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Frühkritik | Beitrag vom 03.04.2020

Young-ha Kim: "Aufzeichnungen eines Serienmörders"Das Böse hat Alzheimer

Von Tobias Gohlis

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Buchcover zu Young-Ha Kim: "Aufzeichnungen eines Serienmörders" (Cass / Deutschlandradio)
Über das Leben lässt sich am schärfsten nachdenken, wenn es entschwindet: So könnte eine Weisheit aus Young-Ha Kims Roman "Aufzeichnungen eines Serienmörders" lauten. (Cass / Deutschlandradio)

Morden, um sich zu erinnern: "Aufzeichnungen eines Serienmörders" von Young-ha Kim handelt von einem Täter, dessen Welt sich durch Alzheimer auflöst. Dieser perfekt komponierte Krimi steht im April auf Platz eins unserer Krimibestenliste.

Beinahe zwanghaft fragt man sich dieser Tage, ob das Buch, das man liest, krisentauglich ist und ob es irgendwie helfen könnte, mit Unsicherheit und Angst besser klarzukommen. Ausgerechnet "Aufzeichnungen eines Serienmörders" von Young-ha Kim, ein schmales, perfekt gestaltetes Buch aus dem kleinen Thüringer Cass Verlag erweist sich, in paradoxem Widerspruch zu seinem Titel, als besonders ermutigend. Es ist ein Thriller – so spannend, dass er erfolgreich verfilmt wurde –, der die grundlegenden Fragen stellt: Wozu leben wir überhaupt? Hat dieses Leben einen Sinn? Können wir es sinnvoll gestalten? Bin ich auf mich allein gestellt?

Die "Aufzeichnungen eines Serienmörders" stammen von dem 1968 geborenen koreanischen Schriftsteller Young-ha Kim, der als eines der größten Talente seiner Generation gilt. Mit dem Titel seines ersten Romans behauptete er: "Ich habe das Recht, mich selbst zu zerstören."

Ein Krimi wie Bachs "Kunst der Fuge"

Auf dieser Linie paradoxer Selbstbezweifelung liegen auch die vorliegenden Aufzeichnungen des 70 Jahre alten Tierarztes Byongsu Kim. Vor 25 Jahren hat er seine Karriere als Serienmörder beendet, nachdem er die Eltern des Mädchens getötet hat, das er seitdem als seine Tochter aufzieht.

Byongsu Kim hat Alzheimer, die Welt um ihn herum löst sich auf. Nur eine Gefahr nimmt er immer schärfer wahr: Ein anderer Serienkiller ist aufgetaucht, der seinen Modus Operandi imitiert. Der alte Serienkiller ist fest davon überzeugt, dass der junge Rivale seine Tochter umbringen will.

Die "Aufzeichnungen eines Serienmörders" ähneln Johann Sebastian Bachs "Kunst der Fuge", in der ein einziges Thema in allen seinen Möglichkeiten entfaltet wird. Die Tochter schützen, den Rivalen besiegen, den Verstand nicht verlieren – das sind die wenigen Elemente, die Young-ha Kim in seinem Meisterwerk kunstvoll lakonisch durchspielt – bei schwindendem Bewusstsein.

Ein schlechter Scherz

Und einer gehörigen Portion Sarkasmus: "Alzheimer ist ein schlechter Scherz, den sich das Leben mit einem alten Serienmörder erlaubt", lautet eine Bemerkung des Mannes, der aufschreiben muss, was er jetzt tun will, um es nicht zu vergessen.

Über das Leben lässt sich am schärfsten nachdenken, wenn es entschwindet – das wäre eine der vielen Lehren zur Lebenskunst, die dieser wunderbar durchdachte und komponierte Kriminalroman ganz nebenbei enthält. André Breton hätte ihn in seine berühmte "Anthologie des schwarzen Humors" aufgenommen.

Young-Ha Kim: "Aufzeichnungen eines Serienmörders"
Aus dem Koreanischen von Inwon Park
Cass Verlag, Bad Berka 2020
152 Seiten, 20 Euro

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