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Fazit | Beitrag vom 15.03.2020

Zum Tod von Vittorio GregottiEin Schöpfer sozial und politisch bewusster Architektur

Marco de Michelis im Gespräch mit Britta Bürger

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Der italienische Architekt Vittorio Gregotti im von ihm entworfenen Theater- und Opernhauses Teatro degli Arcimboldi in Mailand. (Letizia Mantero / Fotogramma / IPA / imago-imeges)
Der italienische Architekt Vittorio Gregotti im von ihm entworfenen Theater- und Opernhaus Teatro degli Arcimboldi in Mailand. (Letizia Mantero / Fotogramma / IPA / imago-imeges)

Der Architekt Vittorio Gregotti ist nach einer Corona-Infektion mit 92 Jahren gestorben. Der Architekturhistoriker Marco de Michelis erklärt die Bedeutung eines in Deutschland wenig Bekannten - und erzählt vom Leben in Mailand in Zeiten von Corona.

Mit seinem Freund, Architekturkollegen und ehemaligen Professor Vittorio Gregotti, der heute an den Folgen einer Corona-Infektion mit 92 Jahren gestorben ist, habe ihn viel verbunden, sagt der Architekt und Architekturhistoriker Marco de Michelis. Gregotti habe an den wichtigsten Architekturdiskussionen und -debatten der letzten 50 Jahre teilgenommen. 

Zentrale Figur wichtiger Architekturdebatten

Er sei immer ein Vertreter der kritischen Moderne gewesen und habe maßgeblich an der Debatte über die Beziehung von Städtebau und Architektur teilgenommen, sich mit der Zentralität der Stadt als architektonischer Frage auseinandergesetzt, sagt Marco de Michelis.

Die Internationale Bauausstellung in Berlin 1987 könne man als Produkt von Gregottis Ideen und seiner Auseinandersetzung mit diesen Fragen betrachten, auch wenn er natürlich nicht der Einzige gewesen sei: Zusammen mit den Architekten Ungers, Sterling, Bohigas und Moreno sei Gregotti einer der wichtigsten Protagonisten dieser Debatten gewesen.

Das Belém Kulturzentrum in Lissabon. Besucher befinden sich in einem weitläufigen Innenhof in einer klar strukturierten modernen Steinarchitektur. (Robert Harding / imago-images)Das von Vittorio Gregotti entworfene Kulturzentrum Belém in Lissabon. (Robert Harding / imago-images)

Marco de Michelis sagt er könne bei Gregottis Arbeiten keine Gemeinsamkeiten oder eine Art Handschrift entdecken.

"Gott sei Dank nicht! Die Idee von Gregotti war, dass die Architektur zwar eine künstlerische Tätigkeit ist, aber dass das Zentrum der Architektur nicht eine ästhetische Frage ist, sondern eine soziale und politische Funktion. Er war kein 'Künstlerarchitekt', sondern genau das Gegenteil. Die Generation der 'Künstlerarchitekten' war für ihn ein Zeichen einer kulturellen Katastrophe."

Das Leben in Mailand in Zeiten von Corona

Für Gregotti sei Architektur nie ein Territorium des Exzentrischen oder Außerordentlichen gewesen, sondern ein Instrument, um das Leben der Menschen zu organisieren. Er habe eine soziale und politische bewusste Architektur geschaffen.

"Ich habe heute den ganzen Tag daran gedacht", sagt Marco de Michelis, "dass Gregotti ganz allein in seinem Krankenhausbett gestorben ist, während seine geliebte Frau gleichzeitig in einem anderen Zimmer im gleichen Krankenhaus lag. So ist das Leben in Mailand heute. Jeder ist allein zu Hause und die Straßen sind leer", sagt de Michelis. "Ich frage mich, ob das Leben wirklich wieder so wie früher werden wird oder welche Zeichen diese leere Zeit hinterlassen wird."

Das Corona-Krisenmangement in den europäischen Ländern sieht de Michelis kritisch. "Wir leben in einer Welt, die von Idioten dominiert wird, und zu dieser Mehrheit von Idioten zählen wir wahrscheinlich dazu." Man müsse aber auch sagen, dass die Lage schwierig zu verstehen gewesen sei.

"Ich habe den Eindruck, dass ich dieses Leben seit 20 Jahren lebe, aber in der Realität sind es zehn Tage", sagt Marco de Michelis. "Und vor zehn Tagen bin ich Skifahren gewesen!" Zu diesem Zeitpunkt habe man die Situation in Italien gar nicht richtig verstanden.

(rja)

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