungemein produktiv: Seine Alben von damals wie "Highway 61 Revisited" sind heute Folkrock-Schlüsselwerke.

"Heute sehe ich ihn einerseits als einen älteren Performer, der einst vom Folk zum Rock gewechselt ist. Gleichzeitig ist er für mich wie ein Großmeister, ein Zirkusdirektor, der in der Mitte von uns allen steht und immer noch versucht, uns zu motivieren, anzutreiben, für uns zu sprechen." (Pete Townshend)

Eine sechs Jahrzehnte dauernde Karriere kann nicht nur gradlinig verlaufen. Bei Dylan kommt der Knick, als er sich zum sinnsuchenden Christen wandelt, vermutlich das Kapitel in seinem Lebenswerk, auf das Dylan-Fans mit der größten Befremdung blicken. Doch auch diese Phase ist irgendwann wieder vorbei, und Dylan ist wieder da, wird unangepasst altersweise.

Seinen Legendenstatus bestätigt er alle paar Jahre mit großartigen Alben, zuletzt mit "Rough And Rowdy Ways" (2020), über das der Dylan-Experte Heinrich Detering sagt, er sei beim Hören "wie vom Donner gerührt" gewesen – so reich sei das Universum des Musikers, so neu und doch vertraut seine Songs. Mit "Murder Most Foul" landet ein 17-Minuten-Track in den Charts.

Bücher über Dylan füllen ganze Bibliotheken

Dylan ist ein Dichter, der singt, und ein Sänger, der dichtet. Über ihn sind unzählige Bücher geschrieben worden. Sie füllen ganze Bibliotheken, auch im Kino blüht die Dylanologie. Und Songs über Bob Dylan gibt es natürlich auch jede Menge, oft als Hommage, aber auch als Tritt gegen das Schienbein.

Schon der junge Syd Barrett, Gründer von Pink Floyd, arbeitete sich an Dylan ab, nicht ohne eine gewisse Ambivalenz. Barrett hat 1965 den "Bob Dylan Blues".

Auf dem schmalen Grat zwischen Bewunderung und Eifersucht wandelte ein paar Jahre später auch David Bowie:

"Hör dir das an, Robert Zimmerman,
Ich habe ein Lied für dich geschrieben
Über einen seltsamen jungen Mann namens Dylan,
mit einer Stimme aus Sand und Klebstoff."

Bowies Hommage changiert zwischen Heldenverehrung und Sarkasmus. Eindeutig negativer macht sich im selben Jahr Don MacLean über das nasale Nölen des Bob Dylan lustig und landet einen Welthit mit "American Pie".

Niemand hatte einen größeren Einfluss als Dylan

Nun, egal ob Hommage oder Schmähung: Dylan war Musikern überall auf der Welt eine künstlerische Reaktion wert. Auch im deutschsprachigen Raum. "Kein anderer Musiker hat mir einen tieferen Einblick in die amerikanische Seele gegeben", sagt BAP-Urgestein Wolfgang Niedecken. Und auch Christiane Rösinger, Blumfeld, die Goldenen Zitronen und Knarf Rellöm ließen sich von Dylans Kunst beeindrucken.

Bob Dylan, der Sänger (70) bei seinem Konzert am 18.6.2011. (IMAGO / APress) (IMAGO / APress)"Für beide Seiten ein guter Deal" (AUDIO): Im vergangenen Jahr verkaufte Bob Dylan die Autorenrechte an seinem Werk an Universal Music. Schätzungen zufolge soll der Konzern etwa 300 Millionen Dollar bezahlt haben. Der Musikökonom Peter Tschmuck ist davon überzeugt, dass sich das Geschäft für beide Seiten gelohnt hat.

Über Dylans Einfluss auf die Popmusik in den vergangenen sechs Jahrzehnten sagt der Sänger, Songwriter und Dichter Adam Green: "Bob Dylan ist bedeutend für alle Songschreiber nach ihm, weil er eine Menge verschiedener Aspekte von sich selbst in seine Songs packte. Er hat alle möglichen Gattungen versucht: vom confessional Singer/Songwriter über politische Protestsongs zu romantischer Poesie. Bei ihm findet man die Anfänge von Rap und Hip-Hop, auch Indiekultur, sogar ein bisschen Jazz. Aber auch Blues und Folk, Pop."

Soll heißen: Dylan kann, abgesehen vom Singen, irgendwie alles. Und das auf einem Qualitätslevel, der schiere Bewunderung auslösen muss. "Sein Erscheinen sollte die populäre Musik für immer verändern. Niemand sollte die Latte höher legen als Bob Dylan, niemand einen größeren Einfluss haben", schreibt die Musikzeitschrift Rolling Stone und zitiert den Meister, dessen Anspruch an sich selbst ebenfalls exorbitant hoch ist. Er wolle Songs schreiben, die "bigger than life" seien, schrieb Dylan einmal: "größer als das Leben". Das ist ihm gelungen.

Text: Klaus Walter und Asmus Heß
Audio: Klaus Walter

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