Montag, 25.06.2018
 

Kalenderblatt | Beitrag vom 11.04.2018

Attentat vor 50 JahrenZwei Kugeln trafen Dutschke in den Kopf

Von Monika Köpcke

Passanten schauen auf die Schuhe von Rudi Dutschke, die noch am Tatort liegen. Dutschke wurde am 11. April 1968 vor der Geschäftsstelle des SDS am Kurfürstendamm niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. (picture-alliance / dpa / Chris Hoffmann)
Der Tatort des Attentats: Die Schuhe von Rudi Dutschke liegen noch auf der Straße. (picture-alliance / dpa / Chris Hoffmann)

"Du dreckiges Kommunistenschwein" rief Josef Bachmann, bevor er auf Rudi Dutschke schoss. Für Berliner Studenten trugen auch Hetzkampagnen der Boulevard-Zeitungen eine große Mitverantwortung an dem Attentat.

"Es ist furchtbar anzusehen, es sind die beiden Schuhe von Rudi Dutschke noch auf der Straße. Es sind die Blutflecken zu sehen, sorgsam von Kreidestrichen umrahmt."

Die Fotos der Szenerie, die der Radioreporter am 11. April 1968 beschrieb, gingen um die Welt. Es war Gründonnerstag und strahlendes Wetter: An sein Fahrrad gelehnt, hatte Rudi Dutschke vor einer Apotheke am Berliner Kurfürstendamm auf das Ende der Mittagspause gewartet. Ein junger Mann war an ihn herangetreten, hatte sich nach seinem Namen erkundigt, eine Pistole aus seiner Jackentasche gezogen und abgedrückt.

"Außerdem liegt das Fahrrad noch genau in der Stellung, in der Rudi Dutschke auf den Bürgersteig dann stürzte, nachdem er von den drei, vier Schüssen getroffen wurde. Wirklich, es ist einfach schrecklich zu sehen."

Leitfigur der Studentenproteste

Rudi Dutschke war damals 28 Jahre alt. Nachdem er in der DDR immer wieder angeeckt war, ging er 1961 nach Westberlin, um Soziologie zu studieren. Sein rhetorisches Talent und seine Ausstrahlung machten ihn rasch zur Leitfigur der Studentenproteste. Als Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds war er bei allen großen Aktionen in der ersten Reihe dabei.

"Wir sollen uns nicht einbilden, dass gesellschaftliche Entwicklung zu einem Ende kommen könnte, sei es ein negatives oder positives Ende. Darum kann es keinen Abschluss der Revolution geben, muss es ununterbrochenen Kampf um neue Formen, um bessere, glücklichere Formen des Miteinanderlebens und –arbeitens geben."

"Nicht den tausend Extremisten gehört diese Stadt. Sie gehört den Menschen, die sie nach dem Krieg in mühseliger Arbeit wieder aufgebaut haben." (Beifall, Bravo-Rufe)

"Der sollte mal so richtig den Arsch vollkriegen"

Am 21. Februar 1968 sprach Berlins Bürgermeister Klaus Schütz zu den fast 80.000 Menschen, die sich vor dem Westberliner Rathaus versammelt hatten. Senatsangestellte hatten für diese Demonstration extra frei bekommen. Man wollte ein klares Zeichen setzen: Gegen die revoltierenden Studenten, gegen ihre Kritik am Krieg der USA in Vietnam. Der Zorn richtete sich vor allem gegen Rudi Dutschke:

"Verbrennen musste man sowat. - Naja, der sollte mal so richtig den Arsch vollkriegen, damit er auf Deutsch gesagt, damit ihn dat, wat sein Vater versäumt hat, noch nachjeholt werden könnte.- Der geht nach der Zersetzung der Demokratie."

Transparente stilisierten Dutschke zum "Volksfeind Nr.1" und zeigten ihn am Galgen baumelnd. Das war ganz im Sinne der Springer-Zeitungen, die schon länger mit reißerischen Karikaturen und Kommentaren gegen die aufmüpfigen Studenten hetzten.

"Man darf nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen", hatte die Bild-Zeitung Anfang Februar geschrieben. Einige Bürger nahmen das beherzt auf: Bei der Senatsveranstaltung vor dem Rathaus wurde ein junger Verwaltungsangestellter, der Rudi Dutschke ähnlich sah, von der Menge attackiert. In Todesangst flüchtete er sich in einen Polizeiwagen.

Anstreicher aus der rechtsextremen Szene

"Ein großer Mannschaftsbus der Polizei wird von den Demonstranten eingekreist. Sie donnern gegen die Scheiben, eine Gruppe von Polizisten versucht, den Bus zu schützen, in dem dieser Student sich versteckt hat. Nun kommt die Sperrkette der Polizei und drängt die Demonstranten weg." Im Hintergrund Rufe: Dutschke raus! -

"Du dreckiges Kommunistenschwein" hatte der Attentäter gerufen, bevor er auf Rudi Dutschke zielte. Sein Name war Josef Bachmann, ein arbeitsloser Anstreicher aus Niedersachsen, 23 Jahre alt und in der rechtsextremen Szene aktiv. Nur wenige Stunden nach der Tat wurde er verhaftet.

"Die Situation hier in Kreuzberg vor dem Axel-Springer-Verlagshaus hat sich derart zugespitzt, dass ..."

Für die Studenten trugen auch die Hetzkampagnen der Boulevard-Zeitungen eine große Mitverantwortung an den Schüssen. Noch während die Ärzte um das Leben von Rudi Dutschke kämpften, den zwei Kugeln in den Kopf getroffen hatten, entlud sich ihre Wut gegen Fahrzeuge und Gebäude des Springer-Konzerns; nicht nur in Berlin.

"... immer wieder prasselten die Steine gegen die Fassade und auch gegen die Fenster."

Josef Bachmann wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt, im Februar 1970 beging er in seiner Zelle Selbstmord. Rudi Dutschke überlebte zwar das Attentat, aber er wurde nie wieder ganz gesund. Am Heiligabend 1979 ertrank er in der Badewanne. Als Folge der schweren Kopfverletzungen hatte er einen epileptischen Anfall erlitten.

Mehr zum Thema:

Attentat auf Rudi Dutschke vor 50 Jahren - Drei Schüsse am Kurfürstendamm
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 10.4.2018)

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