Alice Grünfelder: "Wolken über Taiwan"

Besuch in einem bedrohten Land

06:49 Minuten
Das Cover des Buchs „Wolken über Taiwan“ von Alice Grünfelder zeigt eine Stadt mit Wolkenkratzern und traditionellen chinesischen Häusern.
© Rotpunktverlag

Alice Grünfelder

Wolken über Taiwan. Notizen aus einem bedrohten LandRotpunktverlag, Zürich 2022

263 Seiten

28 Euro

Von Marko Martin · 19.04.2022
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Mitten in der Corona-Pandemie spürt Alice Grünfelder dem Leben in der demokratischen Inselrepublik Taiwan nach und schafft literarische Notate von A wie Abschied bis Z wie Zeichen. Und sie provoziert dabei Fragen, die auch uns in Europa betreffen.
Ein Land, in dem die gleiche Sprache gesprochen wird wie im benachbarten Riesenreich, welches sich als „großer Bruder“ gibt und beinahe täglich mit Einmarsch droht. Spricht man nicht die gleiche Sprache, gehören die Nachbarn also folglich nicht zur Familie? Von wegen, sagt man dort. Sprache und Teile gemeinsamer Kultur sind nicht alles – wohl aber die freiheitliche Verfasstheit, die man sich selbst gegeben hat. Deshalb möchte der „kleine Bruder“ auch am liebsten in Ruhe gelassen werden „und draußen in Freiheit spielen“. 
Nein, es ist nicht Kiew, wo die Sinologin und Schriftstellerin Alice Grünfelder diese Sätze hört, sondern Taiwans Hauptstadt Taipeh, wo sie 2020 ein halbes Jahr verbracht hat. Ihr Buch „Wolken über Taiwan. Notizen aus einem bedrohten Land“ ist selbstverständlich lange vor dem russischen Angriff auf die Ukraine entstanden, doch lässt sich zurzeit solch „paralleles Lesen“ wohl kaum vermeiden. Das schadet diesem Buch, das konzise literarische Notate von A bis Z versammelt - von „Abschied“ bis „Zeichen“ - keineswegs, denn es schärft den Blick auf das Eigentliche: Ein totalitäres System kann in seinem sogenannten Kulturkreis kein freies Land dulden, da dessen Existenz zu Vergleichen geradezu zwingt und Schlussfolgerungen nahelegt – ein anderes Leben als unter der Knute eines „Führers“ ist nicht nur vorstellbar, sondern pure Realität.

Was man in Nudelrestaurants lernen kann

Hinzu kommt, dass Alice Grünfelder in just jenem Moment auf die Insel kommt, in dem weltweit die Covid-Pandemie ausbricht. Im Unterschied zu China gängeln in Taiwan jedoch weder Armee noch Parteisekretäre die Menschen, sondern es ist die gemeinsame Einsicht, sich und andere schützen zu müssen. Dass die Regierung mit den Daten ihrer Bürger kein Schindluder treibt, garantieren der Rechtsstaat und das parlamentarische System. Außerdem hat da ein ehemaliger Hacker namens Audrey Tang ein wachsames Auge drauf, als Digitalminister(in) die erste Transperson in einem solchen Amt weltweit.
Zum Glück verlässt die Zugereiste (mit Mundschutz) häufig ihr Apartment, sodass wir Lesenden nicht mit jener typischen Stipendiatenprosa traktiert werden, die vor allem um die eigene Befindlichkeit vor Ort kreist. Im Gegenteil: In Nudelrestaurants lassen sich ebenso Kenntnisse erwerben wie in Tempeln, bei Ausflügen in die nahe Bergwelt, in Museen oder Buchhandlungen. Eine von ihnen hat übrigens ein Buchhändler gegründet, der 2015 aus Hongkong in die Volksrepublik China verschleppt worden war und sich nun hier in Taipeh eine neue Existenz aufgebaut baut – ohne Angst vor Zensur und Geheimpolizei.

Chinesische Jagdbomber in Taiwans Luftraum

Obgleich das übermächtige China die Taiwanesen nie vergessen lässt, dass es nicht nur die staatliche Existenz ihres Landes leugnet (und international dafür sorgt, dass Taiwan nicht als eigenständig anerkannt wird), sondern in jedem Augenblick den Angriff starten könnte: Regelmäßig brechen chinesische Jagdbomber mit Überschallgeschwindigkeit in den Luftraum ein. Und so hört auch die Autorin häufig dieses Rauschen und Knallen am Himmel. Und wundert sich, mit welcher Gelassenheit – und Energie zur Verbesserung ihrer Demokratie – die Taiwanesen dieser Bedrohung begegnen. 

Deutsches Referenzsystem wird kaum hinterfragt

Schade, dass Alice Grünfelder bei all ihrer Beobachtungsgenauigkeit mitunter intellektuell unterkomplex bleibt und ihr eigenes deutsches Referenzsystem kaum hinterfragt. Denn wie spannend wäre es gewesen, über die gerade in Taipeh zu gewinnende Einsicht zu reflektieren, dass die Existenz einer zivilen Gesellschaft nie und nimmer allein mit lediglich zivilen Mitteln verteidigt werden kann. Aufschlussreich der Eintrag unter „F“ - F wie Frieden. Allen Ernstes fragt die Autorin, weshalb es denn in Taiwan keine „Friedensbewegung“ gäbe und ob man auf einen chinesischen Angriff nicht mit Blumen antworten könne, da doch Aufrüstung (durch amerikanische Waffen) et cetera. Per Mail wird ihr daraufhin die knappe und plausible Antwort von einer Taiwan-Expertin geschickt: „Mit Aufrüstung werde Abschreckung bewirkt, damit eine Invasion für China zu teuer wird.“ Womit dieses inspirierende Buch sogleich wieder in unsere jetzigen Debatten führt.
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