Yaa Gyasi: "Ein erhabenes Königreich"

    Alltägliche Blicke und Benachteiligungen

    05:45 Minuten
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    "Ein erhabenes Königreich" erzählt von Drogensucht, Depression und Rassimus im Einwanderungsland USA. © Dumont Verlag / Deutschlandradio
    Von Sonja Hartl · 13.08.2021
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    Im zweiten Roman der ghanaisch-amerikanischen Autorin Yaa Gyasi kämpft eine junge schwarze Wissenschaftlerin in den USA um ihre Anerkennung. Es ist eine Geschichte der Auseinandersetzung mit Familiengeschichte und Rassismus.
    Das Labor an der Stanford University ist Giftys Königreich: Dort erforscht sie das Suchtverhalten von Mäusen. Erst macht sie die Tiere süchtig nach einem Energydrink, den sie erhalten, wenn sie eine Taste betätigen. Nach einiger Zeit verändert sie diesen Mechanismus: Statt des Getränks bekommen die Mäuse einen leichten Stromschlag, sobald sie die Taste drücken.
    Einige Mäuse nehmen sofort die Pfote von der Taste, andere nach einer Weile – doch die dritte Gruppe ist es, die Gifty interessiert: Diese Mäuse betätigen die Taste immer wieder; sie sind ihrer Sucht ausgeliefert. Mithilfe eines bildgebenden Verfahrens erforscht die Wissenschaftlerin die neuronalen Abläufe ihrer haarigen Probanden und hofft herauszufinden, warum sie nicht aufhören können – und ob es möglich ist, sie durch gezielte Stromstöße von ihrer Sucht zu befreien.
    Doch mit ihrer Forschung kommt sie nicht gut voran: Ihre Mutter ist aus Alabama zu ihr nach Kalifornien gekommen. Sie hat eine schwere Depression und schafft es nicht, aus dem Bett aufzustehen.

    Zwischen Wissenschaft und evangelikaler Kirsche

    Zu Beginn des Romans "Ein erhabenes Königreich" ist es die Wissenschaft, die Giftys Leben einen Sinn gibt. Hier sucht sie nach Erklärungen für den Drogentod ihres Bruders und die Depression ihrer Mutter. Es ist bereits der zweite Weg, auf dem sie sich Erkenntnisse erhofft. Der erste war der Glaube.
    Ihre Mutter hatte sich nach ihrer Emigration aus Ghana einer evangelikalen Kirche in Alabama angeschlossen – einer weißen erzkonservativen Glaubensgemeinschaft, in der Giftys Familie die einzigen Schwarzen waren. Erst spät hat Gifty den Rassismus dieser Kirche erkannt, ihre Mutter ignoriert ihn bis heute.
    Der Widerspruch zwischen Glaube und Wissenschaft prägt Giftys Leben und auch ihre Erinnerungen an ihre Kindheit in Alabama. Er durchzieht diesen Roman und drückt sich sprachlich in einem Nebeneinander von nüchterner Prosa und bildgewaltigen Passagen aus. Er ist der Filter, durch den Gifty alles verstehen zu versucht: warum ihr Vater nach Ghana zurückgegangen, ihr Bruder gestorben und Mutter krank ist; warum sie zwar die Beste ist, sich aber dennoch nicht anerkannt fühlt.

    Schwere Kost: Rassismus und Sucht

    In Giftys Erinnerungen verhandelt "Ein erhabenes Königreich" auf mühelose Weise komplexe, sehr gegenwärtige Themen wie die fahrlässige Verschreibung süchtig machender Medikamente. Es geht um die Unmöglichkeit, über institutionalisierten Rassismus zu sprechen, wenn Kinder nicht wissen, dass es für die alltäglichen Beschimpfungen, Blicke und Benachteiligungen einen Begriff gibt.
    Der Roman thematisiert die Auswirkungen, die die Einwanderungserfahrungen der Eltern auf das Leben der Kinder haben. All das prägt Giftys Leben, nimmt es aber nicht vollständig in Besitz.
    Gifty sagt sich von sich selbst, dass es ihr nicht darum geht zu verstehen, wie das Leben mit Sucht und Depression ist – sie will diese Krankheiten heilen. Und doch ist dieser bemerkenswerte Roman genau das: der Versuch, diesen Leiden und dem Leben selbst auf die Spur zu kommen.

    Yaa Gyasi: "Ein erhabenes Königreich"
    Aus dem Englischen übersetzt von Anette Grube
    Dumont Verlag, Köln 2021
    304 Seiten, 22 Euro

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