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Deutschlandrundfahrt | Beitrag vom 16.04.2017

Give peace a chance! Friedenstadt Osnabrück in Niedersachsen

Von Paul Stänner

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Türklinke mit einer Friedenstaube an der Eingangstür des Rathauses zum Westfälischen Frieden in der historischen Altstadt von Osnabrück. (picture-alliance / Reinhard Kaufhold)
Türklinke mit einer Friedenstaube an der Eingangstür des Rathauses zum Westfälischen Frieden in der historischen Altstadt von Osnabrück. (picture-alliance / Reinhard Kaufhold)

Die Stadt Osnabrück inszeniert sich als Stadt des Friedens. Weil im evangelischen Osnabrück und im katholischen Münster sich 1645 die verfeindeten Delegationen versammelten, um drei Jahre lang den Frieden zum Ende des 30-jährigen Krieges zu verhandeln.

Wir schreiben das Jahr 1517 -  Nein! Wir schreiben das Jahr 2017, es ist das 500ste Gedenkjahr der Reformation.

(Jeska:) "Ich glaube schon - das lehrt die Geschichte - dass es bei solchen Umwälzungen immer mal wieder zur gewaltsamen Auseinandersetzung kommt, und das ist sicher auch ein dunkler Schatten der Reformationsgeschichte."

Der 30-jährige Krieg, der 1648 in Münster und in Osnabrück beendet wurde, ist vermutlich der dunkelste Schatten in der Reformationsgeschichte. Das Rathaus von Osnabrück, in dessen Friedenssaal der Friede ausgehandelt worden war, beherrscht den Marktplatz, in gewisser Weise aber auch die ganze Stadt.

(Middelberg:) "Das ist der Markt hier, wir befinden uns in dem Rathaus Markt, da sehe ich gerade meinen Freund Pastor Uhlhorn, der rennt aber jetzt gerade in seine Kirche rein, das ist Scheiße…äh Entschuldigung (lacht)."

Friedensstadt - mehr als eine touristische Marketingstrategie?

1517 hat Martin Luther die Reformation ausgerufen. 100 Jahre später begann der längste und grausamste Religionskrieg der Geschichte. Und wieder 30 Jahre später wurde der Westfälische Friede ausgehandelt – im katholischen Münster und im protestantischen Osnabrück. Heute trägt Osnabrück deshalb den Namenszusatz "Friedensstadt".

Weil mich interessiert, ob das Logo "Friedensstadt" wirklich mehr ist als nur eine touristische Marketingstrategie, bin ich nach Osnabrück gefahren.

Wenn man um den Marktplatz von Osnabrück einen Kreisbogen schlägt mit einem Radius von circa 800 Metern, dann hat man schon sehr wichtige Räume ausgemacht, um zu erkunden, ob die Stadt das "Friedens"-Wort als Reklame oder als Grundidee bürgerlichen Zusammenlebens versteht. Ich habe mir ein zentral gelegenes Hotel gesucht. Hier hat 1648 die schwedische Delegation gewohnt, viel später einmal der Dalai Lama, und jetzt ich. 500 Jahre nach der Reformation, 369 Jahre nach dem Abschluss des Westfälischen Friedens.

(Schlatermund:) "Ja, Bruch - also Daniel Libeskind hat damals etwas anders geplant, der Eingangsbereich war von ihm so geplant worden, dass es ein Baukörper wäre, aber dann hat man bei den Ausschachtungen festgestellt, dass hier die alten Befestigungsanlagen zum Hegertor zum Vorschein kamen, dies Refektorium und dadurch musste der Eingangsbereich etwas geändert werden."

So ist es im Leben - wann immer man glaubt, man stelle etwas ganz und gar Neues auf die Beine, schlägt man sich mit den Resten der Vergangenheit herum. Mit Heiko Schlatermund stehe ich vor einem der spektakulärsten Gebäude in Osnabrück. Schlatermund ist Gründungsmitglied der Felix-Nussbaum-Gesellschaft, die seit Jahrzehnten daran arbeitet, Felix Nussbaum in die Öffentlichkeit zu bringen. Nussbaum war ein Osnabrücker jüdischer Maler, der von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde.

(picture alliance / dpa / Friso Gentsch)Das Felix-Nussbaum-Museum in Osnabrück (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)

Vor uns liegt der so genannte Libeskindbau. Eigentlich ist es das Felix-Nussbaum-Museum, aber weil sich diese kantige, gezackte, die üblichen Baukonventionen hinter sich lassende Architektur von Daniel Libeskind so kompromisslos von der umliegenden Nachbarschaft abhebt, spricht man in Osnabrück fast häufiger vom Libeskindbau als vom Felix-Nussbaum-Museum.

"Ich würde sagen, wir gehen ruhig mal durch das Gebäude, dann können wir einfach sehen, wie der Charakter auch von Daniel Libeskind hier wirkt."

Felix Nussbaum wurde 1904 in Osnabrück geboren. Sein Vater war Kaufmann, sein älterer Bruder Justus auch. Ohne dass ich es jetzt schon ahne, werde ich auch ihm bei meinen Recherchen in Osnabrück begegnen.

Vertreter der Neuen Sachlichkeit

Felix Nussbaum gehörte zu den Künstlern der Neuen Sachlichkeit, die versuchten, den Menschen in der modernen, immer technischer und rationaler werdenden Welt einzuordnen. Die völkischen Kreise, die es mehr mit romantisierenden Naturbildern und jugendlich-muskulösen Heldenfiguren hatten, hassten solche Malereien. 1932 schon verlor Nussbaum einen Großteil seiner Arbeiten, als in seinem Atelier Feuer gelegt wurde. Im Jahr darauf floh er nach Brüssel, tauchte unter, wurde verraten und zusammen mit seiner Ehefrau nach Ausschwitz deportiert. Wenige Wochen später war er tot.

"Und jetzt kommen wir zu dem Bild, das muss man auf sich wirken lassen, (tiefer Seufzer) da kann ich Ihnen eigentlich nichts zu sagen, weil das ist einfach für mich ein Bild, da kann man unheimlich viel entdecken."

Der "Triumph des Todes" – Nussbaum muss in der Not seines Exils das Bedürfnis gehabt haben, sich mit diesem Thema zu beschäftigten.

In Felix Nussbaums Bild sind es neun skelettdürre Tode, die in einer Ruinenlandschaft Musik machen. Die einen spielen mit Knochenfingern auf Flöten und Klarinetten, andere schlagen den Takt dazu. Am unteren Rand und im Bildhintergrund liegen die Ruinen von Kulturlandschaften aus mehreren Jahrhunderten. Deutlich wird: Der Tod in schwarzen und weißen Gewändern gewinnt das Schachspiel um das Leben - entweder es töten die weißen oder die schwarzen Tode.

Bilder, die beklemmen

Ich frage Heiko Schlatermund, der im normalen Leben in einer gewerkschaftsnahen Einrichtung Erwachsenenbildung organisiert, warum er sich für Nussbaum engagiert - war es seine Kunst oder war es das Schicksal eines Mannes, der als Jude und Künstler verfolgt wurde?

"Eigentlich beides, ich hab ja nie Kunst studiert, aber ich habe diese Bilder gesehen und fand sie von vornherein spannend, ich selber sammel auch Bilder, aber eben ganz andere, Nussbaum kann ich mir auch gar nicht leisten, aber ich hab dann damals gesagt, ich mach da mit, und seit 25 Jahren mach ich die Geschäftsführung."

Und wenn er als Kunstliebhaber diese Bilder sieht - was lösen sie aus?

"Irgendwo natürlich Betroffenheit, das ist ganz klar, weil viele Bilder sind auch beklemmend, und je tiefer man in diese Bilder einsteigt, dann bekommt man wirklich ein Gefühl für die Kraft. Ich meine, Nussbaum wird ja immer auch als Maler des Holocaust bezeichnet, aber er ist auch ein toller Künstler gewesen und er hat einfach auch schöne Bilder gemalt. Und ich hab damals gesagt, okay, das ist eine Einrichtung und aus einem bürgerschaftlichen Engagement heraus, parteiübergreifend, da versuchen wir dieses Erbe für die Stadt zu erhalten."

Auf der Suche nach Alleinstellungsmerkmalen

Abends findet eine Feier statt zum 30-jährigen Bestehen der Felix-Nussbaum-Gesellschaft. Reden werden gehalten, Musik wird gespielt. Hans-Jürgen Fip, Unternehmer und ehemaliger Oberbürgermeister von Osnabrück, erzählt die Geschichte, wie vor etlichen Jahren auf Wunsch des Rates ein Profil der Stadt erstellt werden sollte. Es gab eine Arbeitsgruppe des Rates, die in Zusammenarbeit mit professionellen Werbern versuchte, die Merkmale herauszustellen, die Osnabrück für sich allein beanspruchen kann.

Die Profi-Werber beklagten, dass Osnabrück kein weltweit berühmtes Gebäude wie den Kölner Dom habe, auch keinen Rhein vor der Tür und keinen Schwarzwald im Hintergrund. Einzig der Westfälische Friede von 1648 war ein herausragendes Momentum, das sich mit der Stadt verband, zumal Osnabrück schon ein Friedensbüro besaß. Also setzte Osnabrück auf den Frieden und wurde "Friedensstadt Osnabrück" - so wie Wittenberg die "Lutherstadt" oder Aachen die "Kaiserstadt" wurde.

Gefragte Tugenden:Konfliktbeherrschung und Kompromissfähigkeit

Der große Friedenssaal im alten Rathaus: Entlang den weißen Wänden zieht sich eine umlaufende Sitzbank aus dunklem Holz mit hohen Lehnen. Darüber sind die Wände mit zwei ordentlich gehängten Reihen gleich großer, quadratischer Porträts der Gesandten behängt, die hier in Osnabrück an den Verhandlungen zum westfälischen Frieden teilgenommen haben.

Warum hat sich Osnabrück den Beinamen "Friedensstadt" gegeben? Ich frage Sven Jürgensen. Er ist der Sprecher der Stadt, die das Wort "Friede" zu ihrem Markenzeichen erhoben hat. Im Friedenssaal blicken die Verhandlungsführer von einst auf uns herab. Sie haben damals Maßstäbe gesetzt für Konfliktbeherrschung, für Konflikteingrenzung, für Kompromissfähigkeit – das ist heute aktueller denn je.

"Wir können in der Stadt mit Erfahrungen aufwarten, die Schicksale gewesen sind, typische Schicksale, die für eine Generation oder für eine bestimmte Zeit stehen."

(Deutschlandradio / Paul Stänner)Der Friedenssaal im Rathaus von Osnabrück (Deutschlandradio / Paul Stänner)

Da kommt eine Liste zusammen: Wenige Kilometer vor Osnabrück liegt Kalkriese, der Ort, an dem wahrscheinlich die Römer unter Varus geschlagen wurden, ca. 30. 000 Tote. Wir überspringen weitere Germanenkämpfe und landen beim 30jährigen Krieg mit hunderttausenden Toten. Hexenprozesse waren nicht selten in Osnabrück. Dann der Erste Weltkrieg  - hier steht der Schriftsteller Erich Maria Remarque als Friedenszeuge. Nazizeit und Judenvernichtung - Felix Nussbaum ist der Zeuge, aber auch Hans Calmeyer, zu dem kommen wir noch. Auf jeden Fall: Viel Stoff für eine Friedensstadt.

"Das zu zeigen und zu erklären, den jüngeren Menschen zu zeigen, das ist glaube ich ein Auftrag, mit dem man in die Welt gehen muss, in die heutige Zeit gehen muss, wofür man sich sehr anstrengen muss, weil es sicherlich einfachere Themen gibt - und dafür steht Osnabrück. Dass sie das auch vermarkten müssen, dass sie daraus Reiseangebote machen müssen, dass sie touristische Angebote, Kulturangebote schaffen müssen, versteht sich von selbst."

Heute gehört das Schlossgebäude zur Universität

Wir sind im Reformationsjahr. 500 Jahre Reformation, die einen der blutigsten und zählebigsten Kriege heraufbeschworen hat, den die Geschichte kennt. Mit Joachim Jeska - er ist seit einem halben Jahr Superintendent in Osnabrück - bin ich auf dem Weg zum Schloss. Heute ist das leuchtend gelbe Ensemble ein Teil der Universität. Allerhand bunt verkleidete Intellektuelle haben sich im Frühlingssonnenschein versammelt, trinken Bier und feiern - ich weiß nicht was. Den nahenden Sommer vielleicht? Bildungsprivilegien?

(Jeska:) "Das Schloss in Osnabrück, vor 450 Jahren ist der Grundstein gelegt worden, ist Sitz des Fürstbischofs von Osnabrück gewesen seit dem 17. Jahrhundert. Und hier residierte also alternierend ein lutherischer und dann ein katholischer Bischof. Von daher wurden also die Geschicke, auch die religiösen Geschicke von hier gesteuert."

(Autor:) "Ich führe Sie jetzt in die Enge, Sie können mir gar nicht widersprechen, weil ich die Information der offiziellen Broschüre entnehme, die von Ihnen herausgegeben wurde: Ein wesentliches Motiv, die Religion zu wechseln von katholisch auf protestantisch war ja wohl schlichtweg , dass man drei Klöster enteignen konnte und hatte viel Geld, was man wieder ausgeben konnte, also doch eher eines der niederen Motive."

(Jeska:) "Man soll es nicht zu klein veranschlagen, diese machtpolitischen Aspekte der Reformationsgeschichte, die wirtschaftlichen Aspekte, die finanziellen Aspekte, das muss man immer in Anschlag bringen. Aber ich würde sagen, es hat sehr damit zu tun, was das Volk für eine Haltung einnimmt, schließlich war dann hier das Volk, das den Ausschlag gegeben hat und den Rat der Stadt überzeugt hat und der Rat hat dann hier wirklich umgeschwenkt. Nach 1648 hat man sich dazu entschieden, dass der Bischofssitz hier von einem Lutheraner besetzt wird, und wenn der abdankt oder stirbt, von einem Katholiken und wieder von einem Lutheraner, das Spiel ging drei Mal hin und her bis 1802, also wir haben drei lutherische und drei katholische Fürstbischöfe in Osnabrück gehabt."

(Autor:) "Wollen wir mal reingehen?"

Mehr als nur ein Label: die Kunst miteinander im Gespräch zu bleiben

Die äußerliche Schönheit des Schlossensembles aus vergangenen Zeiten weicht im Inneren der modernen Allerweltsnützlichkeit eines Uni-Gebäudes mit Cafeteria links, Stehtischen im Foyer in der Mitte und Mehrzweckversammlungssaal rechts. Wir nehmen den Mehrzweckversammlungssaal, da ist es ruhig.

(Autor:) "In Osnabrück hat es dann diese sehr liberale und komfortable Regelung gegeben mit den alternierenden Bischöfen, hat das sozusagen von vornherein einen Zeitgeist kreiert, auf dem Osnabrück dann wachsen konnte?"

(Jeska:) "Ja! Das spüre ich sehr deutlich, also dieser Sinn dafür, dass man miteinander im Gespräch ist und dass man den anderen hört. Also, das ist nicht nur ein Label, das steht nicht nur auf dem Stadtschild an den großen Ausfallstraßen, sondern das ist hier tatsächlich Programm und das kann ich an vielen Stellen wieder erkennen bis hin in Diskussionen mit Menschen auf der Straße."

Auf meinem Programm steht Abigail Mathew. Abigail…

"Ääääh, Sie können mich ruhig duzen."

(Autor:) Danke!

Abigail, jetzt 14 Jahre alt, geht auf das Ratsgymnasium von Osnabrück. Zusammen mit zwei Freunden hat sie einen Film gedreht über ihren Uropa.

"Mein Uropa Wilhelm Hellmeister, der war in der Familie immer so der Held, alle habe ihn so als Helden abgestempelt, sag ich mal, mein Vater selber hat seinen Opa nicht mehr kennengelernt, es wurde schon über ihn gesprochen, alle haben ihn so beheiligt."

Fluchthelfer für verfolgte Juden

Der heiligmäßige Uropa Hellmeister arbeitete für die Eisenhandelsgesellschaft Gossels&Nussbaum. Justus Nussbaum, einer der Teilhaber, war der Bruder des Malers Felix Nussbaum. Als dessen Schicksal in der Schule besprochen wurde, erzählte Abigail die Geschichte, die sie über ihrem Uropa gehört hatte.

"Er war lange Zeit arbeitslos und er hat dann Arbeit gefunden bei den Juden Gossels &Nussbaum und Gossels und Nussbaum wollten nach Holland fliehen. Und er und sein Arbeitskollege Friedrich Niehüser haben den beiden dann bei der Flucht geholfen. Und dann ist mein Uropa auch noch in den Krieg gekommen und hat sich dort auch eine Bleivergiftung zugezogen und ist deswegen auch ziemlich früh gestorben mit 53 Jahren."

Aber zuvor half er seinen beiden Arbeitgebern Alfred Gossels und Justus Nussbaum bei ihrer Flucht nach Holland. Daraus sollte ein Referat werden, um zu schauen, ob die Taten des Uropas wirklich Heldentaten waren.

"Die Flucht wurde schon zwei Jahre zuvor geplant, in Amsterdam gab es schon eine Firma, die sie gründen wollten mit einem dritten Teilhaber namens Paul Jonas und mein Uropa und Friedrich Niehüser waren bei Flucht behilflich und haben die Fahrten gemacht von Osnabrück nach Amsterdam und ja…. Sie haben Möbel transportiert, Gemälde transportiert, Schmuck und..."

(Deutschlandradio / Karl-Heinz Jansen)Reporter Paul Stänner mit der 14-jährigen Abigail Mathew. (Deutschlandradio / Karl-Heinz Jansen)

Abigail entschied sich dazu, statt eines Referats lieber ihren ersten Film zu machen. Und was für ein Film: Es wurden Zeitzeugen gesucht und interviewt. Zunächst in Osnabrück, dann auch in Amsterdam.

Eine 13-Jährige als Regisseurin

Für die Spielszenen wurden Darsteller unter den Freunden gesucht, gelegentlich wurde auch der Nachbar von der Straße weg gecastet. Es mussten Kostüme gefunden werden, aber es gab kein Budget für den Kostümverleih. Mit ihren 13 Jahren muss die Produzentin, Regisseurin und Moderatorin Abigail Mathew ziemlich überzeugend gewirkt haben, immerhin stellte ein Automuseum ohne zu Zögern einen kostbaren Oldtimer zur Verfügung, der im Film über historisches Kopfsteinpflaster rumpelt, so dass es jeden Autoliebhaber in der Seele schmerzt.

Die Sache lag ihr am Herzen, schließlich ging es um den Uropa und seine Fluchthelfergeschichte, die zwei Juden rettete. Vorerst  - unglücklicherweise wurden Alfred Gossels und Justus Nussbaum in Holland von den Nazis gefasst und ermordet.

35 Stunden Material wurden aufgenommen und auf 94 Minuten eingedampft. Die Anerkennung kam zögerlich.

"Am Anfang waren meine Freundinnen oder meine Schulkameraden nicht so wirklich interessiert, ich schätze auch, dass es an dem Thema lag, aber als sie den Film dann gesehen haben, waren sie doch ziemlich begeistert und haben mich auch dafür gelobt - ja!"

Die Lage - erzählt Abigail - hat sich gewandelt. In Osnabrück wurde der Film schon mehrfach vorgeführt, aus anderen Städten liegen Anfragen vor. Und jetzt kann sie auch selbstsicher wie ein Profi aufzählen:

"Also, wir haben Anfragen aus Boston, aus L.A., aus Amsterdam, auch aus London, aber die Anfragen sind alle noch offen."

… noch offen, weil erst die englische Fassung fertig gestellt werden muss, nach der die Festivals entscheiden, ob sie den Film einladen werden.

Prominenter Osnabrücker: Erich Maria Remarque

Ich suche weiter nach der "Friedensstadt". Erich Maria Remarque ist schon genannt worden, endlich mal ein deutscher Autor mit Weltgeltung. Remarque war ein Mann von Kultur, Geschmack und Geld.

Vermutlich ohne sein Einverständnis, aber nicht gegen seinen Geschmack ist das teuerste Hotel am Platz nach Erich Maria Remarque benannt. Das Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum in unmittelbarer Nachbarschaft zum Friedenssaal ist da schon etwas bescheidener untergekommen.

Die Dauerausstellung trägt den Titel "Unabhängigkeit - Toleranz - Humor" und schildert das Leben Remarques. In einzelnen Stationen sind seine Schulzeit in Osnabrück belegt, seine Militärzeit und der Lazarettaufenthalt, die Etappen seiner journalistischen Karriere.

Remarque hatte den Ersten Weltkrieg verwundet überlebt und seine Erfahrungen in wenigen Wochen in einem Roman niedergeschrieben. "Im Westen nichts Neues" war ein Welterfolg.

"Remarque thematisiert zwar Aspekte der deutschen und europäischen Geschichte, aber sein Schwerpunkt liegt auf dem Schicksal von Individuen. Er beschreibt nicht die große Geschichte oder die Geschichte, die durch die angeblich 'große' gemacht wird, sondern er schreibt von unten."

Sagt Thomas Schneider, Germanist und Leiter des Friedenszentrums, das aus einer lichten Ausstellungsfläche besteht und Arbeitsräumen im Halb-Souterrain, in dem wir jetzt sitzen.

"Und die Probleme, wie er sagt, die sich dort auftun, sind zu allen Zeiten gleich bezogen auf das Kriegserlebnis beispielsweise, oder eben auch ein sehr starkes und im Vordergrund stehendes Thema bei Remarque ist, ist die Flucht."

1938 von den Nazionalsozialisten ausgebürgert

Die Nazis hassten Remarque - sie wollten Krieg, er schrieb über dessen Gräuel. Das störte ihre Propaganda. 1938 wurde Remarque ausgebürgert.

"Die Flucht bei ihm vor den Nationalsozialisten, aber die Probleme, die sich damit auftun in Hinblick auf Identität, auf die Beschaffung von Pässen, Aufenthaltsgenehmigungen und ähnliche Dinge, das hat sich bis auf den heutigen Tag nicht geändert. Und das ist die große Chance, die Remarque bietet, auf gegenwärtige und aktuelle Probleme auch eingehen zu können."

Remarque floh und wurde nach dem Krieg amerikanischer Staatsbürger. Er war wohlhabend und bewegte sich in der Gesellschaft schöner Filmdiven und bedeutender Stars. Ein eleganter Weltbürger - wollte man den zurück haben im Nach-Nazi-Deutschland?

Er hätte wieder deutscher Staatsbürger werden können. Dazu, so wurde ihm beschieden, müsse er seine amerikanische Staatsbürgerschaft ablegen und um Aufnahme in die deutsche Staatsbürgerschaft ersuchen.

Remarque antwortete, er habe auch nicht um den Verlust der deutschen Staatsbürgerschaft ersucht, also werde er auch nicht um deren Wiedergewinnung ersuchen. Damit war für ihn die Sache erledigt.

Die Wiederannäherung des Autors und seiner Heimatstadt geschah mit großer Vorsicht.

"Das Verhältnis zwischen Remarques Heimatstadt Osnabrück und ihm selbst spiegelt eigentlich die Betrachtung Remarques in der Bundesrepublik bis Ende der 60er-Jahre, die geprägt war von Ressentiments, von Abwehrhaltung, von dem Vorwurf, ein Nestbeschmutzer zu sein und ein Vaterlandsverräter, und das spiegelt sich auch in den Osnabrücker Reaktionen. Es gab hier in Osnabrück Menschen, die Remarque persönlich kannten und sich dafür eingesetzt haben, dass er sozusagen zurückgeholt wird, auch als bedeutender Sohn der Stadt anerkannt wird, aber dafür gab es in den 60er- und 70er-Jahren keine Mehrheit."

Seit 1991 gibt es einen Friedenspreis nach Remarque

Seit 1991 verleiht Osnabrück einen Friedenspreis nach Erich Maria Remarque. Da war der Schriftsteller schon 21 Jahre tot. Dennoch – davon ist Thomas Schneider überzeugt – haben Erfahrungen wie diese die Stadt geprägt. 

"Ich denke, dass der Name "Friedensstadt" Osnabrück unmittelbare Folgen hat für das Miteinanderleben der Menschen in dieser Stadt und für das Eintreten und für Toleranz. So haben wir beispielsweise hier in dem Friedenszentrum eine Ausstellung gezeigt zum Israel-Palästina-Konflikt und zwar aus palästinensischer Sicht und es ist uns gelungen, sowohl die christlich-jüdische als eben auch die palästinensische Seite zu einem Dialog zusammen zu bekommen."

Thema der Ausstellung war seinerzeit die Gründung des Staates Israel und die damit verbundene Vertreibung von circa 700.000 Palästinensern aus ihren Wohnungen und Siedlungsgebieten, die so genannte Nakba. Für beide Seiten ein äußerst sensibles Thema.

"Und das ist in meinen Augen ein Beispiel dafür, dass dieser Name 'Friedensstadt Osnabrück' tatsächlich auch Konsequenzen auch für das Miteinander dieser Kommune hat."

Eine Drei-Religionen-Schule des Bistums

Die 3-Religionen-Schule ist ein schmuckloses Flachdachgebäude im Stil der 1970er Jahre am Rande der Altstadt. In der Nähe schrieb in einem hübschen Palais namens Haus Hoberg Erich Maria Remarque seinen Roman "Der Weg zurück". Im Sockel neben der Schultür findet sich noch ein gravierter Stein, der wohl zum Vorgängerbau gehörte, mit der Inschrift Katholische Johannisgrundschule von 1903.

Drinnen erwartet mich Birgit Jöring, die Leiterin der Schule.

Die Drei-Religionen-Grundschule entstand innerhalb der katholischen Schulstiftung des Bistums Osnabrück. Ich betrachte meine eigene katholische Vergangenheit, erinnere mich, wie hemmungslos verächtlich noch in den 1970er Jahren über die evangelischen Anti-Christen gesprochen wurde, wie dogmatisch gewettert wurde, dass eine katholisch-evangelische Mischehe nur dann geduldet werden könne, wenn alle Kinder ausnahmslos katholisch großgezogen werden. Und  ich sehe nun zu meinem Erstaunen, dass die katholische Kirche eine Schule einrichtet, in der Muslime und Juden mit Christen zusammen aufwachsen: Ich will nicht so weit gehen, das für einen Gottesbeweis oder auch nur für ein Wunder zu halten, aber es kommt beidem schon auffällig nahe.

Mit Birgit Jöring bin ich beim Thema Schulstiftung im Bistum Osnabrück:

"Und dort ist dann die Idee entstanden zu prüfen, woher kommen die Eltern, welcher Religion gehören die Menschen an, die hier im Umfeld der Schule leben und dann wurde die Idee geboren, dass man eine Schule macht  für die Menschen, die hier im Umkreis leben. Das sind nicht nur katholischen und evangelischen Christen, sondern auch viele Muslime und dadurch, dass das Bistum sowieso eine sehr enge Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde hier hat wie auch mit den muslimischen Gemeinden, ist es eben dazu gekommen, dass dort Gespräche geführt wurden, dass es eben eine Schule für Juden, Christen und Muslime wird."

Jeder soll seine Religion ausleben dürfen

Das Schulgebäude ist hell, pragmatisch und recht hallig, was die Schülerinnen und Schüler gut zu nutzen verstehen, will sagen: Für mein unvorbereitetes Trommelfell ist die Geräuschkulisse in der Turnhalle eine brutale Herausforderung.

Die Kinder spielen Völkerball, einer hat einen Ball in der Hand und muss damit einen seiner Mitschüler, die kreuz und quer durch die Halle rennen, treffen. "Abschießen" nannten wir das früher. Wenig friedvoll. Die Aufregung ist groß, das Geschrei ebenfalls und die geschmeidige Geschicklichkeit der Kinder, wie sie dem Ball ausweichen, ist schlicht bewundernswert. Sie scheinen sich sogar noch verständigen zu können, obwohl ich nicht erkennen kann, wie sie das tun.

Im Regelfall, argumentiere ich, scheinen überkonfessionelle Schulen doch immer so zu tun, als gäbe es keine Religion, und versuchen, jedes religiöse Symbol aus dem Unterricht auszuschließen. Und hier?

"Für uns ist es eben genau umgekehrt so, dass wir nicht möchten, dass wir alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduzieren, sondern dass jeder seine Religion so leben kann, wie er es für richtig hält. Es ist bei uns auch möglich, als es in andern Schulen in Niedersachsen noch gar nicht erlaubt war, mit Kopftuch zu unterrichten. Aber auch der jüdische Kollege kann eine Kippa tragen, wenn er möchte, also Glaubenssymbole der eigenen Religion sind bei uns durchaus erwünscht. "

Glaubenssymbole erwünscht

Wir reden von Kindern im Grundschulalter, die sich für religiöse Überzeugungen, liturgische Dogmen und komplexe erlösungstheologische Narrative nicht übermäßig interessieren. Aber sie lernen, miteinander auszukommen - und da ist die Frage der Süßigkeiten, die alle ohne Reue teilen dürfen und die Frage, wer wann einen Feiertag hat, viel wichtiger.

In dieser Schule, die in Deutschland bislang einzigartig ist, müssen sich alle Kinder für den Religionsunterricht anmelden. Eine Befreiung davon gibt es nicht, aber einmal kann man den Unterricht wechseln. Mehr wird nicht gewünscht, um das Stoff-Hopping zu vermeiden.

"Wir haben diese Schule damals ins Leben gerufen, weil wir davon ausgehen, dass die Gesellschaft nicht religionslos sein wird. Wir gehen davon aus, dass die Religionen weiterhin ihren besonderen Stellenwert haben im täglichen Miteinander und im Umgang der Menschen miteinander. Ich denke, dass viele Eltern, die hier diese Schule auswählen, möchten, dass ihre Kinder eben auch in einer Art und Weise miteinander umgehen lernen, in einer toleranten und den anderen akzeptierenden Weise und wertschätzenden Weise, dass man unter Umständen eine andere Religion hat aber auch stehen lassen kann, dass man unterschiedlicher Ansicht sein kann, aber auch sich darüber angemessen austauschen kann."

(Deutschlandradio Kultur / Paul Stänner)Der Politiker Mathias Middelberg (Deutschlandradio Kultur / Paul Stänner)

Ich stehe auf der Straße. Zusammen mit Mathias Middelberg. Middelberg ist Osnabrücker, Jurist, Bundestagsabgeordneter der CDU und Biograf von Hans Calmeyer.

Um mal eben zusagen, wo wir hier sind, das ist die Westseite des Erich Maria Remarque…

"Das ist der Markt hier, wir befinden uns in dem Rathaus Markt, da sehe ich gerade meinen Freund Pastor Uhlhorn, der rennt aber jetzt gerade in seine Kirche rein, das ist Scheiße…äh Entschuldigung." (lacht).

Der Pastor ist verschwunden, das macht nichts, ich hatte schon mit seinem Superintendent gesprochen. Wir betreten das Cafe Leysieffer, die Stammzelle einer mittlerweile bekannten Edelkuchenkette, von dem gesagt wird, Hans Calmeyer habe hier häufiger gesessen, Kaffee getrunken, seine vielen Zeitungen gelesen. Hans Calmeyer, der Mann im Widerstand. Wie hat Mathias Middelberg sein Interesse an Calmeyer gefunden?

"Das war eine Mischung aus Interesse und Verlegenheit. Einerseits bin ich sowieso historisch sehr interessiert und so bin ich eben auf dieses Thema Calmeyer, was heiß diskutiert wurde, aufmerksam geworden, ist er wirklich ein Guter, ist er ein Retter oder ist er einer, der letzten Endes mitgeschwommen ist."

Entscheidung gegen den Rassewahn

Am Ende standen eine Promotion und eine Biographie. Hans Calmeyer war ein Jurist aus Osnabrück, der während der Nazi-Besetzung in Holland stationiert war. Calmeyer war so genannter Rassereferent, das heißt, in seiner Verwaltung wurde entschieden, ob jemand Jude war oder nicht. In der Rassenverfolgung der Nazis war dies die Entscheidung über Leben und Tod. Calmeyer entschied gegen den Rassewahn der Machthaber auf Leben.

"Ich glaube, er war immer so eingestellt, dass er nachdenklich wurde, wenn gewissermaßen alle in die eine Richtung marschiert sind, das hat ihn, glaub' ich unruhig gemacht. Viele Zeitzeugen beschreiben ihn immer so als leidenschaftlichen Oppositionellen, also er hat immer gern die Gegenpartei eingenommen, wenn wahrscheinlich alle am Tisch 'a' gesagt haben, hat er einfach 'b' gesagt, weil er meinte, irgendjemand müsse auch mal die andere Position einnehmen. So würde ich ihn vielleicht einschätzen. Und er war glaub ich in einem politischen Sinne ein Liberaler, ein Freidenker, der sich auch nicht festlegen wollte."

In Holland wurde Calmeyer ab 1941 mit Verwaltungsaufgaben zu Rassefragen betraut. Personen, die als Juden galten, konnten beantragen, dass ihnen der Status als Jude genommen wurde oder dass sie in eine günstigere Klasse innerhalb des Rassensystems eingestuft wurden, weil sie angeblich - und hier wurde es trickreich - keine Juden waren. Behördenchef Calmeyer wurde in jüdischen Kreisen bald dafür bekannt, dass er äußerst günstig urteilte. Das Wort von den Calmeyer-Juden machte heimlich die Runde, Juden, aus denen Calmeyer Arier gemacht hatte.

"Ich glaube, aus dem, was ich gelesen habe, was er selber auch geäußert hat, war er auch zutiefst von der Bedeutung des Rechts überzeugt. Er hat auch gesprochen über das zertretene Recht, das den Nazis diesen Aufstieg ermöglicht hat. Er hat das Recht und den Schutz der Schwachen und der Minderheiten durch das Recht als sehr wichtig eingeschätzt, also dass es gewissermaßen den Menschen gelungen ist, die Herrschaft des Stärkeren durch das Recht einzuschränken und zu bändigen und von daher hat er sich auch in einem tieferen Sinne als einen wirklichen Anwalt verstanden."

Von den gut 100.000 Anträgen, die in den Niederlanden gestellt worden waren, um als Nicht-Juden anerkannt zu werden, sind ca. 7000 in Calmeyers kleiner Behörde bearbeitet worden. Ungefähr zwei Drittel davon hat Calmeyer positiv entschieden, mehrere Tausend Juden wurden gerettet.

Späte Anerkennung eines "Gerechten"

Nach dem Krieg sprach Calmeyer nicht über seine Aktionen. Die Zeiten waren nicht so. Leute, die nicht im braunen Strom geschwommen waren, wurden von der Mehrheitsgesellschaft als arrogante Besserwisser angesehen. Erst in den 70er Jahren - Calmeyer war 1972 verstorben - konnte man offen sprechen. Mitte der 90er Jahre wurde Calmeyer als "Gerechter unter den Völkern" in der Gedenkstätte Yad Vashem geehrt.

"Es wäre schön, wenn es mehr interessiert, weil ich glaube, dass der Calmeyer schon ein symbolisches Schulungsobjekt ist für die Frage: Lohnt es sich, für Demokratie einzutreten? Lohnt es sich für Rechtsstaat einzutreten? Welche Bedeutung spielt die Freiheit? Also alles das, was gerade angesichts der aktuellen politischen Lage, die uns so umgibt, Fragen sind, die uns wieder beschäftigen und wieder beschäftigen müssen, all das sind Fragen, die man brillant erklären kann an einem Hans Calmeyer."

Damit ginge das Thema Calmeyer weit über die Friedensstadt Osnabrück hinaus. Und wie ist es für Mathias Middelberg, Bundestagsabgeordneter der CDU, persönlich? Wäre Hans Calmeyer für ihn ein Vorbild? Nicht als Politiker, sagt Middelberg: "Das würde ich jetzt nicht sagen, aber gerade als Jurist hat er eine Vorbildfunktion, das würde ich schon sagen."

Wirkliches Multikulti

Erci Bakircioglu kommt direkt von der Autobahn. Wir treffen uns in meinem Hotel im Zentrum von Osnabrück, wo vor mehreren hundert Jahren die Schweden gewohnt haben bei den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden. Herr Bakircioglu ist etwas über dreißig und Vertriebsleiter in der IT-Branche. Er ist Moslem und seine Frau ist Muslima und natürlich auch die beiden siebenjährigen Zwillinge. Ihre Kinder hatten schon einen multikulturellen Kindergarten besucht, als sie über eine Schule für sie nachdachten.

"Diskussion gab´s eigentlich nicht, eher im Gegenteil. Es war in beider Einvernehmen hätte ich beinahe gesagt. Wir hatten beide die Ambition, die Kinder auf die entsprechende Schule zu schicken und wie das zustande kam, das war durch ein anderes Ehepaar, was wir flüchtig kennen, die ihren Sohn auf der Schule haben, … und dadurch ist dann die Idee entstanden. Wir haben uns sehr ausgiebig informiert, auch Vergleiche gezogen mit anderen Schulen, weil unsere Kinder auch auf einer Ganztagsschule dort sind, die werden ganztags betreut, und ohne zu zögern, nach den Informationen die wir bekommen haben, haben wir uns entschlossen, die Kinder da auf die Schule zu schicken."

Integration in die Gesellschaft, in der man lebt und in der auch die Kinder leben werden, war ein Motiv, ein anderes, sagt Herr Bakircioglu, war in die Zukunft gedacht.

"Weil wir auch der Meinung sind, dass Europa in dem Sinne, dass die jeweiligen Länder, sei es Deutschland oder auch andere Länder, dass es die in der Form, wie man sie vor 70-80 Jahren gekannt hat, dass die Mehrzahl der entsprechenden Nationalitäten in dem Land wohnen, da sind wir der festen Überzeugung, dass es das in der Form nicht mehr geben wird, also es wird einfach ein wirkliches multikulti sein und da wollten wir, dass die Kinder auch entsprechend andere Kulturen, Religionen, aber auch Nationalitäten kennen lernen."

Drei Religionen an den Schulen

Da sind wir bei einer der heikelsten Fragen für die Zukunft Deutschlands und Europas: Wie völkisch einheitlich werden die Nationalstaaten der Zukunft sein? Und: Gibt es das überhaupt, dieses völkisch Einheitliche, das die Populisten immer behaupten? Die Zwillinge werden in unruhige Zeiten hineinwachsen. Die Schule in Osnabrück unterrichtet Kinder aus drei Religionen, und da würde mich interessieren: Haben die gläubigen Eltern nicht das Gefühl, sie müssten auf etwas verzichten, wenn ihre Kinder zusammen mit anderen Religionen unterrichtet werden statt in einer Schule mit nur einer Religion?

"Verzicht wäre es tatsächlich, wenn wir die Kinder auf eine "normale" in Anführungsstrichen Schule geschickt hätten, weil dann würden die Kinder darauf verzichten, wie sind die anderen Religionen! In dem Sinne, wie ist die christliche Religion, wie ist die jüdische? Das ist kein Verzicht, das ist im Gegenteil ein Mehrwert."

Herr Bakircioglu erzählt, er sei nahe Osnabrück geboren und aufgewachsen. In der "Friedensstadt", und da muss ich natürlich nachfragen: Wie beurteilt er diese Einordnung, die sich die Stadt gegeben hat?   

"Mit dem Projekt zeigen sie natürlich, dass es eine Friedensstadt ist, weil das ist ein Projekt, was es so ein zweites Mal in Deutschland nicht gibt, das ist natürlich ein kleiner Schritt in dem Ganzen. Ansonsten würde ich, der wirklich auch gebürtig Osnabrücker auch ist, ich könnte jetzt nicht behaupten oder explizit sagen, das sind extra Bemühungen seitens der Stadt, wo man sagt, da wird explizit drauf geachtet."

Am Abend treffe ich noch Masha Radbil. Wir sitzen auf dem verwaisten Schulhof, die Spielgeräte sind unberührt, Vögel zwitschern, eine völlig unschulische Ruhe liegt über dem Platz. Masha Radbil ist die Frau des Osnabrücker Rabbiners, hat zwei Kinder auf der Schule und ein drittes wird im kommenden Jahr folgen.

"Als erstes ist es natürlich schön, dass diese Schule für so eine kleine Stadt wie Osnabrück anbietet für jüdische Religion, dass Kinder mit jüdischer Herkunft und jüdischer Erziehung auch weiter das leben können. Wir sind leider nicht in einer Großstadt, wo man jüdische Schulen hat, deswegen ist dieses eine sehr gute Option für uns gewesen, vor allem - ich finde es gut - alle Religionen sind unter einem Dach und alle Religionen lernen sich kennen und zeigen eigentlich der Welt, dass man zusammen sein kann."

Die Schüler sind auf der Schule nur der eine Faktor, und die Kleinen sind religiös nicht so interessiert. Spannend ist da, sagt Frau Radbil, der andere Faktor: Die Eltern. "Ich glaub' das Wichtigste sind die Eltern, die hier zusammenkommen, dass die Eltern lernen miteinander umzugehen."

Die Menschen arbeiten gern zusammen

Und - wie inszeniert vom Presseamt der Stadt Osnabrück, erschallen über unserem Gespräch über den Religionsfrieden die bischöflichen Glocken.

"Weil - die Kinder, die kennen sich von der Straße oder vom Kindergarten oder anderen Vereinen, aber die Eltern kennen die Religion nicht und haben manchmal Vorurteile gegen anderen Religionen und dadurch, wenn sie in diese Schule kommen, fühlen die sich halt bereit, die andere Religion kennenzulernen."

Und zum letzten Mal auf dieser Reise stelle ich meine Standardfrage: "Friedensstadt" Osnabrück - ist das ein Label oder ein Projekt?

"Also es ist nicht einfach nur ein Logo, was vor der Einfahrt in Osnabrück ist, sondern es ist tatsächlich so. Die Menschen versuchen hier zusammenzuarbeiten. Natürlich gibt es solche und solche und die vielleicht nicht bereit sind, aber die gibt es überall. Aber hier in Osnabrück sieht man es ganz deutlich, dass die Menschen zusammen gern arbeiten."

Dann habe ich keine weiteren Fragen mehr. 500 Jahre Reformation und Mord und Totschlag und Rassenhass und Unfrieden - ich muss dem Sprecher der Stadt, Sven Jürgensen, Recht geben, der mir im Friedensaal gesagt hatte:   

"Wir können in der Stadt mit Erfahrungen aufwarten, die Schicksale gewesen sind, typische Schicksale, die für eine Generation oder für eine bestimmte Zeit stehen."

Und das Wort "eine bestimmte Zeit" umfasst dann wohl auch "eine bestimmte Zukunft". Ich fahre nach Hause. Erfreut optimistisch.

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