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Zeitfragen | Beitrag vom 06.10.2020

Zukunft der InnenstädteDas Ende der Kaufhäuser, Malls und Einkaufsstraßen

Von Peter Podjavorsek

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Gemalte Postkarte vom Warenhaus Wertheim in der Leipziger Straße in Berlin. (picture-alliance / akg-images)
Attraktion in Berlin: Eine Postkarte aus dem Jahr 1910 zeigt das Kaufhaus Wertheim in der Leipziger Straße. (picture-alliance / akg-images)

Viele große Kaufhäuser müssen schließen. Shoppingsmalls sehen sich von der Konkurrenz des Onlinehandels bedroht. Auch Einkaufsstraßen veröden zunehmend. Wie lassen sich unsere Innenstädte neu gestalten?

Karstadt in den Gropius-Passagen, dem größten Einkaufszentrum Berlins. Hunderte Kunden schieben sich zwischen den Regalen hindurch. An den Kassen lange Schlangen. So voll war es hier wahrscheinlich lange nicht mehr. Kein Wunder, denn es gibt Rabatt auf alles: 30, 50, 70 Prozent. Der Grund: Das Haus wird in wenigen Wochen schließen, so wie fast 50 weitere Filialen von Galeria Karstadt Kaufhof.

Jahrzehntelang prägten Warenhäuser die Zentren unserer Innenstädte. Hertie, Bilka, Horten, Karstadt. Alle sind verschwunden, bis auf Galeria Karstadt Kaufhof. Nach dem Zusammenschluss der beiden Traditionshäuser Ende 2019 geriet auch die letzte verbliebene große Warenhauskette immer stärker in Turbulenzen. Die Coronakrise gab dem Konzern den Rest.

"Das waren Traditionspunkte in Innenstädten, wo Menschen nicht nur eingekauft haben, sondern sich auch miteinander verständigt haben." – Claus Kaminsky, Oberbürgermeister von Hanau, weiß wovon er spricht. Vor einigen Jahren schloss in der hessischen Kleinstadt eine große Karstadt-Filiale ihre Pforten. "Und insofern ist der Verlust von Warenhäusern in Innenstädten nicht nur der Verlust eines Einkaufsortes, sondern da geht ein Stück Innenstadt verloren, wie das in den letzten Jahrzehnten davor noch der Fall gewesen ist."

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"Für die kleineren und mittleren Städte ist der Verlust dieser Anbieter, die alle erforderlichen Bedarfe abdecken, ein ganz schwerer Verlust. Das ist wirklich bitter. Weil da die Frage ist: Warum soll ich überhaupt noch dahin einkaufen?" – Der Stadtforscher Thomas Krüger von der HafenCity Universität Hamburg sieht nicht nur das Warenhaus in der Krise, sondern den stationären Einzelhandel generell und mit ihm unsere gesamten Innenstädte.

Die Geburt der glitzernden Kaufhäuser

Dabei fing es einst, vor über 100 Jahren, vielversprechend an. "Das Geschäft erschien fast endlos mit seinen Schaufenstern im Erdgeschoss und seinen Spiegelscheiben im Zwischenstock, hinter denen man geschäftiges Treiben beobachten konnte. Es war ein riesiger Jahrmarkt. Das Geschäft schien vor Überfülle zu bersten und seinen Überfluss auf die Straße ausschütten zu wollen."

Das vom Eifelturm-Erbauer Gustave Eiffel mitentworfene Kaufhaus Au Bon Marché in Paris. (picture alliance / arkivi)Das vom Eifelturm-Erbauer Gustave Eiffel mitentworfene Kaufhaus Au Bon Marché in Paris. (picture alliance / arkivi)
Mit diesen Worten beschrieb der französische Schriftsteller Émile Zola Ende des 19. Jahrhunderts das Aufkommen der Warenhäuser in Paris. Als 1869 das Au Bon Marché als erstes Warenhaus Europas seine Türen öffnete, standen die staunenden Menschen Schlange. Unter einer kühnen eisernen Stützkonstruktion, die vom Eiffelturm-Erbauer Gustave Eiffel mitentworfen wurde, fanden sie sich eine Verkaufsfläche größer als sieben Fußballfelder. Ein schier unermessliches Warenangebot erwartete die Besucher: Modeartikel, Haushaltswaren, Schreibutensilien, Spielzeug – und das zu günstigen Preisen, wie sie keiner der umliegenden kleinen Händler anbieten konnte.

Ein Einkaufserlebnis für jeden

"Der Hintergrund der Entstehung der Warenhäuser war natürlich die industrielle Produktion, die Entwicklung von Manufakturen zu Massenprodukten." – Der Historiker Klaus Strohmeyer hat in einem Buch die Kulturgeschichte des Warenhauses untersucht und die gesellschaftlichen Veränderungen, die es mit sich brachte.

"Man kann sagen, dass es eine Verkehrung aller Prinzipien des Einzelhandelskaufmanns von früher war. Das fängt an damit: Wenn man in ein Warenhaus geht, dann sagt man nicht mehr guten Tag. Diese persönliche Bindung gibt es gar nicht. Da wurde auch nicht der Unterschied gemacht: der Herr Doktor, der Herr Direktor. Sondern es richtete sich an jeden. Es gab feste Preise. Es wurde nicht mehr verhandelt, so wie im Basar. Man bekam ein Umtauschrecht. Man hatte die Möglichkeit, die Waren erst mal anzusehen, zu begutachten, eventuell zurückzubringen, wenn sie einem doch nicht gefielen."

Blick in das Kaufhaus Au bon marché in Paris. (picture-alliance / Leemage / Stefano Bianchetti)Ein neues Einkaufserlebnis: Innenansicht des Au bon marché in Paris. (picture-alliance / Leemage / Stefano Bianchetti)

Hinzu kamen neue Formen der Präsentation. Die Waren wurden nicht mehr nur einfach zur Schau gestellt, sondern regelrecht inszeniert – mit Spiegeln, Stoffen, ausgeklügelter Beleuchtung. Auch die moderne Werbung entstand in dieser Zeit. Mit Zeitungsannoncen, Plakaten und Lichtreklamen zogen die Warenhäuser alle Register der Verkaufspsychologie, um Wünsche zu wecken und die Kunden zum Kauf zu verführen.

Warenhäuser als Attraktion und neuer Treffpunkt

Warenhäuser boomen. Und schon bald geht es nicht mehr nur darum, Gebrauchs­güter für viele erschwinglich zu machen. Um die Jahrhundertwende gibt es in vielen Metropolen Europas Warenhäuser, die zu Ikonen des luxuriösen Konsums werden. Sie sind innerstädtische Treffpunkte, Architekturdenkmale und Touristenattraktionen in einem. In Deutschland zunächst vor allem in Berlin.

Um die Jahrhundertwende sei das berühmte Warenhaus Wertheim am Leipziger Platz entstanden, erzählt der Historiker Strohmeyer. "Es gab große, luxuriös ausgestattete Innenhöfe, Lichthöfe, wo man ausruhen konnte mit Palmen, fast wie Oasen in der Kauflandschaft.  Es war ein bisschen eine Schlossarchitektur, die dort aufgegriffen worden ist, aber eben nicht für den Monarchen. Der Kunde war König. Man ging nicht zum Wertheim einfach nur, um einzukaufen, sondern als Event, würde man heute sagen, um spazieren zu gehen, um ein Erlebnis zu haben."

Blick in die Spielwarenabteilung des Kaufhauses Wertheim in der Leipziger Straße in Berlin (um 1927). (picture-alliance / akg-images)Eine Vielfalt an Waren und das zu günstigen Preisen: die Spielwarenabteilung des Kaufhauses Wertheim in der Leipziger Straße in Berlin (um 1927). (picture-alliance / akg-images)
Häuser wie das Wertheim oder das KaDeWe in Berlin setzten damals die Trends und waren Stadtgespräch. Und sie strotzten vor Selbstbewusstsein. "Wat Lage ist, bestimme ick", soll der Kaufmann Adolf Jandorf gesagt haben, als man ihm vorwarf, sein KaDeWe zu weit außerhalb des Zentrums von Berlin zu planen. Jandorf sollte Recht behalten.

Baumärkte und Möbelgeschäfte auf der grünen Wiese

Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs beginnt mit dem Wirtschaftswunder eine neue Ära der Warenhäuser. Sie vollenden, was ihre Vorgänger im 19. Jahrhundert begannen: Waren und Konsum für alle. Doch es dauert nicht lange, bis die Warenhäuser eine der ehernen Regeln der Branche zu spüren bekommen: Handel ist Wandel. Stück für Stück werden sie von Konkurrenten in die Zange genommen.

Ab den 80er-Jahren schießen auf der grünen Wiese Fachzentren für Heimwerkerbedarf, Unterhaltungselektronik oder Möbel wie Pilze aus dem Boden. In noch größeren Läden bieten sie noch größere Sortimente zu noch günstigeren Preisen an. In der Innenstadt machen Shoppingmalls und spezialisierte Handelsketten wie H&M Konkurrenz. Marken wie Apple wiederum schaffen es, einen regelrechten Hype um ihre Produkte zu kreieren. Kommt ein neues i-Gerät auf den Markt, belagern die Kunden schon am Vorabend die Apple-Stores. Warenhäuser wirken im Vergleich dazu geradezu altbacken und verstaubt.

Onlinehandel nimmt zu

Den größten Hieb versetzt aber der Onlinehandel. Ab Mitte der Nuller-Jahre erobert er immer größere Marktanteile. Während Amazon & Co. von Umsatzrekord zu Umsatzrekord eilen, schrumpfen die Gewinne der Warenhäuser – und des stationären Handels überhaupt – von Jahr zu Jahr. Der Handel, seit Jahrhunderten eine der Kernfunktionen der Stadtzentren, gerät in Bedrängnis.

Leere Innenstadt von Essen im März 2020 (picture alliance / dpa / Revierfoto)Corona macht dem Einzelhandel zu schaffen: die leere Innenstadt von Essen im März 2020. (picture alliance / dpa / Revierfoto)
Heute, mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie, droht vielen nun endgültig das Aus. "Eindeutig haben die großen Warenhausketten die Entwicklung viel zu spät erkannt. Es war eigentlich ja schon eine Krise vor Corona. Sie ist jetzt noch mal verschärft worden. Deswegen befürchte ich, dass die jetzt bekannt gewordenen Schließungen nicht die letzten sind." – Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes macht sich keine Illusionen.

"Nichts ist schlimmer als langer Leerstand in einer Innenstadt, möglicherweise über Jahre. Und ich bin der Überzeugung, die Lösung sieht nicht so aus: eine Kette raus, nächste Kette rein. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, gerade in Coronazeiten, online einzukaufen, haben damit teilweise auch ganz gute Erfahrungen gemacht. Und deswegen müssen die Städte darauf antworten."

Nur wie? Thomas Krüger lehrt an der HafenCity Universität Hamburg Stadtplanung. Er beobachtet die Entwicklung der Innenstädte schon länger mit Skepsis. "Das Kernproblem ist eigentlich diese Frage: Warum soll ich in die Innenstadt gehen? Also zum Einkaufen in den konventionellen Ketten, die es ja gibt, landauf, landab und überall, brauche ich nicht in die Innenstadt zu fahren. Es gibt keinen Grund. Wenn ich das Angebot überall finde, muss ich mir ja nicht mehr den Stress antun. Im Nahverkehr oder im Stau, Parkplatz suchend in der Innenstadt zu sein, wenn ich da eigentlich nichts Besonderes mehr sehe."

Innenstädte verlieren an Attraktivität

Nicht nur die Warenhäuser, so der Befund von Thomas Krüger, sind in der Krise, sondern die gesamten Innenstädte. Diese Entwicklung ist auch keineswegs neu, sondern sie hat sich über viele Jahre angebahnt.

"Die Innenstadt ist monofunktional geworden. Es ist eine Einkaufslage und sonst nichts. Es gibt wenig interessante Kulturangebote. Es gibt eigentlich auch keine Treffpunkte mehr, die nicht kommerziell sind. Es gibt auch nicht viel zu erleben, weil: Es ist ja eigentlich alles Shopping. Viele inhabergeführte Geschäfte finden nicht mehr statt. Und wenn ich eine neue Geschäftsidee habe, realisiere ich die garantiert nicht in der Innenstadt, weil das viel zu teuer ist. Und was die Gastronomie angeht, da finden Sie in den stärkeren Lagen nur noch Fast Food. Wir finden eigentlich nur noch To-go-Angebote und können nirgend­wo mehr nett sitzen, in einem schönen Kaffeehaus oder in einem angenehmen Restaurant. Das ist alles in der Nebenlage, wenn überhaupt."

Früher wohnten noch viel mehr Menschen in der Innenstadt. Es gab Schulen, Universitäten, kleine Kulturstätten und Kneipen. Fast all das ist verschwunden. Heute dominieren die Unternehmen die Zentren, die am meisten zahlen können. Auch die versuchen zwar zuweilen, kulturelle Angebote wie Lesungen anzubieten. In der Regel funktionieren sie aber nicht besonders gut. Die Folge sind gesichtslose Einkaufszonen, die in den Abendstunden verwaisen.

Thomas Krüger fordert deshalb nichts weniger als eine Neubesinnung der Innenstädte. "Wir brauchen die neuen Geschäftsideen, wo Waren, Dienstleistungen, Handwerk, vielleicht auch kulturelle Elemente und Gastronomie miteinander neue Kombinationen suchen. Das würde die Innenstadt wirklich interessanter machen. Die Innenstadt muss wieder etwas Besonderes werden, so wie sie historisch ja entstanden ist. Das war der Ort, wo es Dinge gibt, die es sonst nirgendwo gibt." Ein solcher Neuanfang ist einfacher gesagt als getan.

Ein neues Konzept für Hanaus Innenstadt

Hanau, 100.000 Einwohner, 20 Kilometer östlich von Frankfurt am Main: 2010 schloss mitten im Zentrum eine große Karstadt-Filiale ihre Pforten. "Das war ein zentraler Einkaufsmagnet, ein Frequenzbringer. Der ist uns verloren gegangen. Das gesamte Areal um den ehemaligen Karstadt ist von heute auf morgen ins Bodenlose gefallen", erinnert sich der Oberbürgermeister Claus Kaminsky.

Mehrere Jahre stand der große Klotz wie eine hässliche Zahnlücke in der Innenstadt. Neben Karstadt standen etliche weitere Läden leer. Und der Freiheitsplatz, zentral vor dem Rathaus gelegen, war kaum mehr als ein riesiger, öder Parkplatz. Kaminsky war klar: Es musste etwas passieren, wenn die Innenstadt nicht endgültig den Bach runtergehen sollte.

Blick auf das Forum Hanau (dpa / Arne Dedert)Stadtbibliothek, Läden, Cafés in einem Gebäude: Das Forum Hanau soll die Innenstadt neu beleben. (dpa / Arne Dedert)

Gemeinsam mit Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Planern beschloss er, gleich die gesamte Innenstadt neu zu gestalten. Mit dem Forum Hanau wurde ein Shoppingcenter errichtet, das architektonisch ansprechend ist und gewerbliche mit öffentlicher Nutzung verbindet. Neben den Ladengeschäften sind unter anderem die Stadtbibliothek, das Stadtarchiv und ein Medienzentrum integriert. Damit nicht genug. "Es ging um mehr als Einkaufen. Es ging um Wohnen. Es ging um Kultur. Es ging um die Schaffung eines neuen ÖPNV und, und, und. Eine Innenstadt, die interessant ist, braucht gastronomische Angebote, die braucht Erlebnisse. Da haben wir einen tollen Wochenmarkt. Solche Dinge, die sie unterscheidbar machen von anderen Städten."

Fehlentwicklungen durch Vorkaufsrecht entgegentreten

Tatsächlich gelang es den Stadtvätern, die Innenstadt damit wieder attraktiver zu machen und Menschen dorthin zu locken. Doch die Stadtverwaltung ging noch einen Schritt weiter. "Wir haben die ganze Innenstadt mit einer Vorkaufsrechtsatzung überzogen. Das hätten wir vor ein paar Jahren wirklich nicht denken können. Dass bei jeder Immobilie, die in Hanau weiterveräußert wird, dass das bei der Stadt vorbeikommt, und wir jedenfalls schauen wollen: Was geschieht mit dieser Immobilie? Was heißt das für das Umfeld? Was sind für Nachnutzungen vorgesehen? Und wenn die nicht passen, dann zu sagen: Jetzt versuchen wir, hier als Stadt in die Verantwortung zu kommen. Das ist auch ein Hebel, um bestimmte spekulative Dinge herauszunehmen. Weil nicht alles, was umsatzmäßig hoch dreht, wäre am Ende ein Gewinn für eine Innenstadt."

Mit dem Vorkaufsrecht will Claus Kaminsky Nutzungen ermöglichen, die es auf dem freien Markt schwer hätten. In einem Gebäude, das die Gemeinde erworben hat, vermietet sie das Erdgeschoss zu günstigen Mieten an Jungunternehmer. Im Moment betreibt dort eine Frau für drei Monate einen Pop-up-Store für Hundeartikel.

"Da soll eine junge Unternehmerin eine Chance kriegen, ob ihre Marktidee geht. Sie kombiniert das auch mit Onlineangeboten. Und wenn sie das ausprobiert hat, ohne dass sie ein finanzielles, möglicherweise ruinöses Abenteuer eingeht, geben wir ihr als Stadt eine Chance."

Keine Mietpreisbremse bei gewerblicher Nutzung

Die Nutzung des Vorkaufsrechts durch Städte und Kommunen ist nicht unumstritten. Apologeten des freien Marktes sind der Überzeugung, dass es die Privatwirtschaft besser kann. Andere fürchten, dass die öffentliche Hand Steuergelder für überteuerte Immobilien verpulvert. Auch in Hanau wurde das Vorkaufsrecht lange und kontrovers diskutiert.
 
"Aber wir brauchen Instrumente, damit wir als Städte nicht tatenlos zusehen. Weil: Die Menschen wenden sich doch an Politik und sagen: So kann es doch nicht weitergehen! Dann muss Politik Instrumente finden, die einer bestimmten Fehlentwicklung auch entgegenwirkt."

Die Besitzverhältnisse sind häufig ein Problem, wenn es um die Nachnutzung von Warenhäusern, aber auch von anderen leeren Ladenflächen geht. Immobilienbesitzer wollen in der Regel Rendite, und die bekommen sie von Ladenketten, Ärzten oder Anwälten.

Restaurant des KaDeWe in Berlin (picture alliance / Sergi Reboredo)Wenige Kaufhäuser wie das KaDeWe in Berlin haben sich behaupten können: Vom Restaurant des Warenhauses können Besucher über Berlin blicken. (picture alliance / Sergi Reboredo)

Eigentümer können dabei verlangen, was der Markt hergibt. Denn bei Gewerberäumen gibt es keine Mietpreisbremse und keinen Mietspiegel, der die Preise reguliert. Die Bundesregierung will daran auch partout nichts ändern. Kommunen haben deshalb nur begrenzten Spielraum – vor allem, wenn sie für den Ankauf von Immobilien nicht genügend Geld auf Tasche haben.
 
"Wir müssen die Immobilienwirtschaft dahin bewegen, weg vom Renditedenken zu kommen." – Stefan Müller-Schleipen sieht auch die Eigentümer in der Verantwortung. Ohne sie können die gegenwärtigen Probleme der Innenstädte nicht gelöst werden. "Da muss ein Umdenken stattfinden. Dass man weg von dieser renditeorientierten Investition hin zum Gemeinwohl als Mitaspekt denkt und sagt: Wie können wir mit unserem Geld dazu beitragen, den Wohlstand zurück in die Stadt zu bringen. Anstatt immer nur zu sagen: Kriege ich da zwei Prozent mehr – oder da noch etwas mehr."

Stefan Müller-Schleipen ist Geschäftsführer eines Unternehmens, das digitale Lösungen für eine nachhaltige Stadtentwicklung konzipiert. Der Ausbruch der Corona-Pandemie machte ihm auf dramatische Weise deutlich, dass dringend etwas geschehen muss. 50.000 bis 200.000 Geschäfte, so die Schätzungen, könnten in Folge der Pandemie insolvent gehen.

Ideenbörse die Zentren

Der Hanauer gründete deshalb eine Initiative: die Stadtretter. Damit will Stefan Müller-Schleipen möglichst viele Akteure – Kommunen, Händler, Stadtplaner, Immobilienbesitzer – zusammenbringen, um Lösungen für die Krise der Innenstädte zu suchen.

"Wir haben uns überlegt: Es gibt in Deutschland doch so viele gute Ideen, die schon umgesetzt sind. Aber die wenigsten Kommunen wissen voneinander. Warum muss eine bayerische Kommune das Rad neu erfinden von einer Idee, die in Norddeutschland schon umgesetzt wurde. Warum lernen die nicht voneinander, schauen sich die guten Sachen ab. Aber die vermeiden dann durch den Austausch vielleicht auch Sachen, die nicht so gut gelaufen sind."

Im Juni 2020 ging die Webseite online. Gerade einmal drei Monate später gibt es bereits 400 Kommunen und andere Beteiligte, die sich auf der Plattform miteinander austauschen, an Web-Talks oder Seminaren teilnehmen. "Aus unserem Netzwerk erkennen wir, dass eine unheimliche Kreativität in der Gesellschaft, in den Menschen der Stadt liegt, wenn man denen die Möglichkeit gibt, diese Kreativität auszuspielen. Und wir müssen jetzt gemeinsam handeln, um diese Krise zu bestehen. Das meine ich so, wie ich es sage."

Bislang gab es dieses gemeinsame Handeln nicht. Händler, Immobilieneigentümer und Stadtplaner redeten kaum miteinander, die Städte wurstelten vor sich hin. Erst jetzt, mit der angekündigten Schließung der Galeria-Karstadt-Kaufhof-Filialen, sind Politik und Wirtschaft auf einmal aufgescheucht und fangen an, gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Kümmerer für die Innenstädte

Stefan Müller-Schleipens Rat: Kommunen sollten über die Einsetzung eines lokalen Kümmerers, eines City-Managers nachdenken: eine Person, die alle relevanten Beteiligten zusammenbringt und sie motiviert, an Lösungen mitzuwirken. Einzelne Städte wie Hanau oder Erfurt haben gute Erfahrungen damit gemacht und im Stadtretter-Netzwerk bereits andere Kommunen inspiriert. Noch sind sie aber Einzelfälle.

Stefan Müller-Schleipen würde es deshalb begrüßen, wenn die Bundespolitik die Schaffung von City-Manager-Stellen fördert. Immerhin hat sie ein 500-Milliarden-Euro-Hilfspaket aufgelegt, um die Wirtschaft vor den Folgen der Corona-Pandemie zu schützen. "Dieser lokale Kümmerer, das ist bewiesen, dass es funktioniert. Das würde ich als Best-Practice-Beispiel für Deutschland sehen."

Auf der Stadtretter-Plattform wurden bereits zahlreiche Kontakte geknüpft und Ideen ausgetauscht. Manche sind auf den ersten Blick nicht wirklich spektakulär. Doch auch sie könnten dazu beitragen, die Innenstädte wieder attraktiver zu machen.

Innenstadt von Bernau in Brandenburg  (dpa / Bernd Settnik)Bernau in Brandenburg ist es gelungen, seine Innenstadt attraktiver zu machen. (dpa / Bernd Settnik)
"Wenn Sie auf die Webseite der Stadt Bernau bei Berlin gehen und dann auf der Seite das Stadtporträt anwählen, sehen Sie, wie es gelingt, eine 360°-Befliegung der Innenstadt nicht nur touristisch abzubilden: wo sind die Highlights, wo ich hingehen kann. Sondern wenn Sie oben links in die Ecke drücken und sich den lokalen Einzelhandel angucken, können Sie heute Mittag vom Schreibtisch, im Café vor Ort sich das Mittagsmenü angucken, können den Tisch reservieren oder beim Optiker vor Ort noch einen Brillentermin machen. Und das ist für mich die perfekte Verquickung von Online-Offline. Pfiffiges Unternehmen, das das umgesetzt hat. Kleine Stadt, die es anwendet, für schmales Geld. Und solche guten Lösungen möchte ich gerne bei den Stadtrettern weiterverbreiten und eine Bühne bieten."

Was wird aus den leeren Kaufhausgebäuden?

Die Karl-Marx-Straße in Berlin-Neukölln. Dichter Verkehr drängelt sich zwischen Baustellen, Radfahrern und Fußgängern hindurch. Neben den üblichen Ladenketten haben viele Geschäfte türkisch-arabischen Einschlag: Dönerbuden, Sisha-Bars, Bekleidungsgeschäfte für Hochzeitsmode. Immer wieder ist dieser Kiez wegen arabischer Clans in den Schlagzeilen.

Gleichzeitig entwickelt er sich zunehmend zum hippen Szeneviertel mit steigenden Mieten und allem, was dazu gehört. Mitten im Gewühl: ein großer Gebäudeklotz, der selbst im architektonisch nicht verwöhnten Neukölln mit seiner Hässlichkeit ins Auge sticht. Das ehemalige C&A-Warenhaus. Seit Jahren steht das Gebäude leer, zwischenzeitlich nur für einige Zeit als Unterkunft für Geflüchtete genutzt. Längst haben sich im Eingangsbereich Wohnungslose mit Matratzen eine Schlafstätte geschaffen.

"Was macht man mit einem 12.000 Quadratmeter großen Gebäude, mit einer so großen Fläche?" – Eine rhetorische Frage. Ryotaro Bordini Chikushi, ein Deutscher mit japanischen Wurzeln, weiß längst, was er dort will. "Es geht darum, den Einzelhandel zu retten. Wir möchten mit unseren Mitgliedern ein gemeinschaftliches Projekt aufsetzen, wo wir sagen: Wie können wir es schaffen, zusammen eine Plattform zu schaffen, die sie als Geschäft unterstützt und zum Erblühen bringt, aber gleichzeitig auch dem Kiez etwas bringt und den Leuten, die dort leben."

Bevor Chikushi nach Berlin kam, verdiente er sein Geld in Tokio – als Marketing-Experte im Bereich Einzelhandel. Er ist überzeugt, dass der stationäre Handel in einer Zeit, in der das meiste komfortabel per Mausklick bestellt werden kann, nur überleben kann, wenn er etwas Besonderes bietet, zum Beispiel Einkaufserlebnis gepaart mit Nachhaltigkeit, Ökologie und kosmopolitischer Weltanschauung. Das sind längst keine Nischenthemen mehr, jedenfalls nicht in einer Stadt wie Berlin.

Nachhaltigkeit und regionale Produkte

Im einstigen C&A-Gebäude sollen in den unteren Etagen deshalb vor allem solche Läden einziehen, die individuelle, besondere und nach Möglichkeit lokal hergestellte Produkte anbieten, die es im Onlinehandel so nicht gibt. Zentrale Anlaufstelle im Erdgeschoss soll die ehemalige Küche der Flüchtlingsunterkunft werden.
 
"Diese Küche werden wir zu einer Community Kitchen umnutzen, wo dann Küchen-Pop-ups, Küchenevents stattfinden können, wo wir aber auch gemeinnützige Ess-Events machen, wo wir den Kiez einladen, die dann kostenlos bei uns essen können."

Das ehemalige C&A-Kaufhaus in der Karl-Marx-Straße in Berlin Neukölln. (picture alliance / imageBroker / Joko)Steht schon lange leer: das ehemalige C&A-Kaufhaus in der Karl-Marx-Straße in Berlin Neukölln. (picture alliance / imageBroker / Joko)
In den Obergeschossen ist neben Einzelhandelsflächen ein Wellnessbereich mit Yoga, Massagen und Ähnlichem geplant. Eine Etage ist für Online-Gaming vorgesehen und Unternehmen, die in diesem Bereich arbeiten. In einer weiteren Etage sollen Start-ups und Unternehmen einziehen, die sich mit nachhaltiger Energiewirtschaft, smarten Gebäuden und nachhaltigen Lebensmitteln beschäftigen. Darüber hinaus soll es eine Kita geben, die Kinder der hier Beschäftigten sowie Kinder aus dem Kiez betreut.

C&A-Gebäude als Öko-Zentrum

Chikushis Vision geht aber noch weiter: Nicht nur die Läden und Dienstleistungen, sondern das gesamte Gebäude soll der Nachhaltigkeit und Ökologie verpflichtet sein. Biophil, wie er es bezeichnet.
 
"Biophil bedeutet, dass es einen kreislaufwirtschaftlichen Ansatz hat, dass es ein naturnahes Gebäude ist, das eine nachhaltige Energiewirtschaft hat, das einen sehr geringen CO2-Ausstoß hat, also wie ein Ökohaus. Biophil geht aber einige Schritte weiter, weil es auch die Bewohner oder Mitglieder des Hauses auffordert, Teil dieses biophilen Konzepts zu sein."

Rendite nicht als oberstes Ziel

Auch die Betreibergesellschaft selbst sieht sich als Teil dieses Konzepts: Sie ist eine gemeinnützige GmbH. Nicht Gewinnmaximierung steht hier im Vordergrund, sondern die Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl. Vielen mag ein solches Geschäftsmodell versponnen und unrealistisch erscheinen. Doch Ryotaro Chikushi ist überzeugt, dass immer mehr Menschen des Raubtierkapitalismus überdrüssig sind und Alternativen wollen.
 
"Es gibt genug Investoren mittlerweile und Geschäftsleute, die diesen Ansatz durchaus nachvollziehen können und auch unterstützen, mit ihrem eigenen Geld. Ihr investiert Geld, damit das möglich wird, und ihr bekommt eine sehr humane Rendite. Das heißt, die Investoren werden keinen Reibach damit machen, aber es wird eine sichere Anlage sein. Die investieren ein bisschen Geld und sie bekommen dafür einen vernünftigen Zinssatz."

Ryotaro Chikushis Projekt allerdings noch nicht in trockenen Tüchern. Die Verhandlungen mit dem Eigentümer des Gebäudes laufen noch. Der scheint grundsätzlich nicht abgeneigt, er will mit seiner Immobilie aber auch Geld verdienen.

Klimawandel bei Neugestaltung berücksichtigen

Noch sind Warenhäuser nicht Geschichte. Nach Schließung der geplanten Filialen von Galeria Karstadt Kaufhof werden noch rund 120 übrig bleiben. Dazu kommen ein paar kleinere unabhängige Warenhäuser. Einige dieser Filialen werden wohl längerfristig überleben – vor allem die, die Kaufen als Event zelebrieren, wie das KaDeWe in Berlin.

Doch die öffentliche Debatte scheint inzwischen weiter. In Folge der Corona-Pandemie sehen viele die Hoffnung darin, dass die Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre überdacht und Innenstädte neu gedacht werden könnten. Und das bezieht sich nicht nur auf Dienstleistungen und Handel.

"Da hoffe ich, ehrlich gesagt, ein bisschen auf die Diskussion im Zusammenhang mit Klimaschutz", sagt Gerd Landsberg vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. "Dass man die Innenstadt unter dem Aspekt Hitze, Dürre, Frischluftschneisen anders gestaltet. Grünflächen, Wasserspringanlagen, eine Außengastronomie. Ich bin sicher, dass viele Bürger das, je nach Ortslage, richtig gut fänden. Auch die Baustruktur muss sich ändern. Wir haben ja bisher Häuser immer so gebaut, dass alle immer viel Licht und Sonne hatten. Jetzt müssen wir vielleicht eher darauf achten, dass die Gebäude sich gegenseitig verschatten, damit sich die Innenstadt nicht aufheizt. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Insofern glaube ich, die Innenstädte werden in zehn Jahren anders aussehen als heute."

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Auch Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky ist überzeugt, dass es keinen Sinn macht, Dinge nur zu beklagen. "Sondern man muss schauen, was sind die Ideen, die Konzepte, damit wir die Innenstädte in der Zukunft möglicherweise auch mit noch weniger oder ohne Warenhäuser so entwickeln und erhalten können, dass auch die nächsten Generationen an den Innenstädten in Deutschland Freude haben. Möglicherweise, das muss ja unser Ziel sein, dass man in fünf oder sieben Jahren sagt: Es war eine schöne Zeit mit den Warenhäusern. Aber jetzt ist es auch schön. Anders schön vielleicht, als es unsere Eltern und Großeltern erlebt haben."

Sprecher/in: Nadja Schulz-Berlinghoff und Ulrich Blöcher
Ton: Andreas Stoffels
Regie:  Roman Neumann  
Redaktion: Martin Hartwig

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