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Interview | Beitrag vom 01.03.2021

Zerstörte Buddha-Statuen in BamiyanWarum nicht jeder Wiederaufbau sinnvoll ist

Reinhard Bernbeck im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Projektion einer Buddha-Statue in Bamyan, Afghanistan. In der Felswand standen bis 2001 bis zu 53m hohe Buddha-Statuen, die dann durch die Taliban gesprengt wurden. (imago images/Xinhua / Noor Azizi )
Die Buddha-Projektion in Bamiyan vermittelt einen Eindruck von der Pracht, der von den Taliban vor 20 Jahren zerstörten Statuen. (imago images/Xinhua / Noor Azizi )

Vor 20 Jahren zerstörten die Taliban die Buddha-Statuen von Bamiyan in Afghanistan. Eine Rekonstruktion würde Millionen kosten. Die Bevölkerung habe andere Sorgen, meint der Archäologe Reinhard Bernbeck. Es gebe Alternativen zu Wiederaufbau.

Die Buddha-Statuen von Bamiyan waren einst die größten stehenden Buddha-Statuen der Welt. Sie befanden sich bis zur Zerstörung durch die Taliban vor 20 Jahren im 2500 Meter hoch gelegenen, mehrheitlich von Hazara bewohnten Tal von Bamiyan, das sich im Zentrum Afghanistans befindet und von der UNESCO als Weltkulturerbe gelistet ist.

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Die beiden größten und bekanntesten dieser Statuen waren 53 und 35 Meter hoch. Sie waren historische Zeugnisse einer dort etwa vom dritten bis zum zehnten Jahrhundert praktizierten, in ihrer Art einzigartigen buddhistischen Kunst. Mittlerweile wurden die Nischen der Statuen abgesichert und ihre Trümmer geborgen. Es gibt Bestrebungen, die Statuen wiederaufzubauen.

Die Bevölkerung sollte gefragt werden

Reinhard Bernbeck, Professor am Institut für Vorderasiatische Archäologie der Freien Universität Berlin, merkt dazu an, dass die Statuen erst nach ihrer Zerstörung international bekannt und als Weltkulturerbe eingestuft wurden. Zuvor galten sie unter einigen Kunsthistorikern als "unästhetisch".

Von einem Wiederaufbau hält Bernbeck nicht viel. Vor allem sollte zunächst einmal die lokale Bevölkerung gefragt werden, findet er:

"Weil man auch die Felswände, in die die Statuen hineingehauen wurden, abstützen müsste, würde das Millionen kosten. Und ich denke, das ist in Afghanistan nicht zu vermitteln, dass man dafür große Mengen an Geld verwendet und auf der anderen Seite Afghanistan weiterhin eines der ärmsten Länder der Welt ist, mit Lebensmittelknappheit und mangelnder medizinischer Versorgung."

Afghanische Frauen laufen durch das Tal von Bamiyan. Im Hintergrund sieht man ein riesige Felsnische, wo die von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen standen. (picture alliance / S. Sabawoon)Afghanistan ist eines der ärmsten Länder der Welt. Warum also Millionen in den Wiederaufbau der Statuen Stecken statt in den Wiederaufbau des Landes? (picture alliance / S. Sabawoon)

Der Archäologe schlägt stattdessen vor, in der leeren Nische lieber ein Museum einzurichten, das auf die zerstörten Statuen verweist. Dies wäre aus seiner Sicht eine gute Möglichkeit, zu zeigen, "dass Statuen ein soziales Leben haben: Sie verändern sich mit der Zeit."

Der Versuch, die Vergangenheit zurückzuholen

Für Bernbeck gilt das auch für andere Kulturgüter und Bauwerke wie etwa die Stadtschlösser in Berlin und Potsdam. Beide wiederaufzubauen, war seiner Meinung nach nicht die richtige Entscheidung:

"Das ist der Versuch, die Vergangenheit irgendwie wieder hervorzuholen. Man sollte einfach den Prozess, durch den die Zeit hindurchgegangen ist und der materielle Kultur in gewisser Weise verändert hat, einfach so lassen, wie er ist. Oder es weiter verändern."

Eine anachronistische Symbolik

Bernbeck nennt dafür Beispiele wie etwa die große Lenin-Statue in Berlin, die zunächst entfernt und in einer Grube versenkt wurde. Später wurde nur der Kopf wieder ausgegraben und in der Zitadelle im Bezirk Spandau ausgestellt.  

"Ein Wiederhervorholen der Vergangenheit ist ein problematisches Unterfangen. Es führt nicht dazu, dass diese Vergangenheit in irgendeiner Weise zurückkehrt und die Symbolik davon ist im Zweifelsfall eine sehr anachronistische."

Es werde immer wieder "Konjunkturen von Zerstörung" von Denkmälern und Kulturgütern geben, so Bernbeck weiter. Etwa ganz aktuell die Demontage einer Statue, die an den britischen Sklavenhändler Edward Colston erinnerte. In Bristol hatten Demonstranten aus Protest gegen Rassismus die Statue ins Hafenbecken geworfen.

(mkn)

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