Zwischenmenschliche Berührungen bei Andy Ingamells

    Musik berührt

    54:47 Minuten
    Auf einer Bühne im Freien versuchen sich zwei Spieler von Klebebändern zu befreien, mit denen sie aneinandergefesselt sind
    Wenn Körper aneinanderkleben: „Tape Piece“ von Andy Ingamells und Maya Verlaak © Andy Ingamells
    Von Julian Kämper · 08.06.2021
    Der britische Composer-Performer Andy Ingamells setzt zwischenmenschliche Berührung als Mittel ein, um sinnliche Verbindungen zu schaffen: zu Körpern, Alltag, Popkultur – und zum Publikum.
    "Musik berührt". Ausgehend von dieser überstrapazierten Metapher und der psychoakustischen Gesetzmäßigkeit, dass mit dem ganzen Körper wahrgenommen wird, widmet sich die Sendung denjenigen Arbeiten von Andy Ingamells, bei denen sich Menschen körperlich berühren. Ganz gleich, ob es sich um Hautkontakt zwischen Performer und Performer oder Performer und Publikum handelt.
    Der britische Komponist und Performancekünstler, 1988 in Sheffield geboren, lässt seinen entblößten Körper von Musikern kitzeln und wie ein Instrument bespielen. Er bindet zwei Performende mit Klebeband zusammen und lässt sie auf der Bühne um eine Entfesselung ringen. Oder er lädt das Publikum dazu ein, die Musizierenden – wie im Streichelzoo – anzufassen, um deren Instrumentalspiel zu beeinflussen.

    Haptische Vergewisserung

    Nachdem der (Künstler)Körper im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer mehr in den Fokus rückte und unabhängig von seiner Funktion als Klangerzeuger selbst als Leib ausgestellt wurde, wird bei Andy Ingamells die physische Präsenz der Bühnenakteure explizit, wenn sich das Publikum eben jener durch Berührung selbst vergewissern kann.
    Erotische, abstoßende oder schamhafte Berührungen spielen schon in der Performancekunst der 1960er eine Rolle. Im musikgeschichtlichen Kontext fragt sich daher, wie diese Formen der Berührung klanglich wirksam werden oder per se musikalisch sein können, wie Körperberührungen stimulieren oder klingen.
    Da der Mensch von der Haptik-Forschung jüngst zum "homo hapticus" erklärt worden ist, scheint die zwischenmenschliche Berührung ein existentielles Bedürfnis zu sein. Verwunderlich also, warum es im Feld der Neuen Musik so wenig haptische Konzepte gibt. Denn im buchstäblichen Sinne "hautnah" dabei ist man im Konzert für gewöhnlich wohl kaum. Bei Performances von Andy Ingamells kann das schon eher sein.

    Über Hemmschwellen
    Zwischenmenschliche Berührungen bei Andy Ingamells
    Von Julian Kämper

    Produktion: Dlf Kultur 2021
    Sprecher: Markus Hoffmann, Julian Kämper

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