Seit 01:05 Uhr Tonart

Freitag, 14.12.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Politisches Feuilleton | Beitrag vom 31.10.2018

Zum ReformationstagKirche - mehr als Glaubensverwaltung

Ein Hinweis von Marcel Schütz

Beitrag hören Podcast abonnieren
Benediktinerpropstei St. Gerold, Vorarlberg in Österreich  (imago / CHROMORANGE)
Die Kirche im Dorf lassen: Dafür plädiert Soziologe Marcel Schütz, wenn es darum geht, die Kirche als Organisation vom alltäglichen Leben zu trennen. (imago / CHROMORANGE)

Den Kirchen laufen die Mitglieder davon - nicht zuletzt wegen handfester Kirchenskandale. Doch "Kirche" bezeichnet nicht nur eine übergeordnete Organisation, sondern in erster Linie gelebte Gemeinschaft in den Gemeinden, sagt Soziologe Marcel Schütz.

Gewiss, die kirchlichen Feierstunden am Reformationstag mögen manchen selbstbezüglich erscheinen, als exklusive Events für Kulturprotestanten und Gewohnheitskatholiken. Doch bringen solche Ereignisse die Kirche noch ins Gespräch. Dabei ist ihr allerdings nicht nur zum Feiern zu Mute, steht sie doch vor kapitalen Herausforderungen ihrer Rollenbestimmung innerhalb einer Welt, in der es nicht mehr selbstverständlich ist, Mitglied einer Konfession zu sein.

Kirchen im Legitimationsdruck

"Volkskirchen" werden sie hierzulande genannt. Kein anderes Indiz für die Verkleinerung der Volkskirchen wird so sehr bemüht, wie der Kirchenaustritt. Dazu kommen Sparzwänge, Gemeindefusionen, sogar Kirchenschließungen.

Was die Kirche erfährt, ist ein Prozess der Verorganisierung, wie es die Managementforscher Nils Brunsson und Kerstin Sahlin beobachten. Galten Kirchen traditionell als Institutionen, als soziale Selbstverständlichkeit, wird von ihnen heute eine starke Legitimation verlangt. Die Erwartungen, die an Kirchen gerichtet werden, gleichen denen gegenüber ganz "normalen" Organisationen.

Ein Beispiel dafür liefern die Managementinstrumente, Strategie- und Reorganisationsprojekte, die aus der Wirtschaft stammen. In Zeiten rückläufiger Mittel und Nachfrage erscheint es nicht mehr akzeptabel, einfach zu sein, was man ist, sondern sich von Beratern erklären zu lassen, wie man werden müsse.

Vom Reformstress und Reformstau

All das bleibt nicht ohne Widerspruch. Macht sich die Kirche nicht verwundbar, verliert ihren Charme, wenn sie sich auf Ratschläge für gutes Management verlässt? Der Braunschweiger Bischof Christoph Meyns resümiert, dass durch die neuen Managementkonzepte in der Kirche auch "relativ unwichtige, aber einfach zugängliche Maßstäbe in den Vordergrund treten und wichtige, aber nur schwer überprüfbare Faktoren aus dem Fokus der Aufmerksamkeit geraten."

Eine soziologische Analyse förderte zu Tage, was die Reformprobleme der evangelischen von der katholischen Kirche unterscheidet. Während die Protestanten ermüdet seien vor lauter Haushalts-, Verwaltungs- und Gebietsreformen, sie regelrechten "Reformstress" erleben, verharre die römische Kirche im theologischen "Reformstau". Hier sei Ohnmacht an der Basis und ein Rückzug in informelle Kirchenpraxis die Folge.

Vom Geheimnis des Glaubens

Beides kann der Kirche nicht gut tun, Reformstress und Reformstau verdrängen, was die Kirche besonders macht: die sinnstiftende Qualität ihrer lokalen und globalen Gemeinschaft. In der Parochie, der örtlichen Gemeinde, wird Kirche vollzogen. In elementaren Interaktionen, Riten und Rhythmen. Es ist der Ort, an dem persönliche Nähe entsteht, ohne weiter organisiert werden zu müssen.

Die Gemeinde ist der Ort der Nähe und der Ferne, der direkten Verbundenheit und des weltumspannenden Glaubens, sie führt ihre Angehörigen ins Leben und aus ihm hinaus, sie stiftet Sinn für Präsenz und solchen für das Verborgene. Ein Wort der römischen Messe bringt es auf den Punkt: "Geheimnis des Glaubens."

Die Unbestimmtheit der Religion ertragen

In einer modernen Gesellschaft, mit den Worten Niklas Luhmanns, einer funktional, das heißt nach Aufgaben ausdifferenzierten Gesellschaft, erscheinen religiöse Gemeinschaften als nahezu unwahrscheinliche Gebilde. Ungeachtet dessen ist nicht schön zu reden, was in der Kirche im Argen liegt. Nur gilt es Augenmaß zu wahren, die Organisation der Kirche nicht zu überschätzen und ihre Interaktion nicht zu unterschätzen.

Die Modernität des Glaubens fußt darauf, ihn weiter zu begehen, obwohl man die Gründe kennt, die dagegen sprechen. Der kirchlich "organisierte" Gläubige ist nicht modern, weil er Religion hat, sondern: weil er immer noch fähig ist, ihre Unbestimmtheit zu ertragen. 

Schwarzweißfoto von Marcel Schütz, der einen Anzug trägt und ernst in die Kamera blickt. (privat)Der Autor (privat)Marcel Schütz lehrt Soziologie an der Universität Bielefeld und Betriebswirtschaft an der Northern Business School Hamburg. Forschung über Reform und Veränderung in Organisationen, u.a. aktuell mit einer Studie in der evangelischen Kirche. Aktuelle Veröffentlichungen: "Compliance-Kontrolle in Organisationen. Soziologische, juristische und ökonomische Aspekte" und "Unverstandene Union. Eine organisationswissenschaftliche Analyse der EU". Online ist er hier anzutreffen.

Weitere Politische Feuilletons des Autors

Direkte Demokratie - Lasst die Bürger den Präsidenten wählen!
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 13.09.2017)

Innovationskultur - Mit dem Unberechenbaren rechnen!
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 15.06.2017)

Unverstandene Union - Was jede Reform der EU so problematisch macht
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 07.10.2016)

Politisches Feuilleton

UmweltbewusstseinDer Trend zur Drittgarage
Zahlreiche Porsche Cayenne in einem Porsche-Werk in Leipzig (Jan Woitas/dpa)

Der globale CO2-Ausstoß befindet sich weltweit auf Rekordhöhe – auch in Deutschland. Doch der Normalbürger schert sich nicht um den Klimawandel und fährt mit wachsender Vorliebe SUV. Höchste Zeit, heilige Kühe zu schlachten, meint Philosoph Klaus Englert.Mehr

Deutsche EuropapolitikKüsschen statt Taten
Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Macron begrüßen sich. (dpa)

Deutsche Spitzenpolitiker wiederholen mit großem Nachdruck, wie pro-europäisch Deutschland sei. Aber was steckt hinter dieser Fassade? Politikwissenschaftlerin Sophie Pornschlegel meint: viel zu wenig.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur